Es gibt viele wunderbare Seiten am Älterwerden, sage ich mir immer wieder. Zum Beispiel die Unsicherheit, die weg ist. Man kennt sich inzwischen, weiß, was man kann und was nicht. Das entspannt ungemein. Allerdings: Man wird engstirniger und unflexibler. Ich merke das nicht nur an anderen, sondern auch an mir. Vor allem, wenn es ums Essen geht.

Meinen Mann macht es fast wahnsinnig, dass ich stets eine sehr genaue Vorstellung habe, was ich essen will und wie es schmecken soll. Er rühmt sich, eher tolerant zu sein.

Letzte Woche jedenfalls wollte ich unbedingt einmal wieder Cevapcici essen. Ich verbinde damit schöne Urlaubs- und Kindheitserinnerungen.

Meine Mutter machte diese würzigen Hackfleischröllchen ganz wunderbar. Beim Jugoslawen hatten meine Eltern auch ihre Hochzeit gefeiert, weil Cevapcici mit Djuvec-Reis und Ajvar in den Siebzigerjahren in etwa so in Mode war wie heute eine hawaiianische Poke-Bowl.

Poutine in der Arminiusmarkthalle in Moabit

Als ich hörte, in der Arminiusmarkthalle in Moabit habe nun ein Restaurant namens Sljiva eröffnet, das meine geliebten Balkan-Gerichte auf der Karte führt, schleppte ich meinen Mann dahin. Leider hatte es, anders als im Netz angegeben, genau an diesem Abend zu, was mir einen Beweis an Flexibilität abverlangte. Ich wollte den Test vor meinem Mann unbedingt bestehen und statt ihn stundenlang von Stand zu Stand zu schleppen, um zu gucken, auf was ich stattdessen nun Appetit hatte, setzte ich mich spontan an den nächstbesten Hochtisch. Er gehörte zu The Poutine Kitchen.

Poutine ist, wie mir einfiel, eine in Kanada beliebte Fast-Food-Spezialität, die aus dicken, doppelt frittierten Pommes mit darüber gebröckeltem Käse und Bratensoße besteht.

Auf keinen Fall wollte ich jetzt einknicken und doch kompliziert sein, weshalb ich schnell bestellte: einmal Quebec Classic, denn dort wurde die Poutine in den Fünfzigern erfunden, und die Poutine Berlin. Mir lag auf der Zunge, die Bedienung wenigstens zu bitten, die Bratensoße nicht über die Pommes zu kippen, sondern sie mir in einem extra Schälchen zu geben, denn ich hasse durchweichte Pommes. Doch ich verbot es mir. Zufrieden mit mir setzte ich mich wieder neben meinen Mann, der irgendwie unglücklich dreinblickte, wohl weil er sich den Abend anders vorgestellt hatte. Und auch, weil er mich insgeheim beschuldigt, meinetwegen sieben Kilo zugenommen zu haben. Ich tat, als merke ich nichts.

Soße für Poutine wird aus Pilzen gemacht

Außerdem gefiel mir The Poutine Kitchen. Ein alter rot-weißer VW wurde längst halbiert und dient als Tresen für die Schnellküche, die aus mehreren Frittierkörben und einer Kochplatte besteht. Darin wird die Soße gekocht, die hier nicht aus Bratensaft, sondern aus Pilzen gemacht wird. Meine Bestellung wurde mir durchs heruntergekurbelte Fenster gereicht.

Es war ein unfassbar großer Haufen Pommes, darüber Soße und Cheese Curds – Käsebruchstücke, die bei der Herstellung von Cheddar-Käse entstehen. Die leicht salzigen Stücke weichen von den heißen Pommes an den Rändern etwas auf. Sonst haben sie eine eher feste Textur und quietschen beim Kauen zwischen den Zähnen. Mir machte das gute Laune, zudem passten die samt Schale frittierten Pommes als Kontrast dazu eigentlich ganz hervorragend. Auch die passierte Pilzsoße hatte ein schönes, fast fleischiges Umami-Aroma.

Poutine Berlin

Die Poutine Berlin, die noch in Stücken frittierte Currywurst darüber gestreut hatte, schob ich meinem Mann rüber – in der Hoffnung, die Wurst möge ihn aufheitern. Doch er rührte sie kaum an. Mein Mann sagt mittlerweile, er habe neun Kilo zugenommen. Keine Ahnung, woran das liegen könnte.