BerlinMan muss von Schach nicht viel verstehen, um sich von der Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“ (zu Deutsch: „Das Damengambit“) begeistern zu lassen. Warum? Weil es in der Serie nicht (nur) um Schach geht, sondern um eines der ältesten Themen der Kulturgeschichte: um Leidenschaft.

Sensibel und in schönen Bildern erzählt die Serie nach dem Roman von Walter Trevis die fiktive Geschichte der Profi-Schachspielerin Beth Harmon. Ihr Schicksal beginnt lakonisch: In den 50er-Jahren der USA entwickelt das junge Mädchen als Neunjährige in einem Waisenhaus ihre erste Medikamentenabhängigkeit und entdeckt außerdem (oder besser gesagt: trotzdem) ihr Talent für Schach – ein männerdominiertes Spiel.

Der Sexismus, gegen den sie sich durchsetzt, verbirgt sich in kleinen Sätzen. „Mädchen spielen kein Schach“, sagt Beths erster Schachmentor. Anstelle eines eigenen Schachbretts schenkt ihr der Mann vom Schachclub eine Puppe, die das Mädchen direkt im Müll entsorgt. Bei ihrem ersten Turnier rät man ihr von der Teilnahme ab, da es keine separate Abteilung für Frauen gibt. Doch Beth zerstreut alle Vorurteile und gewinnt den Respekt ihrer männlichen Kontrahenten. Auch wenn man es nicht vermuten würde: Niemand legt ihr aufgrund ihres Geschlechts ernsthaft Steine in den Weg. Daher ist „The Queen’s Gambit“ auch keine klassische Emanzipationsgeschichte, sondern eher eine stille Charakterstudie.

Die Stärke der Serie liegt nicht allein darin, dass sie die Faszination für den Schachsport mit einer solchen Überzeugungskraft darstellt, dass man selbst mitspielen möchte. Sie ist vor allem auch der Glaubwürdigkeit der Protagonistin geschuldet. Beth Harmon, vielschichtig dargestellt von Anya Taylor-Joy, ist eine starke und zugleich verletzliche Heldin. Sie ist verschlossen, in sich gekehrt, impulsiv und arrogant. In einem von Schicksalsschlägen gepflasterten Leben bietet ihr Schach die Möglichkeit, Kontrolle zu übernehmen.

Die zentrale Geschichte ist dabei keineswegs neu: Junger Mensch aus bescheidenen Verhältnissen hat nichts außer einer Passion und Begabung und wird zum Star. Es ist das Narrativ des amerikanischen Traums, vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Waisenkind zur Schachweltmeisterin. Durch Training und harte Arbeit setzt sich Beth nicht nur gegen ihre Gegner durch, sondern vor allem auch gegen ihre eigenen Schwächen. Sie erinnert an eine Variante von Rocky Balboa, nur sehr viel klüger und besser gekleidet. Gut erzählte Geschichten über Menschen, die ihre persönliche Leidenschaft verfolgen, üben eben eine ungebrochene Anziehungskraft aus. Und diese Geschichte ist wunderbar erzählt.