Wer kennt ihn nicht, den Joe McCarthy? Der Mann ist ein Mythos geworden, ein Schreckgespenst, eine Person, die hinter ihrem legendären Namen verschwunden ist. Für amerikanische Demokraten ist McCarthy der Antichrist, der Stoff, aus dem Sarah Palin gemacht ist.

In Deutschland bringt man den Senator aus Wisconsin gern in Verbindung mit dem in Wahrheit lange vor seiner Zeit gegründeten „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ und hält ihn fälschlicherweise für den Mann, der Bert Brecht verfolgte und Charlie Chaplin.

McCarthys Zeit kam jedoch erst später; mit ihm verbindet man die Hetzjagd auf Kommunisten, die in den USA der frühen 1950er-Jahre zahllosen verfemten Bürgern die Existenz kostete, als Mao in China die Volksrepublik gründete und Chruschtschow die Atombombe zündete. Später wurde Joe McCarthy Namensgeber für jegliches Umschlagen der Demokratie in ein paranoides System der Bespitzelung und Verketzerung.

Jetzt holt eine Dokufiction von Lutz Hachmeister den Menschen McCarthy aus der Versenkung in den Mythos zurück. Man sieht einen sympathischen Farmersohn aus Appleton, Wisconsin, einen breitschultrigen, smarten Kerl, der Jura studiert hat, aber in seinem Habitus nie die Herkunft vom platten Land ablegen wird.

Einer, der sich mit seinen Freunden ins Wasser wirft, obwohl er gar nicht schwimmen kann, nur weil er nicht als Versager allein am Schwimmsteg zurückbleiben will. Ein geltungssüchtiger Mann, der gern im Mittelpunkt steht, und als Senator die Droge Populismus entdeckt.

Der Film verfolgt mittels zahlreicher Zeitzeugeninterviews die These, nicht politische Überzeugung, sondern die Eitelkeit habe McCarthy zum Kommunistenjäger gemacht. Gierig nach Applaus macht er sich zum Sprachrohr einer spezifischen american angst. McCarthy wusste genau, dass sich in der Furcht der Amerikaner vor den Kommunisten auch das Unbehagen gegenüber den Eierköpfen an der Ostküste ausdrückt, das Gefühl, von der herrschenden Schicht nicht vertreten, sondern betrogen zu werden.

„Es ist schön, aus Washington zurück und wieder zu Hause in Amerika zu sein“ – mit solchen Sprüchen schmeichelt McCarthy seinen patriotischen Wählern – und führt sie zugleich in die Irre, indem er soziale Gegensätze zum Kulturkampf um das Wesen des wahren Amerikas umbiegt. Seiner Partei, den Republikanern gefällt das, solange die Demokraten in Washington regieren. Aber schon bald werden sich die Verhältnisse umdrehen.

Stinkende Methoden

McCarthy steigert sich immer weiter hinein in seine Rolle als echter Amerikaner im Kampf gegen die fremden Herren im eigenen Land, die potentiell zum Landesverrat neigten. Im Fernsehen erzählt er, wie er als kleiner Bauernsohn die Hühner jagenden Stinktiere erledigte: „Ein Farmersohn lernt früh, dass die übelriechenden Aufgaben von den braven Jungs gemieden werden.“

Dieses Bekenntnis zu stinkenden Methoden ist verblüffenderweise nicht ohne Charme. Packend, wie er die Presse um den Finger wickelt, wie er Journalisten hemdsärmlig zum selbst zubereiteten Essen einlädt – wie gut seine raubeinige Herzlichkeit in einer Umgebung herüberkommt, die von der Steifheit der öffentlichen Sphäre ermüdet ist.

Die Kombination von zeitgenössischen TV-Aufnahmen und Spielszenen erzeugt ein dichtes 50er-Jahre-Gefühl; man spürt, wie das noch junge Fernsehen die Demokratie nervös umformt zum Marktplatz der Sympathien. Spielszenen und Dokumentarisches sind im Film gut verklammert. Dank Maskenbildnerei und Kostümausstattung geht der von John Sessions gespielte McCarthy gut, aber auch nicht allzu bruchlos in sein authentisches Vorbild über.

Hachmeisters Film räumt mit der Legende auf, es sei die liberale Presse gewesen, die McCarthy am Ende gestürzt habe. Tatsächlich zog Eisenhower selbst die Strippen, nachdem der inzwischen von niemandem mehr steuerbare McCarthy nicht nur die Regierung, sondern auch Armee und CIA der kommunistischen Unterwanderung verdächtigte.

Mit Hilfe der Presse griff die CIA zu den bei McCarthy gelernten Methoden und machte ihn zur Zielscheibe einer publikumswirksamen Kampagne. Die Abkehr der Gunst des Publikums vertrug er nicht. Der eigentlich trinkfeste Ire verfiel dem Alkohol völlig und starb 1957 mit 48 Jahren am Säuferleiden, der Leberzirrhose.

The Real American – Joe McCarthy Regie: Lutz Hachmeister, Kamera: Christopher Popp, Hajo Schomerus, Darsteller: John Sessions, Justine Waddell u. a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ab 6.