Chloé Zhaos Film „The Rider“ lässt sich auf verschiedenste, aber im besonderen auf zwei Arten betrachten, nämlich mit oder ohne Vorwissen über seine unglaublichen Produktionsbedingungen. Nehmen wir die Szene, in der der Rodeoreiter Brady ein neues Pferd bändigt. Immer wieder spricht er dem Hengst gut zu, versucht dem störrischen Temperament unsichtbare Zügel aufzulegen, bis ihn das Tier schließlich aufsitzen lässt und er zu seinem Kollegen sagen kann: „Er fühlt mich.“ Es ist einer von vielen bewegenden Momenten in einem Film, den man überhaupt mehr fühlt als sieht. In solchen Szenen steht aber auch eine Frage im Raum: Wie zum Teufel haben sie das gedreht?

Als die Filmemacherin ihren späteren Hauptdarsteller kennenlernte, bei den Dreharbeiten zu ihrem Debüt „Songs My Brothers Taught Me“, war er noch gesund. Zwei Jahre später hatte Brady Jandreau eine Metallplatte im Kopf. Die Geschichte, die Zhao nun erzählt, ist seine eigene: Brady, der zu Beginn eine riesige Kopfnarbe entblößt und gleich wieder bedeckt, darf eigentlich nicht mehr reiten. Immer wieder wird er es dennoch versuchen, denn das Rodeo, wo er sich die Verletzung zuzog, ist sein Leben. Er ist ein Cowboy, doch was ist ein Cowboy ohne sein Pferd? Seine Hand zittert, auch das eine Folge des Sturzes. Das staunenswerte Handwerk einer überkommenen Tradition, ohnehin nur noch der Show dienlich, droht ihm gänzlich zu entgleiten.

Eine ganze Familie spielt sich selbst

Dieser innere Kampf verortet „The Rider“ in einer bestimmten, ähnlich veralteten Tradition des Spätwesterns – Brady ist der vielleicht traurigste Cowboy, seit Kirk Douglas in „Einsam sind die Tapferen“ von einem Toilettenlaster überfahren wurde. Besser allerdings passt er in eine Reihe frischer, moderner Filme, in denen glänzende Laiendarsteller die wundersamsten Dinge vollbringen. Andrea Arnolds „American Honey“ und Sean Bakers „The Florida Project“ wären hier zu nennen. Meist sind es Filme von den gesellschaftlichen Rändern. Die Darsteller fungieren als Protagonisten persönlicher Schicksale, aber auch ihrer sozialen Verhältnisse.

Tim Jandreau als knurriger Vater Wayne, seine Tochter Lilly als Bradys kluge kleine Schwester mit Asperger-Syndrom – eine ganze Familie spielt sich hier mehr oder weniger selbst. Bei Tisch mögen sie ähnliche Gespräche geführt haben über die neue, auch ökonomisch schwierige Situation. Weiß man darüber, bekommt ihre dokumentarische Authentizität geradezu etwas Unheimliches.

Zugleich ist da eine große Wärme. Besucht Brady seinen Freund Lane, kommt beides zusammen: Seit ebenfalls einem Rodeounfall im Rollstuhl sitzend, kann sich der junge Mann nur noch über Gebärdensprache verständigen. Lane Scott heißt der Darsteller, und in Wahrheit war es ein Autounfall. Aber es ist ja immer noch ein Spielfilm, der diese Figur geschickt als Menetekel nutzt. Was für ein idiotischer Sport, denkt man sich in solchen Momenten.

Ein Beruf für arme Schlucker

Die Möglichkeiten im Indianerreservat Pine Ridges, wo bereits Zhaos Erstling spielte, sind aber auch begrenzt. Eben hier in South Dakota kam es 1890 zum berüchtigten Massaker von Wounded Knee. Heute verzeichnet das Gebiet die mit Abstand höchste Arbeitslosigkeit und die geringste Lebenserwartung der USA.

Für Männer wie Brady ist das Rodeo eine der wenigen Chancen. „Indianische“ Cowboys – das Deutsche hat noch immer kein besseres Wort – hat es natürlich schon immer gegeben, genauso wie schwarze oder mexikanische. Der traditionsreiche Beruf war traditionell einer für arme Schlucker.

Die Regisseurin macht nicht viel Aufhebens um diese ethnische Komponente ihres Films. Umso echter wirkt die ruhige Studie eines zerfallenden Milieus, in dem zwischen Pferdekoppel, Auktionszirkus und Pfandleihhaus der Mythos von Pferd und Mann unbeirrt weiterlebt.

Und umso bemerkenswerter ist der Umstand, dass dieser im wundervollen Abendlicht der blauen Stunde gedrehte Film von einer jungen Frau realisiert wurde, die zwar in New York studiert hat, aber ursprünglich aus Peking stammt. Werner Herzog, der schon einiges gesehen hat, zeigte sich selbst verwundert darüber, als er ihr den nach ihm benannten Preis überreichte, und nannte Chloé Zhao „eine neue, bedeutende Stimme im amerikanischen Kino“. Dem kann man nur beipflichten.

The Rider USA 2017. Buch und Regie: Chloé Zhao, Darsteller: Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Cat Clifford u.a.; 104 Min., Farbe.

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.