Es ist eine Szene, die Adornos geflügeltes Wort, wonach es im falschen Leben kein richtiges gäbe, nachträglich zu bestätigen scheint: Wir sehen eine Gruppe von Leuten, allesamt weiß und steinreich, irgendwo im Obergeschoss eines herrschaftlichen Hochhauses an der Upper East Side, mit Blick auf die Skyline. Sie sind für eine Spendenaktion zusammengekommen: Man sammelt Geld für die renommierte Privatschule der eigenen Kinder, um deren Bemühungen nach mehr Vielfalt zu fördern und die Aufnahme weniger reicher Schüler zu ermöglichen. Auf der Auktion wird, um das totale Commitment der Teilnehmer zu demonstrieren, ein Glas Leitungswasser für 1000 Dollar zur Auktion freigegeben (und für 10.000 verkauft).

Es ist die unterschwängliche Verlogenheit und ritualisierte Eingespieltheit dieses Spektakels, die teleskopische Philanthropie der Teilnehmer – ein Gutmeinen „aus sicherer Distanz“, das weder die eigene Privilegiertheit noch den eigenen Rassismus infrage stellt –, welche „The Undoing“ zwar kritisiert, in seiner geschliffenen Ästhetik aber auch als Ideal fetischisiert: als Leben fernab der Probleme von Normalsterblichen. Ein Leben, in dem Leute durch Geld mit sprichwörtlich allem fertig werden – selbst mit Mord.

Grace Fraser (Nicole Kidman), Paartherapeutin und Milliardärstochter, die mit ihren goldbraunen Stöpsellocken und ihren glitzernd-juwelenfarbenen Samtkleidern meistens so aussieht, als wäre sie gerade einem Botticelli-Gemälde der Uffizien entsprungen, ist Teil des Planungskomitees dieses Fundraiser-Events. Entsprechend bewegt sie sich hier mit einem wie seismographisch ausbalancierten Surplus an Anmut und Selbstbewusstsein. Ihr Ehemann Jonathan (Hugh Grant) ist Pädiatrischer Onkologe, er gilt als einer der besten Ärzte der Stadt. Auch er ist hier, wirkt anders als sie aber etwas fahrig.

Und dann ist da noch diese mysteriöse Frau, Elena Alves (Matilda di Angelis), der einzige Störfaktor in diesem Feuerwerk aus Arriviertheit und Geld. Anders als die anderen Charaktere wohnt Elena nicht in einem luxuriösen Townhouse in Manhattan, sondern arbeitet als freie Künstlerin in einer bunten Erdgeschosswohnung in Spanish Harlem (Elena, suggeriert die Serie, ist Latina). Die Schulgebühren ihres Sohnes werden von denselben Leuten übernommen, die sich hier in vulgärer Großzügigkeit wähnen. Elenas kaum zu übersehende Unbeholfenheit in den Reihen der High Society, ihre aufreizende Art, die wilden Locken, ihr starrer Blick und der zu weite Ausschnitt machen sie in den Augen der großbürgerlichen Frauen um Grace zu einer einzigen Provokation.

Elena Alves Charakter bleibt nichtssagend-schematisch

Wer nun glaubt, hier würde ein Klassenkonflikt verhandelt – jener Konflikt, der die Trump-Präsidentschaft als Kontrapunkt zur liberalen Elite in den USA genauso befeuerte wie die ethnischen Spaltungen innerhalb der US-Gesellschaft – wird in „The Undoing“ grob enttäuscht. Elena verlässt die Veranstaltung vorzeitig, einen Tag später wird sie in ihrem Künstleratelier tot aufgefunden. Ihr Charakter bleibt so nichtssagend-schematisch wie die Kunst, die man sie kurzzeitig malen sieht. Das Einzige, was von ihrer Figur bleibt, sind Erinnerungen an ihre oft entblößt gezeigten voluminösen Brüste und ihren brutal mit einem Hammer zertrümmerten Kopf.

Der Plot-Twist: Jonathan verschwindet noch am selben Tag, als der Mord öffentlich wird. Kurz darauf wird er von der Polizei verhaftet. Wie sich herausstellt, hatte er eine Affäre mit Elena, die, behauptet er, von ihm besessen war, nachdem er den Krebs ihres Sohns behandelt hatte. Die Nacht des Mordes verbrachte Jonathan mit ihr, alle Indizien machen ihn zum Hauptverdächtigen. Die Frage, ob dieser unwiderstehliche, leicht schelmisch dreinblickende Herr tatsächlich einen Mord begangen haben könnte, bestimmt den weiteren Verlauf der Miniserie.

Quelle: Niko Tavernise/HBO
Offenherziger Störfaktor: Matilda de Angelis spielt die mysteriöse Künstlerin Elena Alves in „The Undoing“.

Jonathan gesteht die Affäre, beteuert aber, keinen Mord begangen zu haben. Grace will ihm glauben, wenngleich sich vor ihrem innerem Auge immer wieder Szenen abspielen, in denen Elena und er Sex haben. Sie bittet ihren Milliardärsvater (Donald Sutherland), Jonathan für eine überirdische Kaution aus dem Gefängnis freizukaufen, und heuert die beste Anwältin der Stadt an, um den Rufmord abzufedern und der Erniedrigung zu entgehen, die sie sich eingestehen müsste, sollte Jonathan tatsächlich schuldig sein.

„The Undoing“ verkauft den Reichtum der Protagonisten als Kritik

Rouletteartig suggeriert „The Undoing“ im weiteren Verlauf immer neue Möglichkeiten, welche anderen Mitglieder der Fraser-Familie Motive gehabt haben könnten, Elena umzubringen. Grace selbst ist nicht ausgenommen. Der zentrale Konflikt aber entspinnt sich an ihrem Versuch, allen Widrigkeiten zum Trotz an der Fassade ihrer Ehe und am Glauben an Jonathans Unschuld festzuhalten. Der Titel des Romans, auf dem „The Undoing“ basiert, lautet: „Du hättest es wissen müssen“ – Grace, die erfahrene Therapeutin, hätte die soziopathischen Tendenzen Jonathans früher erkennen sollen.

Nahezu peinlich an all dem ist der penetrant ausgestellte Reichtum der Protagonisten: ihre marmorverkleideten Häuser, die eierschalfarbenen Wände, ihre Stradivari-Violinen und kaschmirfliessenden Kleider. Ihre Kunstbeflissenheit, ihr aufgesetzter Intellekt, letztlich auch: ihre schwarzen Butler. Es ist ein Reichtum, dessen offensive Darstellung „The Undoing“ als abstrakte Kritik verkauft, letztlich aber selbstbezüglich darin vor sich hin schmachtet. „Man hätte es wissen müssen“, denkt man beim Zusehen. Eigentlich schon ab Folge zwei.

„The Undoing“, mit Nicole Kidman, Hugh Grant und Donald Sutherland. Drehbuch von David E. Kelley („Big Little Lies“). Ab 30. November wahlweise auf Deutsch oder im Original auf Sky Atlantic.