So langsam schien die Sache aus dem Ruder zu laufen. Zwei Wochen waren vorbei, und noch immer hatte es keinen Skandal gegeben. Kein Kandidat, der mit einem Bein im Gefängnis steht, kein Zickenkrieg, kein Juror, der wüste Beleidigungen ausstößt. Verbitterung machte sich breit unter den Journalisten, die es langweilig finden, immer nur über Musik und Lebensgeschichten jenseits von Kriminalität und Drogensucht schreiben zu müssen.

Doch dann endlich tat sich auch bei „The Voice of Germany“ ein Abgrund auf: Ein Kandidat hatte offenbar verschwiegen, dass er schon einmal bei der Casting-Show „Popstars“ aufgetreten war. Als ob irgendeiner behauptet hätte, dass bei „The Voice of Germany“ nur gänzlich unbeleckte Nachwuchstalente vorsingen dürften.

Legendäre Marktanteile

Die Aufregung um den ehemaligen „Popstars“-Kandidaten Stefan Zielasko macht zweierlei deutlich: Bei „The Voice of Germany“ geht es gesitteter zu als beispielsweise in Sendungen, in denen Dieter Bohlen zugange ist und die das mediale Bedürfnis nach Krawall virtuos befriedigen. Und die Zuschauer erwarten eine Ehrlichkeit und Authentizität, die man im Unterhaltungsfernsehen zumeist komplett vergeblich sucht. Wo Wohl und Wehe von Marktanteilen abhängen, wird nun einmal nichts dem Zufall überlassen, sondern inszeniert, wo es nur eben geht.

„The Voice of Germany“ wurde von dem Niederländer John de Mol entwickelt, dem das Abendland unter anderem auch „Big Brother“ zu verdanken hat. „The Voice of Holland“ startete 2010 und erzielte legendäre Marktanteile. Im Juni 2011 folgte „The Voice“ in den USA, mittlerweile läuft das Format in der Ukraine, in Großbritannien, Indonesien, Brasilien, Australien und zahlreichen anderen Ländern. Als ob die Welt vorher noch keine Castingshow gesehen hätte.

Bei Sat.1 und ProSieben würde es jetzt heißen: Es ist ja auch keine Casting- , sondern eine „noch nie dagewesene Musik-Show“. Stimmt das? Nun, vieles ist tatsächlich anders als bei „Deutschland sucht den Superstar“ und vergleichbaren Sendungen. Es gibt keine Juroren in dem Sinne, dass einige tatsächliche oder vermeintliche Experten den Daumen heben oder senken und das war es dann. Bei „The Voice of Germany“ bestand die erste Runde aus sogenannten Blind Auditions. Die Coaches Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey, Sänger der Band Reamonn, und zwei Mitglieder der Berliner Gruppe The BossHoss saßen in Drehsesseln mit dem Rücken zum jeweiligen Kandidaten und drehten sich nur dann um, wenn sie der Vortrag überzeugte. Drehte sich nur einer der Musiker um, war der Kandidat automatisch in seinem Team und damit unter seiner Obhut. Drehten sich mehrere Musiker um, konnte der Kandidat sich selbst aussuchen, wer sein Coach sein sollte.