The Weeknd bei einem Auftritt (Archivbild).
Foto: imago images/ Irvin Olivares

BerlinDer erste Text ist kurz, aber umfassend. Die entscheidenden Zeilen lauten „Ich hab’ zuviel genommen, ich will nicht sterben“ und „Ich weiß nicht, ob ich wieder alleinsein kann“. Willkommen auf „After Hours“, dem neuen Album von Abel Tesfaye, der als The Weeknd seit einem Jahrzehnt ein lyrisches Genre in den avancierten Clubpop bringt, das ein Kritiker neulich Pity-Partying genannt hat. Seit den ersten, noch etwas ungeschliffenen Mixtapes variiert der Sänger und Produzent aus Toronto dieselbe Geschichte: Er schwelgt in einem nächtlichen Strom aus Luxus, Drogen und Sex, und jammert großartige elektronische Discosongs damit voll über Abende, die ihn unerfüllt und verkatert stranden lassen. Statt nur die Einsamkeit zu besingen, vermisst er diesmal mit schmerzlichem Soul eine signifikante andere, die ihn erlösen möge. Blöd nur, dass sein Porsche und das 20-Millionen-Dollar-Haus in L.A. stehen, wo er hilflos bedröhnt allen Verlockungen erliegen muss: „When I’m on the liquor I go crazy/ for that pussy, you know, I’m a slave, yeah“, wie er hier im weiten, sparsamen Mollhall von „Escapefrom L.A.“ der Geliebten hinterherbarmt, die das nicht so sexy findet.

Der Hedonismus ist ermattet

Für das Album „Starboy“ hatte er sich als Partner Leute wie Daft Punk, Kendrick Lamar und den produzierenden Allzweckschweden und TopTen-Garanten Max Martin dazu geholt. Während Martin auch den Titelsong an die Chartsspitze produziert hatte, taucht er nun auf „After Hours“ etliche Male auf, ebenso wie Illangelo, Tesfayes Langzeitmitarbeiter seit Torontoer Zeiten. The Weeknds besondere Gabe besteht im Gespür für die Verbindung von melancholischen Pophooks mit dunklen elektronischen Stimmungen aus den Spielplätzen der Clubkultur. Die spannenderen Tracks dieses Albums driften stärker zum letzteren Pol seiner Musik, wie etwa der zweite, von Illangelo und Lizzos Ricky Reed co-betreute „Too Late“ mit einem klackernd-blubbernden Beat, mit breiten Subbässen, über denen die Melodie schmeichelt und Synthies Kometenschweife ziehen. Weniger spannend, aber oft genauso glorreich sind die Nummern, die mit 80er-Jahre-Elektronik und -Politur von Martin mitgeprägt werden. Eindrücklich hier „Faith“, mit kieksend bearbeitetem Gesang, einem knatternden Synthbeat zwischen Yazoo und Depeche Mode, dramatisiert im Spiel aus wuchtigem Aufpumpen und gründlichem Vakuumieren. Die Ballade „Scared to Live“ schwillt aus einer schlichten Orgelfigur in weitschimmerndes Pathos, für das er mit einem Zitat aus Elton Johns „Your Song“ Anlauf nimmt.

The Weeknds Künstlername spielt natürlich mit dem homonymen „weakened“, der Schwächung. Der ermattete Hedonismus zieht eine Linie von der „Bonjour Tristesse“-Jugend der späten 50er-Jahre zum Jetzt der Je-ne-sais-quoi-Szene, wie sie gerade durch Leif Randts Roman „Allegro Pastell“ driftet.

Tesfaye sehnt sich nach der Sehnsucht und genießt das Selbstmitleid. Sicher wird sich bald jemand an das Motto der New Waver Tuxedo Moon erinnern: Keine Tränen für die Tierchen der Nacht. Aber bis dahin driften wir gern ein Weilchen mit.

The Weeknd - "After Hours" (Republic/Universal)