Roger Daltrey (l.) und Pete Townshend von The Who.
Foto: Universal Music

BerlinWas heißt es, wenn man sagt, das neue Album von The Who klänge genauso wie ein altes Album von The Who? Ein gutes, wohlbemerkt. Die Platte mit dem   zwingenden Titel „Who“ ist die erste seit 13 Jahren und erscheint ein halbes Jahrhundert, nachdem das Londoner Quartett mit dem Song „My Generation“ der Jugend der 60er eine Generationshymne schenkte.

Er hoffe, zu sterben bevor er alt werde („Hope I die before I get old“) schrie Roger Daltrey den Alten ins Gesicht. Pete Townshend reüssierte mit dem Zertrümmern seiner Gitarren und Keith Moon zerlegte die Drums. Gemeinsam mit John Entwistle am Bass stiegen sie mit   Powerchords und Verstärkertürmen zur „lautesten Band der Welt“ auf.

The Who - I Don't Wanna Get Wise

The Who/Youtube

Den Weltruhm etablierten sie nach den schroffen Anfängen mit Townshends auch musikalisch raffinierteren, psychedelisch bis progrockigen Evergreens auf Alben von „Sell Out“ (1967) über die Rockoper „Tommy“ (1968) bis hin zum komplexen „Quadrophenia“ (1973).

„Seien wir offen: Ich war ein Bluff, und das surreale Leben war hart“ kreischt Daltrey nun in „I Don’t Wanna Get Wise“, eine halbe Lage tiefer, aber kraftvoll und beweglich. „Irgendwie“, geht es weiter, „brachte uns der Scheiß ein bisschen Geld und die rotzigen jungen Kids hatten dauerhaften Erfolg.“

Der Rest der Bande

Allerdings ist die eine Hälfte der ehemaligen Kids schon länger tot, Keith Moon starb 1978 im Alter von 32, Entwistle 2002 mit gerade einmal 57 Jahren. Übrig sind Bandchef Townshend und Sänger Daltrey, beide um die 75. Es ist daher respektvoll zu vermerken, dass sich viele der neuen Songs nicht nur vom Energielevel, sondern auch der songschreiberischen Qualität her würdig ins Repertoire sortieren lassen. Ein paar Nummern klingen, wie ältere Rocker eben so klingen, bisweilen etwas sämig und mit fragwürdigen Arrangemententscheidungen produziert.

So wirkt das Bluesstück „Ball and Chain“ schon etwas abgestanden, manchmal hört man Harmonika, Vocoder oder Latinmotive und einen Tonfall, aus dem der New Musical Express „Tom Waits auf Viagra“ heraushörte.

Etliche Stücke lassen sich, wenn man Brite ist oder wie ich das entsprechende Alter hat, mit erfreutem Hallo! schon von Melodie und Harmoniefolge her sofort als Who-Songs wiedererkennen. Zum Beispiel das eröffnende „All This Music Must Fade“, in dem sie nahe liegenden Vorwürfen durch die Erklärung zuvorkommen, dass ihr Sound natürlich abgegriffen sei, sie diese Tatsache aber nicht schere. „Detour“ hat Townshend nach seiner Who-Vorläuferband genannt, die kantige Riffarbeit zitiert die frühen 60er, das fragile „Break“ im Refrain das komplexere spätere Schaffen. Zum Ende hin erkennt man in dem Stück „Street Song“ das minimalistische Synthie-Gefitzel von „Baba O’Reilly“, dessen Ruhm als Titelthema der TV-Serie „CSI: New York“ so schnell nicht verblassen wird. Der dauerhafte Erfolg der Band hängt ohnehin auch damit zusammen, dass Pete Townshend, zum Granteln der Fans,   seit jeher   die Songrechte entschlossen vermarktet und vor ein paar Jahren für hundert Millionen ganz verkauft hat.

Hintergründe der Lieder

Zum Alleinstellungsmerkmal von The Who gehört allerdings auch, dass Townshend sich ungewöhnliche Figuren wie seinen Opernhelden Tommy ausgedacht hat, der taub, stumm und blind als Mädchen erzogen wird oder dass er die goldenen 60er in „Quadrophenia“ mit einem ziemlich bitteren Blick erledigt. Mit dem Aufkommen des Punk hielt Townshend die eigene Band schließlich für überholt. Eine Spur davon taucht auf dem neuen Album als unterhaltsame Selbstironie auf, als Trotz oder in Gedanken über das Alter. Jenseits der Selbstreflexion macht sich der traditionell Labour-nahe Townshend sozialdemokratische Gedanken zur Lage der Welt, etwa zur Gefangenenbehandlung in Guantanamo und Obdachlosigkeit.

Was Roger Daltrey davon hält, kann man nur ahnen. Townshend und er schätzen sich, kommunizieren aber kaum noch miteinander. Daltrey hat seine Parts für „Who“ eingesungen, ohne auch nur einmal das Studio mit Townshend zu teilen. Aber er bringt dessen Lyrics überzeugend, obwohl er in einigen Fällen durchaus anderer Auffassung zu sein scheint. So möchte Brexit-Daltrey Großbritannien von „der europäischen Mafia“ erlösen, hält auch aus Zuwanderungsgründen zu den Tories und lehnt Corbyn als „Kommunisten“ ab. Die MeToo-Debatte findet er „unerträglich“.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Titel „Rockin’ in Rage“ überaus zwiespältig. Er scheint die zornige Haltung der jungen Jahre fortsetzen zu wollen. Nur hört man darin leider auch den üblichen Reaktionär, der sich darüber beschwert, dass er seine lauthals herausposaunten Meinungen nicht äußern dürfe, ohne kritisiert zu werden.

„Who“ ist also ein ambivalentes Album. Es klingt rüstig und lebendig. Aber eben auch alt.