Gamhees (Kim Minhee) trifft eine Freundin (Song Seonmi). Zum Reden.
Foto: Jeonwonsa Film Co. Production

BerlinLeute zu treffen sei echt anstrengend, heißt es in einer der Szenen zu Beginn von „The Woman Who Ran“ („Domangchin yeoja“), man sei dann nämlich gezwungen, überflüssig viel zu reden. Hong Sangsoo, der mit diesem Film dem Wettbewerb etwas Federleichtes und dabei doch Tiefschürfendes hinzufügt, weiß, wie er Zweiflern an seiner inszenatorischen Methode den Wind aus den Segeln nimmt: Selbstironie ist eine entwaffnende Haltung. 

Schließlich ist der koreanische Filmemacher berühmt-berüchtigt für ein Œuvre – 24 Filme in 24 Jahren −, in dem unendlich viel geredet wird. Meist von künstlerisch tätigen, selbstmitleidig-eitlen Männern, die zu viel trinken und aus der Rolle fallen. Getrunken wird diesmal vergleichsweise wenig und das Reden übernehmen die Frauen. Männer machen sich bemerkbar, indem sie an der Tür klingeln und mit seltsamen Ansuchen den Ablauf stören. Doch natürlich sind sie in den Gesprächen präsent.

Gamhee, die während ihrer fünfjährigen Ehe noch keinen einzigen Tag von ihrem Mann getrennt war, nutzt den Umstand, dass dieser auf Geschäftsreise ist, um alte Freundinnen in Vororten von Seoul zu besuchen. Zufällig begegnet sie dann noch einer weiteren, die eigentlich keine Freundin mehr ist, weil sie Gamhee einst einen Mann ausspannte. Der, ein mittlerweile berühmter Dichter, taucht schließlich auch noch auf und ihm wird beschieden, er solle aufhören, so viel zu reden.

„The Woman Who Ran“ ist von einem freundlichen, trockenen Witz durchdrungen, der jedoch über die melancholische Mattigkeit, die sich durch die Gespräche − eigentlich: die Sprachhandlungen − zieht, nicht hinwegtäuschen will, sondern möglicherweise durch sie erst hervorgebracht wurde. Von der Langeweile des Alltags ist die Rede, vom Überdrüssigsein des Partners, vom guten Grillfleisch und von der Landschaft, von Scheidungen und Affären, Schmerz und Schuldgefühlen. Autobiografisches glimmt auf und verglüht. Essen brennt an, Äpfel werden geschält.

Ein Blick der weiß und verzeiht

In den Dialogen justieren die Sprecherinnen ihre Einstellungen zueinander, was mitunter etwas holprig vor sich geht, treten Hong Sangsoos Figuren doch nur allzugern in die allerorten aufgestellten Fettnäpfchen. In den so entstehenden unbehaglichen Situationen folgt aber anstatt des üblichen peinlichen Schweigens ein behutsames Umkreisen des Benimmfehlers. Darin der Kern der Sache sichtbar wird: ein, meist recht kompliziertes, Gefühl.

Kim Minhee in der Rolle Gamhees gibt dem Film Erdung und Seele: Mit dem fragilen Stolz, den ihre schmale Silhouette zum Ausdruck bringt. Mit ihrem Gesicht, in dem Mitgefühl wie Verwundbarkeit gleichermaßen zu Hause sind. Mit einem Blick, der auf den Grund der Dinge geht. Und der die Fehler der anderen verzeiht, weil er die eigene Unzulänglichkeit kennt.