Die Hälfte der Karten für das Stück "Mord im Orientexpress" waren bereits verkauft, ehe es durch die Corona-Krise zum Zwischenhalt gezwungen wurde.
Foto: Komödie am Kurfürstendamm

BerlinKein anderes Berliner Theater ist so krisengestählt wie die Bühnen am Kurfürstendamm, denen 15 Jahre lang der Abriss drohte. 2018 erst zogen sie ins Schiller-Theater und Intendant Martin Woelffer sagt als erstes den Satz: „Die Schließung des Theaters ist für uns eine richtige Katastrophe! Aber es wird weitergehen, wie immer, irgendwie!“ Aber wie?

Alle Theater sind zu; seit Donnerstag die staatlichen Bühnen, danach schlossen auch die kleinen privaten. Die Kudamm-Komödie im Schiller-Theater ist mit 1035 Plätzen groß und privat. Die Corona-Krise trifft es mit besonderer Wucht, leistet es sich doch gerade die teuerste Produktion seit ihrer Gründung.

Privattheater leben von Einnahmen an der Kasse

Nächste Woche sollte Agatha Christies „Orientexpress“ Premiere feiern, inszeniert von Katharina Thalbach, gespielt von einem im komischen Fach bewährten Ensemble: Die Familie Thalbach mit Katharina, Anna und Nellie ist dabei, die Geschwister Pfister und andere. Natürlich rechnete man sich einen großen Wurf aus, wollte bis 5. Mai durchspielen. Die Premiere am 22. März soll nun, wenn überhaupt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Dabei hatte sich alles so gut angelassen, die Hälfte der 40 000 Karten war schon verkauft. Damit wäre schon die Hälfte der Produktionskosten von einer Million Euro wieder drin. Bei einer Auslastung von 90 Prozent rechnete Woelffer mit einem kleinen Gewinn. Privattheater leben von den Einnahmen an der Kasse, dieses Haus zu 83 Prozent. Der Rest kommt vom Land, hier steuert es eine Million Euro jährlich bei.

Guter Dinge vor dem nun aufgeschobenen Spielbetrieb: die Thalbach-Familie mit Kostümbildner Guido Maria Kretschmer
Foto: Komödie am Kurfürstendamm

Wenn aber der Vorverkauf vollständig zum Erliegen kommt, ist das Haus in kurzer Zeit nicht mehr liquide. Die Schauspielerinnen, die Bühnen- und Kostümbildner, die Toningenieure, alle Gewerke hinter den Kulissen sind vertraglich gebunden und wollen weiter bezahlt werden. Glücklicherweise behalten etliche Besucher ihre Karten, um sie dann für eine spätere Vorstellung zu nutzen. Aber wann? Noch im April? Bei einer Wiederaufnahme im Sommer? So viel weiß Martin Woelffer über die Zukunft: „In den nächsten zwei Monaten kauft kein Mensch mehr eine Theaterkarte – viel zu unsicher. Das bedroht dann unsere Zahlungsfähigkeit.“

Probleme auch beim Friedrichstadtpalast

Anders als die Privattheater erwirtschaften die Staatstheater nur durchschnittlich 20 bis 30 Prozent ihrer Ausgaben. Den größten Teil überweist das Land Berlin in Form von Subventionen. Rund 150 Millionen Euro fließen etwa in die drei Opern. Bei ihnen ist zumindest die Bezahlung der Ensembles gesichert. Landeseigene Bühnen gehen gewöhnlich nicht pleite.

Je wirtschaftlicher ein Theater arbeitet, desto höher seine Abhängigkeit vom Publikum. Auch der Friedrichstadt-Palast bestreitet 85 Prozent seines Etats aus dem Ticketverkauf. Bis Anfang letzter Woche stand er glänzend da und feierte sein 100-Jähriges mit Rekorden. Jetzt muss er 40 000 verkaufte Karten erstatten, ein Verlust von 2,1 Millionen Euro. Das Revue-Theater mit 300 Angestellten kalkuliert bei aller Opulenz scharf, kann so einen Verlust nicht einfach wegstecken. Ganz ohne staatliche Zuschüsse und fast ohne Rücklagen, also mit höchstem Risiko arbeiten private Bühnen wie die Wühlmäuse, das Kriminaltheater, das Tipi oder die Bar jeder Vernunft. Der Wintergarten und das Chamäleon-Varieté mussten in den Nuller-Jahren nach Insolvenzen ganz schließen und sich neu gründen.

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer erweist sich in dieser Situation als klar und weitsichtig, schwankt in seinen Entscheidungen weit weniger als der Regierende Bürgermeister.

Der Kultursenator will helfen

Wenn sich demnächst die Geldtransporter des Bundes zur Rettung des Gewerbes, der Lufthansa, der ganzen infizierten Wirtschaft in Bewegung setzen, darf man sicher sein, dass auch Lederer an der Entlade-Rampe steht und mittelgroße Koffer dabeihat. Allein den Theatern fehlen jetzt monatlich 15 Millionen Euro. Und die träumen nicht von liebevollen Krediten.

Klaus Lederer stellte klar, dass er nicht nur die großen Institutionen auf dem Schirm hat, sondern auch freiberufliche Schauspieler und Musiker, die Künstler in Varietés, die Guides in Museen. Womöglich sogar die Besucherorganisationen, gemeinnützige Mittler zwischen Theater und Publikum. Auch deren Fortbestand wankt nach der Stornierung Zigtausender Theaterkarten.

Die Komödie am Kurfürstendamm übrigens will nach der geplanten Geister-Premiere im kleinen Kreis weiter proben: zwei Durchläufe pro Woche, damit kein Text in Vergessenheit gerät. Um fit zu sein, wenn nach dem 19. April wieder gespielt wird.