Moritz Gottwald wird in „Status Quo“ als junger Flo durch Frauen (hier Marie Burchard) zum männlich schwachen Objekt degradiert.
Foto: Imago Images/Martin Müller

BerlinEine dem Autor gut bekannte elfjährige Feministin versprühte Funken gleißender Empörung, als ihr an einem weiteren Beispiel klar wurde, welch unverschämte Gewalt ihrem Geschlecht von der Sprache angetan wird: Das Adjektiv ,herrlich’ kommt von ,Herr’, während von ,Dame’ offensichtlich ,dämlich’ kommt. Sie werde, so ihr Entschluss, diese Beleidigung nicht länger hinnehmen und das von nun an umkehren, also tolle Sachen als dämlich und dumme als herrlich bezeichnen. 

Der Einwand, dass man eine Sprache nicht allein benutzt und also auch nicht im Alleingang ändern kann, weil sonst keiner mehr weiß, was man meint, wurde als kompromisslerisch vom Tisch gewischt. Und sie hat ja recht, wie es ist, kann es nicht bleiben. Das Beste an Menschen sei, so der Männerforscher Klaus Theweleit in einem Interview, das er der NZZ zum Thema Gewalt und sexistische Prägungen gab, dass sie trotz Widerständen veränderbar seien. Das ist die gute Nachricht.

Nun die vielleicht nicht so gute, die der Elfjährigen nicht gefallen wird: „Ein Wechsel im Verhalten geschieht nicht über das, was in der Schule gelernt oder von irgendjemandem erzählt, veröffentlicht, gemeint oder gedacht wird. Irgendwelche Meinungen, auch diejenigen, die von Feministinnen veröffentlicht werden, lenken nur von dem ab, was tatsächlich zwischen Menschen passiert. Im Zwischenmenschlichen hört man auf, in Begriffen zu denken, weil man hier vor alltäglichen Problemen steht, für die man pragmatische Lösungen finden muss.“ Kurz: „Menschen können sich nur über Beziehungen verändern.“

Theater als geschützer Raum

Das klingt nach Versuch und Irrtum − und nach einer langwierigen schadensreichen Entwicklung. Weswegen hier − spät und sicher nicht unerwartet − das Theater empfohlen sei. Als geschützter Raum, in dem man auch die gefährlichsten Ideen probeweise und ohne Folgen verwirklichen kann. Als Raum, in dem sich Verhaltensweisen einüben lassen und in dem die Sprache immer frisch zur Verhandlung steht. Deswegen rufen wir Theweleit zu: Menschen können sich nur im Spiel verändern!

Maja Zade zum Beispiel dreht in ihrem Stück „Status Quo“ die Geschlechterklischees einfach um. Moritz Gottwald wird als junger Flo in verschiedene typische Situationen gebracht − und degradiert zum männlich schwachen Objekt sexistischer Diskriminierungen und Grenzüberschreitungen durch Frauen, die Macht über ihn ausüben.

Der Witz dieser Inszenierung ist, dass die Zudringlichkeiten, Unverschämtheiten − und auch der routinierte Wille zur Unterordnung − in dieser Umkehrung herrlich dämlich sichtbar werden. In der Inszenierung von Marius von Mayenburg und durch das ungebremste, aber genaue Chargenspiel geben die ansonsten oft mit destruktivem, spitzfindigem, kopfschmerzverursachendem Furor ausagierten Konflikte Anlass für gute Laune. Und die kann bekanntlich sehr überzeugend sein.

Hier noch ein herrlich dämliches Beispiel für humorauslösende Umkehr von Geschlechterklischees: 

Noch bis zum 8. Dezember läuft in den Sophiensälen das Programm des neu aufgelegten Freischwimmer-Festivals, das nun Freischwimmer*innen-Festival heißt und im Untertitel mit Gendersternchen nur so um sich schießt. Alle Mann in Deckung! „The Future is F*E*M*A*L*E*“

In diesem Rahmen wollen die Performerinnen von Follow Us Ibsens bekannte Frauenfigur Nora vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart und aus dem Puppen- ins Altenheim verpflanzen. In einschlägigen Kreisen bekannt geworden sind Annina Machaz und Mira Kandathil durch Aktionen in den sozialen Medien, zum Beispiel durch den selbstbewussten Hashtag #WirSindBesserAlsCastorf. Wer das überprüfen möchte, hat heute und morgen dazu Gelegenheit.

Den zum Thema passenden auf Englisch gehaltenen Vortrag gibt es am Freitag um 19 Uhr, wenn der Gender-Studies-Professor Jack Halberstam über „Trans*Feminism and Performance“ spricht und anhand dreier queerer Sängerinnen „eine Chronik des Krachmachens“ ausrollt, die „auf Schreien, Knurren, chaotischem Tempo und Stimmverzerrungen basiert“. Klingt auf interessante Weise anstrengend.

Das ist die Inszenierung von Stephan Kimmig irgendwie auch: „Hekabe“ erzählt in konzertant reduzierter Form vom Leid der Troerinnen. An das Heft des Handelns kommen die Frauen dabei nicht. Noch nicht.


Bühne:

  • Status Quo 6., 9., 10., 11. 12., 20Uhr, Schaubühne, Karten unter T.: 890023 oder: schaubuehne.de

  • Festival Freischwimmer*innen bis 8. 12., Sophiensäle, T.: 2835266 oder: sophiensaele.com

  • Hekabe. 7. 12., 20 Uhr, Deutsches Theater, T.: 28441225 oder: deutschestheater.de