Läuten nun halb nackte Tänzer auf der Bühne am zugigen, immer noch seelenlosen und in jeder Beziehung widerspenstigen Potsdamer Platz eine neue Zukunft ein – in der Mitte Berlins?
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BerlinEs riecht gut. Das ist keineswegs das einzig Erfreuliche, das man über den neuen Theater-Club „Magic Mike live“ tief unter dem Musical-Theater am Potsdamer Platz sagen kann, aber etwas Wesentliches. Denn der Vorgänger, das „Adagio“, vor knapp zwei Jahrzehnten zum exklusiven Nacht-Etablissement ausgerufen, atmete trotz tausend Kerzen und riesiger Liliensträuße lange diesen feinen Kellergeruch. „Magic Mike“ dagegen fühlt sich schon zur Eröffnung an wie flirrendes Amüsement.

Das Foyer und der Saal auf mehreren Ebenen mit Bars, Bistrostühlen und Samtsofas leuchten in tiefem Türkisgrün. Die Tanzebene thront wie ein Boxring hoch in der Mitte. Trotz seiner Größe für 600 Gäste wirkt alles leger, einladend und intim. Die zwölf Millionen Euro, die hier in Entkernung und Neubau investiert wurden, flossen augenscheinlich vor allem in Licht und Hightech.

Zwölf Millionen Euro für Entkernung und Neubau

Dennoch denkt man gleich an die vollmundigen Versprechen, die die Unterhaltungsbranche ja beherrscht wie keine zweite: „Magic Mike“ ruft sich schon vorab zur Show-Premiere des Jahres aus – im Januar!

Ignoriert alles, was dieses Auftaktjahr zu den Goldenen Zwanzigern in Berlin noch auffahren wird, etwa den Einzug des Cirque du Soleil im Theater direkt hier, über dem neuen Club, oder die nächste Inszenierung im Friedrichstadt-Palast. Das Revuetheater in der Friedrichstraße kann sich ja schon wegen der neuen Konkurrenz am Potsdamer Platz nicht lumpen lassen. Und diesen Show-Giganten sollen 18 junge Stripper das Terrain streitig machen? Auch noch mit der Behauptung, gleichzeitig das Klischee des Männer-Strips außer Kraft zu setzen?

Na, das wollen wir sehen. „Magic Mike“ entstand nach dem Film von Steven Soderbergh, in dem Channing Tatum die Hauptattraktion spielt. Darin rasten die Mädchen beim Ausrücken der Männer mit nackten Hintern in einem schummerigen Lokal kreischend aus und greifen beherzt zu. Einzig die Schwester eines Tänzers seziert das aufdringliche Gerekel mit unbewegtem Blick – und verschwindet. Nichts von der aufgeheizten Atmosphäre erreicht sie. Soderbergh verherrlicht das Sex-und-Drogen-Milieu nicht, sondern bildet es ab und verwebt es mit einer Sozialstory.

„Magic Mike“ entstand nach Film von Steven Soderbergh

Und wie beginnt das Live-Spektakel am Potsdamer Platz? Mit einem schmierigen Moderator im Glitzeranzug, der abfällig das Wort „Trockenpflaume“ fallen lässt und kauende Kerle in Macho-Haltung präsentiert, verkleidet als Tiroler, Kapitän und Polizist. Unter Getöse stürmt ein Feuerwehrmann auf die Bühne, der – Achtung, doppeldeutig – mit einem elenden Schlauch zwischen den Beinen durch die Gegend spritzt. So weit, so unappetitlich. Dann bricht die Musik ab, das Bild friert ein. Die ersten Minuten sind rum.

Kultur- oder Vergnügungsunternehmer lehrte der Potsdamer Platz von Anfang an das Fürchten.
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Die Moderatorin Natacza Sooszie Boon betritt die Szene und verlangt im Namen von Frauen: „So nicht! So ein Volltrottel soll nie wieder jemanden vollspritzen!“ Oben auf der Empore versteht man von der Moderation – Autorin: Gayle Tufts – leider kaum einen Satz, aber offenbar geht es darum, dass Männer keine Ahnung haben von dem, was dem anderen Geschlecht gefällt. Frauen wollen keine Kerle, die tun, als hätten sie wilden Sex, sondern solche, die etwas können – Tänzer, Sportler, Musiker, gern mit Charme und Humor.

Dann geht die Show neu los, und zwar in der gehobenen Form, die die Macher um den Schauspieler und ehemaligen Stripper Channing Tatum für Berlin vorgesehen haben. Mit der Filmvorlage hat die Show wenig zu tun, hier springen 18 Tänzer in Jeans oder Anzug auf die Bühne. Ihre Faszination geht nicht von Nacktheit aus, sondern von umwerfender Beweglichkeit, wenn sie sich so kraftvoll, rasant und synchron produzieren.

Von Dirty Dancing über Latin bis Flying Steps

Die Choreografien sind zackig und raffiniert, die stilistische Bandbreite reicht von Dirty Dancing über Latin bis Flying Steps. 90 Minuten lang füllen die Tänzer den Saal bis unter die Decke, schwingen sich wie Tarzan an Leinen durch den Raum, fegen akrobatisch auf der Empore vor dem Geländer entlang, produzieren sich an Flügel und Saxofon. Ein Drummer schwebt samt Schlagzeug von oben herunter. Später öffnet sich die Decke, um ein Wasserbassin samt Großdusche und einem Liebespaar am Trapez hinabgleiten zu lassen. Es wird was geboten.

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Schließlich erlebt man die Athleten mit ihren begnadeten Körpern – keiner ohne Sixpack – durchaus ganz nah, im engen Slip, wenn sie sich tanzend und in ausdrücklich koitaler Pose über Zuschauerinnen auf ihren Sesseln beugen. Anfassen erlaubt. „Magic Mike live“ bricht keineswegs mit Klischees, sondern hievt den Stripdance einfach auf ein anständiges heutiges Niveau – wirklich sehenswert. Und irrsinnig laut. Die Bässe spürt man körperlich von den Zehen bis zu den Zähnen, selbst der Metallreißverschluss meines Kleides vibriert. Enthemmter Jubel und Geschrei bei den jungen Frauen, die das Publikum zu 90 Prozent dominieren. Die Show peilt Mädels-Abende an. Aber die funkelnde Party-Hochstimmung zur Premiere mit zahllosen geladenen Influencerinnen und Gratis-Cocktails ohne Ende wird sich sicher nicht an jedem Wochentag herstellen lassen.

Der Potsdamer Platz ist ein Produkt von Großkonzernen

Läuten nun halb nackte Tänzer auf dem zugigen, immer noch seelenlosen und in jeder Beziehung widerspenstigen Platz eine neue Zukunft ein in der Mitte Berlins? Seinem Charakter nach blieb der in den Neunzigerrjahren erbaute Potsdamer Platz ein Produkt von Großkonzernen und Finanzinvestoren, die kommen und gehen. Kein Ort, an den es Künstler zieht. Eigentlich trifft man nicht mal Bettler hier. Kultur- oder Vergnügungsunternehmer lehrte das Areal von Beginn an das Fürchten: Die Diskotheken „Blu“, „Dorian Gray“ und „Amadeus“, das Erotik-Theater „Belle et fou“, das Musical-Theater, der Nachtclub „Adagio“, zuletzt das Cinestar Original und das Imax – alle haben erwartungsvoll am Potsdamer Platz eröffnet und aus Gästemangel dichtgemacht, mitunter hoch verschuldet.

Selbst die Spielbank, eigentlich ein Hort des Geldes, war schon auf dem Sprung zurück an den Kurfürstendamm, als das Musical-Theater genau über dem neuen Theater-Club 2016 schloss.  Der Theater-Betreiber Stage Entertainment war in die Hände von Finanzinvestoren gelangt, die die Bühne aus Renditegründen mit eisiger Gleichgültigkeit fallen ließen. Seitdem bleibt das Haus für 1800 Zuschauer dunkel, füllt sich nur zu vereinzelten Gastspielen und im Februar als Berlinale-Kino. Gleichzeitig zog die Mall of Berlin am Leipziger Platz massenhaft Kundschaft ab aus den zwischenzeitlich brummenden Shopping-Arkaden, ein Geschäft nach dem anderen machte zu, hinterließ noch mehr Leere in der kühlen Berliner Mitte.

„Magic Mike“ bereits in London und Las Vegas

Wer hier nach dem Konzert von der Philharmonie zur U-Bahn eilt, hat das Pflaster manchmal ganz für sich. Das entging auch Michael Hildebrandt aus Hamburg nicht, MediaLane-Geschäftsführer für Deutschland. Er bringt „Magic Mike Live“ zusammen mit den amerikanischen Produzenten nach Berlin, die die Show bereits in Las Vegas und London erfolgreich etablierten.

Als Hildebrandt 2019 die Möglichkeiten in Berlin inspizierte und an einem Januarabend durch die Gegend hier lief, erschrak er über die Verlassenheit. Aber der zuvorkommende Manager und erstklassige Branchenkenner findet den Platz mit seinen ungezählten Hotels und der hervorragenden Verkehrsanbindung trotzdem absolut passend. Er war Stücke-Entwickler bei dem Musical-Unternehmen Stage Entertainment und verließ es mit Eintreffen der Heuschrecke. Aber er kennt natürlich jeden Winkel des Theaters aus alter Zeit, war mit zuständig für das Entstehen des Lindenberg-Musicals 2011 und für den Import der Blue Man Group 2004.

Die blauen Männer im Theater gegenüber blieben tatsächlich die einzige Show, die sich hier nie vertreiben ließ. Ein anderer Ort als Berlin kam für Hildebrandt nie infrage, denn hierher wollten die Amerikaner unbedingt, „die sind ganz wild auf die Stadt. Sie kennen vielleicht gar keine andere.“ Und außerdem zieht ja auch der Cirque du Soleil im Oktober hier ein und der Umbau der Shopping-Arkaden beginnt in diesem Jahr. Aufbruchstimmung also.

Zwei-Klassen-Etablissement mit Clubmitgliedern

Kann man die gewesenen Pleiten eines Tages vielleicht einfach vergessen? Manche waren schlicht selbst verschuldet. Das Erotik-Theater „Belle et fou“ zum Beispiel, 2006 mit hohem Aufwand in eine Etage der Spielbank eingebaut, bot einiges an Nacktheit, wollte aber partout nicht erotisch werden, auch nicht mit Kaviar und Champagner. Im Nachtclub „Adagio“ ließ sich keine Exklusivität herstellen. Die aber war gerade das Konzept des Kulturmanagers Peter Schwenkow, der hier einen Club für Erwachsene einrichtete – mit pompös-überladener Einrichtung.

Ihm schwebte ein Zwei-Klassen-Etablissement vor: Oben in den Separees sollten sich Clubmitglieder für 1000 Mark Beitrag wohlfühlen und auf das gemeine Volk unten herabblicken. Die Feier-Gemeinden im nicht hierarchischen Berlin widersetzten sich, nicht nur, weil man erst Mal keinen Zutritt in Sneakers hatte. Zwischenzeitlich modernisiert hielt der Club als Wochenend- und Event-Location immerhin bis 2017 durch.

Trotzdem bleibt die Frage, ob sich die „Adagio“-Nachfolger, die schicken Strip-Tänzer in Berlin behaupten werden. Zur Premiere wusste ein Gast eine glasklare Antwort darauf, der frühere Produzent Joop van den Ende: „Natürlich wird das ein Erfolg, so viel Geld, wie wir da drin haben!“ – „Wir“? Der legendäre Niederländer, der seine ersten zig Millionen als Teil der TV-Firma Endemol verdient und nach der Jahrhundertwende mit seiner Stage Entertainment das deutsche Musicalgeschäft dominiert hat, bevor er sie an erwähnte Finanzinvestoren verkaufte, also er ist weiter involviert. Seiner Tochter Iris van den Ende gehört das Unternehmen MediaLane, sie teilt sich das „Magic Mike“-Risiko mit den amerikanischen Produzenten.

20.000 Tickets sollen schon verkauft sein

Geraten nun in Berlin jeden Abend 500 bis 600 Ladys außer Kontrolle? Oder ist die Show doch zu speziell? Vielleicht findet die große Gay-Community Gefallen an „Magic Mike“? Bei Ticketpreisen zwischen 45 und 145 Euro wird der Abend kein günstiges Vergnügen, aber an der Show ist auch nichts billig, schon gar nicht der internationale Cast mit nur einem Deutschen. Das sind keine Stripper wie im Film, sondern bestens trainierte Tänzer, schwer zu verpflichten. Wer so viel kann, hat die Wahl. Will sich vielleicht auch nicht achtmal die Woche verausgaben und dabei so nah „am Gast“ arbeiten, sondern lieber mit einem Popstar durch die Welt touren. Gewissheiten gibt es nicht.

Und wer kennt schon wirklich diese Stadt, in deren Cafés nicht mal mehr die Kellner Deutsch verstehen. 20.000 Tickets sollen schon verkauft sein. Michael Hildebrandt sagt, die Show sei nicht für Berlinerinnen gemacht, sondern für Berlin. Dazu gehört der Potsdamer Platz mitten in der Mitte. Die Neubelebung hat begonnen.