Die Alltagspoesie ist bisweilen sinnfälliger als jeder Kalenderspruch. „ECHTER BERLINER!!!! IHR NICHT FUCK YOU“ stand auf einem Plakat auf einer Häuserwand, das diesem Abend im English Theatre in Kreuzberg seinen Titel gab. Offenbar ein Appell an Zugezogene: Haut ab, Ihr, die Ihr nicht Berliner seid! Paradoxerweise ist es aber zugleich ein Ausweis, wie belebend Durchmischung wirkt. Die reichlich schroffe Wendung „Fuck you“ hätte ein „echter“ Berliner Marke Bolle so noch nicht gekannt.

Das englischsprachige Berlin-Stück, das der Regisseur Daniel Brunet mit der Dramaturgin Lara-Sophie Milagro und vier weiteren Performern (Lynn Femme, Murat Dikenci, Lara Babalola und Ariel-Nil Levy) entwickelt hat, entfaltet seinen Witz auf ähnlich schillernde Weise. Mit über sechzig Migranten aus verschiedenen sozialen Schichten hat das Team Interviews geführt.

Die O-Töne werden von den multi-ethnischen Akteuren auf einer Transitbühne mit Holzgerüsten und Videoprojektionen abwechselnd vorgetragen. Es geht um einen Alltag voll Fremdheitserfahrung auf Grund von Aussehen, Herkunft oder Sprache. Wobei der Vortrag auf sinnfällige Widersprüche angelegt ist, wenn etwa der gebürtige Israeli Levy über seine Erlebnisse als Japaner in Berlin berichtet. Das sind Schachzüge wider schlichte „Klassifikationen“ (Ich Japaner, Du Berliner). Kunst, wie auch das Leben, kennt kein Reinheitsgebot.

Unaufgeregt entwickeln die Performer ein Gefühl dafür, was eine Frage wie „Woher kommst Du eigentlich?“ bedeutet, wenn man sie nicht einfach mit „Na, aus Berlin“ beantworten kann. Weil man vielleicht nicht durchschnittsweiß ist oder nicht akzentfrei spricht. „Du weißt nie, ob der Typ, der dich fragt einfach nur ein blöder Sack ist oder ein Rassist“, wirft Brunet in die Runde und schiebt herrlich trocken hinterher: „Das macht einen Unterschied.“

"Schwarz sein in Deutschland"

Einzige gebürtige Berlinerin, so stellt sich heraus, ist Milagro, eine dunkelhäutige Schauspielerin, die wie Dikenci und Levy auch am Ballhaus Naunynstraße aktiv war. Ebendort in Kreuzberg wollte man tags zuvor das Thema „Schwarz sein in Deutschland“ gezielt angehen, mit dem neuen Stück „Schwarz tragen“ von Elizabeth Blonzen im Rahmen des Festivals „Black Lux“.

Man würde jetzt gern weit ausholen und an Debatten erinnern, die die Stadttheater vor gut zwei Jahren erreichten, als die Initiative Bühnenwatch begann, gegen das „Schwarz anmalen“ (das Black-Facing) von Schauspielern vorzugehen. Weil es an multiethnischen Ensembles immer noch mangelt. Weil die gängige Darstellungskunst nicht selbstverständlich einen schwarzen Hamlet zulässt (ohne dass das zugleich als „postkolonialer Regieansatz“ aufgefasst würde). Man würde vom Aufbegehren gegen das „N-Wort“ in Kinderbüchern reden wollen, das deutlich machte, was es heißt, von der weißen Standardästhetik ausgeschlossen zu sein. Wenn all das diesen Abend nicht so kolossal überfrachten würde.

In einem Vorbericht war zu lesen, dass Blonzen ihr Stück anders angelegt hatte: als Innenansicht einer Wohngemeinschaft mit schwarzen und weißen Mitbewohnern. In der Uraufführung durch Branwen Okpako ist es eine rein schwarze WG voller Klischeetypen: ein viriler Womanizer, eine wonnige Stimmungskanone, eine glaubensstarke Karrierefrau und ein guruhafter WG-Oberer. Mal tanzen sie, mal dialogisieren sie mit staatstragender Langsamkeit. Konfliktpunkte werden allenfalls angetippt. Eigentlich beherrscht die Naunynstraße es, mit Leichtigkeit Stereotype gezielt vorzuführen und zu verabschieden. An diesem bleiernen Abend fiel die Verabschiedung aus.

Echter Berliner bis 28.9., 1.-5.10., 20.Uhr English Theatre Berlin, T.: 69.11.211

Schwarz tragen bis 30. 9., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, T.: 75.45.37.25