Brotfabrik.
Foto: imago images/Rolf Zöllner

BerlinSeit dreizehn Wochen sitze ich zum ersten Mal wieder auf einem Theaterstuhl, so einem schwarzen Klappstuhl in einem dunklen Zuschauersaal. Ich bin allein. Also wirklich allein. Nicht nur der Zuschauersaal, auch die Bühne ist leer bis auf einen Mikrofonständer und ein wenig Licht. Es kommt, was kommen muss. 

Ein Roboter bittet mich in den Lichtkegel, und dort wird mir die Stimme von Micha in die Ohren gespielt. Er erzählt mir die Geschichte von seinem ersten Auftritt in einem Travestie-Club. Er war 18 Jahre alt, als er sich erstmals in Daisy Orkan verwandelte und perfekt geschminkt in schönem Kostüm Shirley Basseys James-Bond-Song „Goldfinger“ performte. Ein Erweckungserlebnis für Micha. Aber jetzt war ich dran: Der Titel wird eingespielt, Micha gibt die Anweisungen. Drei Schritte nach vorn! Geh mit der Musik! Mach große Bögen mit den Armen! Und nimm die Hände wieder an die Hüfte!

Wenn ich eben noch recht melancholisch, wenn auch nicht zum ersten Mal in der Corona-Krise, über Theater als Gemeinschaftserlebnis nachgedacht habe, war ich nun wirklich froh und sehr erleichtert, mutterseelenallein zu sein. So absolvierte ich diese Probe ohne Zeugen (und zwar im Sitzen).

Keine Angst, diese kleine, entspannte und liebevolle Inszenierung „Theater geht“ von Nils Förster zwingt einen zu gar nichts. Man setzt sich auf einen Stuhl im Garten der Brotfabrik, lädt sich eine Audiodatei auf sein Smartphone und lässt sich dann von verschiedenen Stimmen durch diesen kleinen, eigentlich lebendigen Kulturort mit Kino, Theater, Kneipe und Galerie im ansonsten eher tothosigen Weißensee führen. 

Die Galeristin beschreibt die letzte Ausstellung, der Theaterleiter erinnert an Shakespeare und die einstigen Pest-Lockdowns und spekuliert, ob vielleicht das eine oder andere Stück in solch einer Zwangspause entstanden sein mag. Schauspielerin, Techniker, Koch kommen zu Wort, derweil man durch ihre Gefilde geleitet wird. Ich tausche einen langen erinnerungsgeladenen Blick mit der Lichtanlage, die da in einer Ecke brummt.

Anhand von Treppenstufen wird noch einmal erfahrbar gemacht, wie die Corona-Regeln immer mehr das Leben einzwängten – und wie sie sich nun wieder lockern. Es gibt visualisierte Ausflüge in einen leergehamsterten Supermarkt und zur nahegelegenen Bethanien-Kirche. Schön ist auch ein langer Blick aus dem Fenster auf den Caligariplatz, der eine Extra-Rezension wert wäre.  

Nach dem Verlassen des Theaters darf man versuchen, seine Flügel auszubreiten, sich in die Lüfte zu erheben und auf jenem Platz zu landen, um zum Finale die Goldfinger-Nummer aufzuführen. Applaus rauscht auf – und Schluss.

Theater geht. Ein Audiowalk für jeweils eine Person. Brotfabrik, Caligariplatz 1, bis Ende Juli, Informationen und Buchung auf brotfabrik-berlin.de