Berlin - Dieses feierlich-akkurate Gräberfeld in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin ist bekannt. Es gähnt den Berliner Zuschauer schon seit vier Jahren mit aller Nebelkälte bei Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ an. Dieses kleine Meisterwerk, bei dem Gotscheff selber auftritt, wurde im Oktober in den Spielplan des Schauspiels Frankfurt aufgenommen.

Wieder geben die sechs klaffenden Grabschächte den Blick in die Unterbühnenkonstruktion aus Stahl und Beton frei; das sind die Fundamente, in denen laut Müller die Toten kichern sollen. Dünn liegt darüber die in Stege gegliederte Spielfläche − eine fragile Firnis aus Weltbedeutungsholz. Hineingekeilt wie in einen Granitfelsen werden an diesem Abend die drei Kurzdramen „Verkommenes Ufer/Medea/ Landschaft mit Argonauten“ und das Langgedicht „Mommsens Block“, das als gegenwartsresigniertes Satyrspiel den Abend abrundet.

Gut anderthalb Stunden Müller-Verse, entstanden zwischen 1949 und 1993 − das bringt jede Trostkonstruktion zum Einstürzen, jedes Fassungsvermögen zum Überlaufen und schnürt auch dem Durchblutetsten die Gefäße ab. Gotscheff-Müller-Abende sind Fanveranstaltungen, von denen es nie genug geben kann, weil immer noch welche übrig sind, die nie genug davon bekommen können. Und so endete auch dieser Abend mit einem langen Kenner-Applaus.

Wortschrei-Geisterbahn

Mit dem Selbstbewusstsein eines allwissenden Endzeit-Chronisten schmiedet Müller in dem Dramen-Dreisprung Gegenwart, Geschichte und Mythos ineinander. Die heldenhaften Argonauten landen am mit Kondomen und Monatsbinden verunreinigten Ufer des Strausberger Sees bei Berlin, Medea und Jason liegen im blutigen Ur-Ehestreit, schließlich jagen flachstirnige Krieger auf Motorrädern über einen toten Stern, wo es Vogelscheiße regnet. Solche Bilder bleiben hängen, wenn man durch die Wortschrei-Geisterbahn geschleudert wird. Das Ganze könnte, schreibt Müller in einem Regiehinweis, bei laufendem Betrieb in einer Peepshow aufgeführt werden.

Gotscheff gestattet dem Zuschauer solcherlei Ablenkung nicht. Seine Müller-Abende sind bedeutungsrünstige und zugleich asketische Sprechtanz-Rituale, die der Verehrung von Müller-Versen dienen. Sie sollen unangetastet durch die nichtige Gegenwart in eine Zukunft getragen werden, die nicht kommt, sie sollen wach und flüssig für den nicht mehr fernen Moment des Weltuntergangs gehalten werden.

Leiber als Posaunen

Der müllertreue Bulgare Gotscheff leiht dem Dichter postumen Atem; und die Spieler stellen ihre Leiber als Posaunen zur Verfügung. Und was für Posaunen das sind! Lasset uns singen: Gepriesen sei Wolfram Koch − ein Kraftpaket aus Gedankenwucht, Testosteron und Spiel-Listigkeit! Er nagt die Flüche mit Rattenzähnen aus der Finsternis und lässt sein Bewusstsein einmal durch alle Abgründe sacken, bevor ihm das Wort „Gott“ wieder einfällt.

Es regne Segen auf Almut Zilcher! Diese herrliche, vom Leben angefressene Theatergöttin, beglaubigt umstandslos jeden Blutdurst und jeden Herzbruch. Ein Halleluja nicht zuletzt auf Margit Bendokat! Diese hochwürdige Hausmeister-Erscheinung verballert noch die abgehobenste Dichtung als proletarisches Kalaschnikow-Gekicher. Amen und bis zum nächsten Mal, liebe Müller-Gemeinde.

DT-Kammerspiele Berlin 17., 26. November, 3., 10., 17.Dezember www.deutsches-theater.de