Dass die westlichen Demokratien gegenwärtig etwas komisch funktionieren, werden viele empfinden. Spätestens seit plötzlich jemand im Weißen Haus wohnt, den kurz zuvor noch alle Welt als schrillen, aber kurzlebigen Pausenclown auffasste, reibt man sich beständig die Augen. Die politischen Repräsentationssysteme des Westens ächzen. Klare Mehrheiten sind so fern wie das Meinungsspektrum diffus.

Und während politische Akteure zuweilen fünfzig-aktige Verhandlungsdramen aufführen, fragt sich mancher schon, ob überhaupt noch „regiert“ werden muss, wenn der (post)moderne Staatsapparat im Grunde auch von selbst funktioniert, indem er Automatismen oder informellen Antrieben folgt: digitalen Finanzströmen zum Beispiel, Lobbyverbänden und natürlich den Nachrichtendiensten?

Atemberaubend komplex

Nein, dies ist keine Einleitung in rechte Verschwörungstheorien, die die leicht eingerostete Dame Demokratie nicht mehr attraktiv finden. Wohl aber ist es eine Tür in das hochinteressante und ästhetisch wie technisch teils atemberaubend komplexe theatralische Rechercheprojekt, mit dem das Dokumentartheaterkollektiv Rimini-Protokoll im Koproduktionsauftrag mit dem Haus der Kulturen der Welt nach dem Zustand unserer Gegenwart fragt.

Die „Alltagsrechercheure“ Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel machen sich auf die Spuren dessen, was seit den 1990er Jahren leicht dramatisch „Postdemokratie“ genannt wird, und linsen in die dunklen, unkontrollierbaren Ecken und Subströmungen des liberalen Rechtsstaates westlicher Prägung.

Wandern ist Pflicht

„Staat 1-4“ heißt das Langzeitprojekt schlicht und versammelt nun erstmals in Berlin, im Neuen Museum und im Haus der Kulturen der Welt (HKW), alles, was innerhalb von drei Jahren erschaffen und seit Dezember 2016 sukzessive in München (Staat 1), Düsseldorf (2), Dresden (3) und Zürich (4) uraufgeführt wurde. Und was man in den drei ersten Episoden nun durchwandern kann − denn nur Wandern bringt Text und Spiel hier in Gang. Das Ganze gehört zum Gelungensten, was immersives Performancetheater zu bieten hat.

Das Starke daran ist, dass seine Blick- und Erzählchoreografien völlig verschiedene Oberflächen füreinander öffnen können und Blicke zwischen Zeiten und Bedeutungsfeldern ins pendeln geraten, dass es einem vorkommt, als atme man tiefer. Es ist ein Theater des Facettenblicks, das die drei hier multidisziplinär und sinnerweiternd auffächern.

Pharaonen im Blick, Stimmen im Ohr

Der erste Teil der Tetralogie „Top Secret International“, der sich den nationalen Geheimdiensten widmet, entfaltet dabei eine fast Zeit auflösende Wirkung. Wie ganz normale audioguidebewaffnete Touristen gehen wir durch die imposante Sammlung altägyptischer Kunst im Neuen Museum, doch kriechen uns sehr bald völlig andere Stimmen ins Ohr. Sie erklären nichts über die 4000-jährigen Pharaonengesichter und ihren Totenkult, vielmehr berichten sehr gegenwärtige BND-Agenten und beflissene Parlamentarier, wie sie gegen das Nichtwissen arbeiten und warum das Unsichtbare, Geheime dabei so wichtig ist.

Sind wir zunächst nur Agentenschüler, werden wir langsam Aufklärer, Flaneure, Zeitreisende, die Text und Welt in geradezu hieroglyphischer Spiegelbildlichkeit gegeneinander halten und durchdringen.

Exakt geschalteter Parcours

„Es gibt keinen sauberen Geheimdienst“ hört man irgendwann den ehemaligen BND-Chef Schindler sagen und ist damit schon fast im Sprung zur zweiten Episode im HKW, die dem „schmutzigen Geschäft“ der Bauens folgt. Wie schon im Museum geht man auch hier, im „Gesellschaftsmodell Großbaustelle“, nur auf doppelt und dreifachem Boden. Doch die Blickführung zwischen Nähe und Ferne, Detail und Gesamtheit wird hier in eine vielstrangige Choreografie gebracht, über die man nur Staunen kann.

Zunächst stehen wir auf einem Gerüst und blicken auf einen riesigen Bauplatz, der in Berlin ebenso wie in Singapur sein könnte. Sandhügel, Kräne, Hebebühnen und der Planungscontainer bilden ein globales Setting und mittendrin tummeln sich acht Besuchergruppen mit Helmen, die zwei Stunden lang jede auf einem anderen Parcours durch den exakt ineinander geschalteten Bauplan geführt werden.

Kampfplatz Großbaustelle

An jeder Stelle, an der ein „Experte des Alltags“ sie erwartet um seine Aufgabe in diesem Wimmelbild zu erklären, schlüpft die Gruppe in eine andere Rolle, wird von dem Subunternehmer, dem Schwarzarbeiter, dem Juristen oder Investor als Kollege angesprochen. Dabei erscheinen sich die Gruppen immer auch gegenseitig noch in anderen Rollen, die die perspektivischen Erzählungen ihnen zuschreiben. Es wird klar: Misstrauen und Konkurrenz sind die Währungen, die eine Großbaustelle zum Kampfplatz machen. „Ein Prozent jedes Auftragsvolumens ist als Bestechungsgeld feste Größe in der Branche“, sagt der Transparency-Anwalt Andreas Riegel, der von haarsträubenden Korruptionsfällen öffentlicher Bauvergaben in NRW berichtet. Daneben steckt Alfred di Mauro im Sandhügel wie ein Maulwurf und schimpft auf die Politiker: seine Entrauchungsanlage wurde vor fünf Jahren zum Henker des BER − zu Unrecht, schimpft er.

Was ist wahr, was Lüge? Unser wissensdurstiger Libellen-Blick kreist weiter: am nächsten Donnerstag erreicht er „Staat 4“.