Am Rande des Nervenzusammenbruchs sieht es auf schlimme Weise vertraut aus: Die Kreativen tänzeln von Projekt zu Projekt, das Telefon immer im Anschlag. Keine Pause auf Twitter, keine Zeit für Kinder. Noch im Urlaub – dem ersten seit Jahren – geben sie lieber dem Assistenten eine To-Do-Liste durch, anstatt am Strand in Ruhe mit dem Partner zu kuscheln. „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist", sagen sie. Drei Workaholic-Köpfe lässt Felicia Zeller in ihrem High-Speed-Text „X-Freunde“ rauschen, der im kommenden Monat bei den Mülheimer Theatertragen um den Dramatikerpreis für das beste neue Stück des Jahres konkurrieren wird.

Da ist Peter, der Bildhauer, der mit seiner Skulpturen-Serie „X-Freunde“ gerade noch reüssiert, doch schon bald registrieren muss, wie der aufstrebende Nachwuchs in Kassel an ihm vorbei zieht. Holger hat seine Catering-Firma wegen eines Lebensmittelskandals verloren und klammert sich nun arbeitslos an seine Partnerschaft. Um die ist es allerdings nicht gut bestellt, weil seine Frau Anne gerade eine Unternehmensberatung für Entwicklungshilfeprojekte gegründet hat und also permanent auf Achse ist.

Wie stets bei Zeller sind nicht nur die Figuren auf Achse, sondern auch ihre Sprache. Immer einen Zacken zu hastig werden Redehülsen zur Rampe geworfen, wobei unterwegs meist die Verben verloren gehen: „Das ist schade, dass wir beide uns nur noch so selten …“ Keine Zeit für ordentliche Satzschlüsse. Wie eine Stimmenimitatorin greift Zeller in unsere Epoche der Ich-AGs und Freiberufsakrobatik hinein und formt sich ihren urkomischen Diskurs-Mix, der so herrliche Worte wie etwa „Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-ich-bin-schon-da-Agentur“ kennt.

Wie viel szenisches Potenzial dabei in diesen Zeller’schen Sprechopern steckt, kann man jetzt in Stephan Thiels wunderbar leichter, phantasievoller Inszenierung des Stücks am Theater unterm Dach erleben. Vor einem weißen Lore-Standregal nehmen Tilla Kratochwil als Anne im Dauerstress, Christoph Schüchner als prächtiger Schluffie Holger und Jaron Löwenberg als abgerockter Künstler Peter das Tempo des Textes tänzerisch auf. Und doch wird der Abend aus seiner Komik heraus in überaus berührende Momente einer bröckelnden Beziehung münden. Apropos Momente: Eine derart zarte a-kapella Variation von Kraftwerks „Autobahn“ wird man vielleicht auch so schnell nicht wieder hören. Und das waren nur zwei von neunzig starken Minuten.

Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, 10405 Berlin, Tel.: 030 / 902 95 38 17.