Berlin - Sie habe, sagt sie, nie gedacht, dass sie eines Abends zuhause vor dem Fernseher sitzen und die Mediathek nach Serien durchsuchen würde. Für die Kultur-Managerin Alice Ströver ist das eine neue Erfahrung. Ihr Zuhause war allabendlich das Theater. Die Pandemie schleuderte sie aus ihrem Rhythmus. Im Lockdown-März 2020 hatte sie überdies die Volksbühne am Luxemburg-Platz gemietet, um dort mit ihrem Verein den 130. Jahrestag der Freien Volksbühne groß zu feiern. Eine Show mit Stars und großem Tamtam war monatelang vorbereitet – und in zwei Minuten abgesagt worden. Die Pandemie vermittelte vielleicht eine Ahnung, was für ein Drama der Ruhestand auch bedeuten kann. Am Dienstag wird die 65-Jährige dorthin verabschiedet.

Alice Ströver ist eine der engagiertesten Kultur-Kennerinnen Berlins. 15 Jahre lang war sie Abgeordnete der Berliner Grünen, lange Kultursprecherin, immer in der Opposition, bis auf ein fünfmonatiges Intermezzo als Staatssekretärin 2001. Künstler liebten sie, weil sie sich für ihre Belange einsetzte, Amtsinhaber feindeten sie an, weil sie Skandale hinter den Kulissen der Macht aufspürte. Das begann mit der Intrige um die Abwicklung des Metropol-Theaters Ende der 90er-Jahre, zog sich über das planlose Schließen weiterer Bühnen, betraf immer wieder die ungerechte Verteilung öffentlichen Geldes. Dabei ging es ihr nie ums Rechthaben, immer um mehr Gerechtigkeit. Ihr Enthusiasmus half ihr letztlich wenig, eine vorausschauende Kulturpolitik durchzusetzen, darum verabschiedete sie sich vor zehn Jahren ganz aus der Politik: Von nun an wollte sie am Erfolg ihrer Arbeit gemessen werden, nicht mehr an Partei-Arithmetik.

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