Aufmarschoper: Ulrich Rasche inszeniert „Leonce und Lena“ am Deutschen Theater

Dunkel, laut und langsam ist das Theater von Ulrich Rasche. Es trampelt gnadenlos auf den Nerven des Pubikums herum. Diesmal gab es aber auch was zu lachen.

Das Ensemble dreht seine Runden. „Leonce und Lena“ am Deutschen Theater.
Das Ensemble dreht seine Runden. „Leonce und Lena“ am Deutschen Theater.Arno Declair

Als ungefähr zwei Drittel des Abends durchgestanden sind, kommt ein verzweifeltes Gekicher auf im Publikum des Deutschen Theaters. Natürlich nur vereinzelt, und wer es wagt, erntet finstere Blicke. Einige sind schon gegangen, aber viele genießen die nervliche und gedankliche Zerknirschung, die ein Ulrich-Rasche-Abend in seiner Aggressivität mit sich bringt, und wollen nicht gestört werden. Am Ende werden sie den Abend bejubeln. Abgesehen davon, dass diesmal Büchners „Leonce und Lena“ auf dem Programm steht, ist alles wie immer: Das Ensemble marschiert auf einem sich drehenden Objekt, diesmal auf dem Plattenteller der Drehbühne selbst, und zerdehnt den Text Wort für Wort in Verzweiflungsschreien. Darüber legt sich ein von vier Musikern an elektronisch verfremdeten Instrumenten live eingespielter pulsierender Soundtrack. 

Als dann aber die Worte: „Ist denn der Weg so lang?“ Silbe für Silbe aus den Eingeweiden gequetscht werden wie ein Zahnpastarest aus der Tube – dann ist das unfreiwillig komisch. Und weiter geht es so: „Das Picken der Totenuhr in unserer Brust ist langsam und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu lang.“ Man fühlt sich verstanden als sedierter Zuschauer. Jetzt quetscht Lena: „Und für müde Augen jedes Licht zu scharf und müde Lippen jeder Hauch zu schwer und müde Ohren jedes Wort zu viel.“

Das trifft es doch alles gut, auch wenn es hier nicht die Welt ist, die die Füße, Augen, Lippen, Ohren und die Seele ermüdet, sondern die Inszenierung selbst. Nur das mit dem scharfen Licht stimmt nicht, denn das Setting ist die leere, dunkle, manchmal neblige Bühne mit einem riesigen Leuchtstoffröhrengitter, das sich ebenfalls dreht und dabei Farbe und Neigung wechselt. Ulrich Rasche hat die kaltherzige Komödie des jungen Medizinstudenten Büchner auf wenige Sätze zusammengestrichen und ergänzt mit anderen Büchner-Texten, vor allem mit seinen heißherzigen Revolutionsaufrufen aus dem Hessischen Landboten. Hier die Langeweile des vom Leben entfremdeten Adels in den Kleinstaaten Pipi und Popo, da der geknechtete Bauer, der sich gegen die feiste Elite erheben soll: Friede den Hütten, Krieg den Palästen.

Nichts als Pappendeckel

Prinz Leonce und Prinzessin Lena sollen einander aufgezwungen werden, ohne sich zu kennen, sie fliehen, begegnen sich zufällig auf der Flucht und verlieben sich als zynisch melancholische Seelenverwandte ineinander. Um Tatsachen zu schaffen, geben sie sich als Automaten aus, veranstalten eine Fakehochzeit, und am Ende löst sich alles in atemabschnürender Harmonie auf. Wenn man nicht wüsste, dass Rasche immer so arbeitet, könnte man denken, dass er auf die Automatenmetapher aufspringt, indem seine Verzweiflungszombies nun eben Verzweiflungsautomaten sind. „Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern“, wie es bei Büchner heißt.

Aber wie gesagt, die von sämtlichen Resten des Humors und des Lebens befreite Formstrenge ist allen Aufmarschopern von Ulrich Rasche gemeinsam. Das einzig erkennbar lebendige in diesem Schwarzkitschtheater sind die Musiker, die sich in Trance spielen, mit den Köpfen nicken, die Körper wiegen auf den Wellen des Beats. Vielleicht könnte man das Ganze tanzend oder eben auf der Stelle schreitend besser ertragen. Der Energiestau entlud sich stattdessen auf dem Fahrrad. So schnell war der Theaterkritiker noch nie zu Hause. 

Leonce und Lena. 21. Jan., 4., 5, 25., 26. Februar im Deutschen Theater, Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 28441225 oder www.deutschestheater.de