Das echte Schwein, das bei der Premiere letzten September noch mit auf der Akademietheaterbühne stand, hat Frank Castorf nun in Wien gelassen. Reichlich widerspenstig soll es auch gewesen sein und sich kaum sichtbar in eine Ecke verdrückt haben. Im Berliner Deutschen Theater nun, wo Castorfs Inszenierung des jüngsten Elfriede-Jelinek-Stücks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ am vergangenen Samstag mit großem Publikumsaufgalopp die erste Gastspielhälfte der Autor:innentheatertage beschloss, kriecht statt Schwein der Schauspieler Mehmed Atesci an der Leine hinter einer bekrönten Göttin (Marie-Luise Stockinger) her. Eigentlich ein viel bedeutenderes Bild, weil gnadenloser und daher auch mehr Castorf. Und doch hätte das renitente Echtschwein dem Abend zwischen Antikenhelm und EC-Automat vielleicht Auftrieb gegeben.

Der dazu passende Text aus dem Sachbuch „Schwein und Zeit“ des veganen Philosophen und Aktionskünstlers Fahim Amir quält sich so nun allein über die Rampe. Unüberhörbar, weil in einen dröhnend schmerzhaften Sprech-Brechanfall des Schauspielers Marcel Heuperman gezwungen, dafür aber auch weitgehend unverständlich. Zum Glück gibt es dann das Programmheft, das Amirs interessante Recherchen über die Geschichte der Schlachthöfe und ihre allen Rationalisierungs- und Normierungsversuchen widerstrebenden Schlachtopfer, die Hausschweine, teils abdruckt. Demnach leisteten diese mit ihren unzähmbaren Schweinekörpern selbst am meisten Widerstand gegen die Mechanisierung der Fleischindustrie und damit gegen den Motor der kapitalistischen Arbeitsteilung.

Nichts gegen Schweine also, deren revolutionäres Potenzial viel zu wenig bekannt ist, wogegen dieser Abend dankbar Abhilfe schafft. Neben Amir aber spielt auch Homers „Odyssee“ noch eine Rolle, die von der Verwandlung der heimirrenden Troja-Krieger durch die Zauberin Kirke in gar nicht so kluge Grunzer berichtet. Und Elfriede Jelinek packt dieses Grunzwesen ausschweifender Männer wiederum in ihre Allroundkritik an der pandemischen Gegenwart, die von der Après-Ski-Sauerei in Ischgl zur männerbündlerischen Sebastian-Kurz-Politik in die Gerüchteküche der Corona-Leugner wallt. Wirklich viel weiß Castorf leider nicht mit ihrem Text anzufangen, das merkt man allein schon an den wenigen, schwachen Passagen, die er für sein düsteres Brüllcabaret herauspickt. Und anstatt Jelineks Flirren zwischen dem Sichzeigen und Nichtsehen weiterzuspinnen, lässt er nur alberne Kurz-Masken aufmarschieren und Sauforgien auskosten. Zwischen Kerker und Straußenfeder-Tamtam eher ein kleines Stückwerk vom Castorf-Fließband.

Höllisches Polittheater zwischen Oval Office, Führerbunker und Abu Ghraib

Da konnte die Eröffnungsproduktion aus Düsseldorf und Köln von Stefan Bachmann mehr überzeugen. Er hat sich das epochale Werk „Reich des Todes“ von Rainald Goetz vorgenommen, das im vorvergangenen Jahr bereits in Hamburg uraufgeführt und sogleich zum Theatertreffen eingeladen wurde. Doch ist auch dieser Text über die politischen Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September in seiner collagehaften Vielstimmigkeit so breit angelegt, dass auch ein zweiter Blick darauf wie ein erster sein kann. Bachmann schafft das, indem er es radikal konzentriert und das höllische Polittheater zwischen Oval Office, Führerbunker und Abu Ghraib in ein geometrisch gespanntes, dreidimensional geschichtetes Fadengitter versetzt: ein durchrationalisierter Raum, der zugleich wie in einem Spinnennetz gefangen hält. Ein Triadisches Ballett der Macht entfaltet sich darin.

Wie entsteht ein böser Mensch? Wie „die Lust an der Grausamkeit als Grausamkeit“?, fragt das Stück ganz analytisch, nachdem es zuvor halb parodistisch Präsident, Juristen und Soldaten zeigt, wie sie Verhöre in Folter und Krieg abgleiten lassen und einen Rechtsstaat zur Gewaltmaschine ummodeln, so geschehen vor zwanzig Jahren in Amerika. Bachmann zeigt diese Fliehkräfte der Macht, indem er weite Textpassagen als Sprechgesänge rhythmisiert und das Frauenensemble wie ununterscheidbare Puppen ins Fadengitter steckt. Viel Text verschluckt sich darin, aber der Kern leuchtet.

Dass die 25. Ausgabe dieses von Ulrich Khuon gegründeten Festivals für Gegenwartsdramatik nach zwei reduzierten Pandemiejahren nun wieder mit derart groß aufspielenden Bühnenwerken stattfindet – neun Gastspiele insgesamt und drei Uraufführungen – und das alles bei bestem Sommerwetter, das zum Diskutieren und Bratwurstessen auf dem Theatervorplatz einlädt, ist ein großes Glück. Zu erleben ist dieser Tage ein lang vermisstes Theaterfest. Und auch wenn unter den Gastspielen bisher noch nicht das ganz große Ding war, bergen doch alle einen Glutkern der Besonderheit, der die Augen in andere Richtungen biegt, die Gedanken aus der Schiene bringt. Sivan Ben Yishais Gewinnerstück der diesjährigen Mühlheimer Theatertage „Wounds Are Forever“ ist auch so etwas. In einem blutig-grotesken Ritt durch die deutsch-jüdische und israelische Geschichte kämpft sie darin gegen jene starren Narrative und Klischees, in die der Holocaust beide Länder mittlerweile eingesponnen hat. Die Mannheimer Inszenierung bleibt zwar hauptsächlich Rampensprechen, doch spielt der Text rasant mit diesem Paradox: Weitererzählen und zugleich anhalten damit – geht das?

Autor:innentheatertage bis 18. Juni, Info: deutschestheater.de