Es scheppert im Hebbel-Theater: Wucht und Eleganz des Fallens

Showcase Beat Le Mot erzählen im HAU1 mit ihrer Performance „1000 Falling Things“ von einer anderen Welt der Dinge. Der Zufall erzählt mit.

Performer von Showcase Beat Le Mot bei ihren Fallstudien: „1000 Things Falling“ 
Performer von Showcase Beat Le Mot bei ihren Fallstudien: „1000 Things Falling“ Dorothea Tuch

Dass Dinge runterfallen weiß jeder. Und es nervt. Weil die Dinge am Boden einem wenig nützen, man sie wieder aufheben muss und im schlimmsten Fall die zerbrochenen Teile dann noch ein Mal wegwerfen darf, geordnet und in den Müll. An diesem Abend im Hebbel-Theater (HAU 1) hebt niemand etwas auf, dabei fallen die Dinge aus den hundert Ecken der großen Bühne, dass es eine Freude ist. Denn fallend müssen die tausend Dinge hier nichts mehr sollen, plötzlich geht es nur noch darum, was sie für sich sind oder sein könnten.

Zum Beispiel der Scheinwerfer, mit dem alles beginnt, als er scheppernd zu Boden knallt. Dass die metallische Wucht des Sturzes Gewalt und Schrecken verbreitet, ist klar. Die fein und leicht hinterher tänzelnde Feder aber versöhnt im nächsten Augenblick schon wieder. Nach zehn Minuten sind gut 136 Sachen in irgendeiner spezifischen Weise vom Schnürboden gesegelt oder vom Rand her eingeworfen – die digitale Anzeige zählt mit: ein menschliches Skelett zerbirst krachend in unzählige Teile, dicke Medizinbälle hüpfen wie dressierte Elefanten umher, ein Riesenwürfel aus leichter Folie schwebt ein, Buchstaben fallen und drei Regalwände bleiben gegenüber auf halber Höhe stecken, als hätten sie da noch etwas zu tun.

Tatsächlich werden sie, nachdem ein paar hundert weitere Dinge ihren Weg nach unten gefunden haben, übereinander manövriert, bis sie eine Art luftige Treppe bilden, über die weitere Bälle wie im Flipperautomat von oben herab geruckelt werden. Natürlich fällt hier jedes Ding, wie es seine Beschaffenheit erlaubt und dennoch erweist sich diese fast nie so, wie die Oberfläche vermuten lässt. Darüber hinaus überlassen die Performer von Showcase Beat Le Mot die Dinge natürlich auch nie nur sich selbst, sie spielen mit ihnen, hegen, zerteilen, verbinden sie und bauen ihnen vor allem immer neue, originelle Auftritte, wie eine Seilbahn für die Tasse.

Im Grunde machen die Dingforscher von Showcase Beat Le Mot seit 25 Jahren nichts anderes. Radikaler als ihre Kollegen aus der Gießener Postdramatikerschule gehen sie bei der Materie selbst in die Lehre, erkunden ihre physikalischen, metaphysischen, gesellschaftlichen Geheimnisse und kombinieren dabei Installation und Spiel fantastisch neu.

Viele Worte werden dabei nie gebraucht, dafür aber das Denken angeregt, wie sonst kaum wo. „1000 Falling Things“ nun legt in seinen tausend Minidramen so einfach wie logistisch komplex nicht nur die Dramatik des Fallens frei, seine Brutalität, Schönheit, den Witz im ständigen Kampf mit dem Zufall. Sehr bald erweist sich dieser Zufall auch als höchst manipuliert. Was fällt wirklich von allein? Es gibt Dinge, die wunderbar vielgestaltig in Bewegung geraten und immer neue Zusammenhänge bilden können und Dinge, die schon als Müll produziert nur dumpf zu Boden schlagen.

Dann hängen sich zwei Performer selbst an die große Waage, der eine mit künstlichen Gewichten, sinkt, der andere steigt auf. Er müsse wichtige Dinge tun, sagt der Gewichtige dann und geht durch den Schrott. Das Spiel ist dann noch lang nicht vorbei.

1000 Falling Things bis 10. Januar im Hebbel-Theater (HAU 1) Karten und Informationen unter Tel.: 25900427 oder www.hebbel-am-ufer.de