Brecht und Weigel: Zum MeToo-Fall stilisierte Theatergeschichte 

Bernhard Mikeska und das Kollektiv Raum+Zeit bringen mit „Antigone: Comeback“ einen neuen VR-Theater-Parcours in die Uferstudios.

Opfer von Tyrannen: Claudia Renner spielt Helene Weigel, die Antigone spielt.
Opfer von Tyrannen: Claudia Renner spielt Helene Weigel, die Antigone spielt.Heinz Holzmann

„Verdammte Träumerei!“, ruft der ungeduldige Bertolt Brecht. Besser gesagt, die Stimme Peter Jecklins, der den Meister in diesem Moment via Kopfhörer aus der Vergangenheit holt. Einigermaßen fremd klingt der weich geschliffene Tenor des schweizerischen Schauspielers für den, der den markant krächzenden BB-Originalsound kennt. Doch je länger man den mauligen Anweisungen dann auf dem einen Ohr und seiner weiblichen Gegenstimme, einer verträumten Helene Weigel, auf dem anderen folgt und dabei durch das bizarr-schöne Areal der Uferstudios wandert bis hinein in eine Halle, wo eine kleine Holzkammer auf Eintritt wartet, desto vertrauter wird das seltsam aufgefrischte Paar.

Friedrich-Luft-Preis für Raum+Zeit

Wir befinden uns in einer der mittlerweile einschlägig bekannten Theaterinstallationen des Künstlerkollektivs Raum+Zeit, die Audiowalk, Livespiel und VR-Erlebnis zu multidisziplinären Mehraktern vereinen. Im Mai stellten sie im BE die Fotografin und Brecht-Geliebte Ruth Berlau ins Zentrum einer hyperdramatischen Ich-Revision, wofür sie Anfang November mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet werden. In ihrer aktuellen Berlin-Produktion „Antigone: Comeback“ in den Uferstudios bleibt formal alles gleich, doch schwenkt der Fokus inhaltlich von der Neben- zur Hauptfrau: Helene Weigel.

Im Winter 1947 machten sie und Brecht frisch aus dem amerikanischen Exil kommend in der Schweiz Zwischenstopp, um mit der „Antigone“-Bearbeitung für das Theater Chur erste Schritte zurück auf die Bühne zu erproben. Zehn Jahre hatte die Weigel nicht gespielt, und so wählte Brecht die antike Heldin, die sich dem Tyrannensystem des Kreon widersetzt, indem sie die Leiche ihres geschassten Bruders begrub, nicht nur, um das soeben kollabierte Gewalt- und Mitläufersystem der Nazis zu dechiffrieren, sondern auch, um der Weigel schlicht eine gute Rolle zu verschaffen.

Zuschauerin mit VR-Brille
Zuschauerin mit VR-BrilleHeinz Holzmann

Mitgefangen im Selbsthass

Genau an dieser privat-professionellen Verquickung setzen Regisseur Bernhard Mikeska und Autor Lothar Kittstein an, imaginieren einen kurzen Probenmoment von damals und basteln ein sehr gegenwärtiges Beziehungs- und Ich-Drama aus dem historischen Stoff. Nicht Brecht steht im Mittelpunkt, auch nicht Antigone, sondern die später von Berlin aus alles erinnernde, (alb)träumende Weigel. Und mit ihr jeder Zuschauer, der unter Kopfhörern und VR-Brille ganz in sie hinein schlüpfen muss. Auch im Livespiel ist kein Entrinnen. Virtuell steht man so als Weigel plötzlich auf der Churer Bühne, wo Brecht mal vom Regiepult aus, mal als gespenstischer Kreon einen umkreisend des schlechten Spiels wegen beschimpft. Und haptisch live starrt einem in der Garderobe später die intensive Weigel-Mimin Claudia Renner ins abgespaltene Doppel-Ich-Gesicht und zwingt einen in ihren Selbsthass.

Sehr fühlbar wird Brecht so zum tyrannischen MeToo-Fall stilisiert und Weigel zum Angstmenschen, was man durchaus machen kann. Doch bleibt das alles, wie schon bei Berlau, nur einseitig, zwangsneurotisch und die immersive Theatertechnik damit weit hinter ihren subtilen Möglichkeiten zurück. Denn interessant wird sie erst, wenn man mit ihr auf Messers Schneide balanciert zwischen Eintauchen und Selbstbefreiung.

Uferstudios, bis 23.10., Einlass alle 12 Minuten von 17.36 Uhr bis 21.48 Uhr; Karten: raumundzeit.art/antigone