Berlin - Choy Ka Fai möchte schamanische Kräfte einberufen. Dazu bietet der in Berlin lebende singapurische Choreograf alle Mächte digitaler Technologien auf. Wer zur Einstimmung auf das internationale Festival Tanz im August Choy Ka Fais Ausstellung „CosmicWander: Expedition“ im Neuköllner Kindl besucht, folgt dem Künstler in einem Computerspiel bei seinen Recherchen zu schamanischen Kulturen in Asien. Auf sechs im Kreis angeordneten Bildschirmen beobachtet man eine „Schamanen-Androidin“ mit Irokesenschnitt und Fellstiefeln, die durch eine zerstörte Stadt läuft. Auf der Suche nach einem alten Mantra, um Kontakt zu den Göttern aufzunehmen – ein klassisches Adventure-Game, das sein postapokalyptisches Setting spirituell auflädt.

Als die Androidin ein Portal durchschreitet, hinter dem sich die verschwundenen Götter am Lagerfeuer versammeln, schaltet sie damit für uns die Filmaufnahmen von Choy Ka Fais Reisen durch Indonesien, Sibirien, Singapur und Vietnam frei. Und dort, so ist aus „The Wanderer“ mitzunehmen, sind Spiritualität und Religion genauso geprägt von der Vermischung traditioneller Praktiken, zeitgenössischer Diskurse und digitaler Technologien wie Choy Ka Fais Arbeiten: Bei einem vietnamesischen Dao-Mau-Ritual filmen die teilnehmenden Frauen mit ihren Handys alles, was der als Göttin kostümierte Schamane vor einem mit Opfergaben überladenen Altar performt. Kolonialgeschichte bewältigt der indonesische Dolalak, ein Tanz, in dem niederländische Soldaten stilisiert (und spöttisch) beim Trinken gezeigt werden, die Tänzer aber in eine Trance steuern wie in indigenen Praktiken. Und in Sibirien verdient eine schamanische Gesellschaft Geld mit Ritual-Vorführungen – eine sattsam bekannte Verschränkung von Tradition und Tourismus.

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