Dreizehn Männer, „die noch richtig denken können“, bestimmen. So ist das auf dieser Insel. Hier gibt es eine Straße, die „die Straße“ heißt, und eine Kurve namens „die Kurve“. Und das einzige Dorf wird sehr zutreffend „schönes Dorf“ genannt. „Unser Dorf ist kalkweiß und liegt hoch oben am Berg auf einer Insel. Über der Insel, da ist der Himmel, mit dem atmenden Mond und seinen Sternen.“ Oliven, Mandeln und Granatäpfel wachsen im Tal, Bienen machen Honig im Zustand der „Stille und All-Einheit“. Wäre der Fortschritt an einem solchen Ort wirklich eine wünschenswerte Alternative?

Der Roman „Miroloi“ von Karen Köhler, den das Junge DT zur Vorlage für die Inszenierung von Liesbeth Coltof genommen hat, beschreibt wie eine Fibel die Idylle der Stagnation. Die Gesetze des Ältestenrats ordnen die Welt so, dass die Männer ihre Zeit im Schatten verbringen können, lesend, denkend, spielend – und die ihnen untergeordneten Frauen müssen die Arbeit verrichten. Von morgens bis abends. „Nie ist nichts“, sagt die Heldin, ein vaterloses, namenloses und deshalb gänzlich rechtloses Findelkind, „aber das stört mich nicht, weil ich beim Waschen wasche und beim Lachen lache und beim Schlafen schlafe.“

Selbst geschaffener Konflikt

Die Brutalität dieser Idylle zeigt sich erst, wenn jemand gegen die Gesetze aufbegehrt und die Regeln des Zusammenlebens hinterfragt. Der kommt an den Schandpfahl und wird unter Umständen gesteinigt. Das Mädchen bekommt diese Brutalität von Anfang an zu spüren, da es als Fremde diskriminiert wird und keine Chance bekommt, ein Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Es wehrt sich, lernt heimlich lesen und lieben und aufbegehren. Das haben jene dreizehn nicht bedacht, denn dieser selbst geschaffene Konflikt ist es, der schließlich zur gefürchteten Entwicklung führt.

Der Roman bedient sich der gewichtigen und kunsthaften Sprache eines Gleichnisses. Das ist passend für die Umsetzung durch die begabten Laien des Jungen DT, die das Sprechen auf der Bühne, also die schöpferische Spannung von Zeichen und Bedeutung gerade entdecken. Es ist, als würden sie sich und die Welt auf der Bühne gerade selbst erfinden und bestaunen – man kennt den Effekt von Krippenspielen. Aber die elf Kinder und Jugendlichen sowie zwei ältere Erwachsene haben darüber hinaus gehende Ambitionen, reißen Widerstände der Scham ein und öffnen ihre Seelen für die hoch aufgetürmte Dramatik dieser archaischen Konflikte. Dass alle Mädchen das Findelkind spielen, ist eine weise Inszenierungsidee, denn so wird seine scheinbar individuelle soziale Not als strukturelle erkennbar. Und diese Strukturen wirken weiter, auch wenn die Welt nicht mehr so übersichtlich ist wie auf dieser Insel.

Miroloi 20., 27. Januar, 10., 16., 22. Februar in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 030 28441225 oder: www.deutschestheater.de