Kurz ist und viel umfasst die vierte Regel des Werte- und Verhaltenskodexes, den der Bühnenverein seinen Mitgliedern auferlegt: „Ich gehe gewissenhaft mit der mir übertragenen Verantwortung um.“ Sehr gut gewählt ist hier das Adjektiv gewissenhaft. Das Wörterbuch bietet viele Synonyme an wie zum Beispiel: exakt, genau, gründlich, penibel, sorgfältig, zuverlässig – auch abwertende: pedantisch, preußisch korrekt, und wir fügen hinzu erbsenzählerisch, korinthenkackerisch.

All diese Vokabeln bieten aber nicht die etymologische Verbindung zum Gewissen – das sich wiederum auf Wissen, Witz, Weisheit zurückführen lässt. Auch bei der Liste der Gegensatzwörter (flapsig, gedankenlos, schludrig, ungenau und schlampig) fehlt der Bezug. Gewissenlosigkeit scheint also kein Gegensatz zu Gewissenhaftigkeit zu sein.

Dennoch klingt an, dass, wer Verantwortung zu tragen hat, sich in seinem Handeln gegenüber seinem inneren ethischen Korrektor rechenschaftspflichtig fühlen soll. Je höher die Machtposition, desto folgenreicher sind die zu treffenden Entscheidungen und desto befrachteter ist jegliche Kommunikation mit den weniger Mächtigen. Auch die Verantwortung kann einem im täglichen Betrieb aus dem Bewusstsein rutschen, wie schon die in Paragraf 3 fokussierte, nicht immer reflektierte, von der Absicht abweichende Wirkung des eigenen Verhaltens auf andere. Je mehr Verantwortung, desto mehr Bedenken hat man zu tragen, und desto besser wird man in der Regel bezahlt.

Bestrebungen, solche Korrelationen zu überspielen – wir landen zum wiederholten Mal bei den in Mode gekommenen flachen Hierarchien –, drücken sich in der Forderung nach Eigenverantwortung aus. Auf jeden Fall ist Eigenverantwortung ein hohes Gut, und es ist viel erfüllender, wenn man für das, was man im eigenen Bereich selbst entscheidet, auch selbst einstehen darf. Positives Feedback sammelt man auch viel lieber für eigene Ideen ein statt für chefseitige Anweisungsverwirklichungen.

Aber wie immer gibt es auch hier eine Kehrseite: So geschieht es selbstverständlich auf eigene Verantwortung, wenn ein Schauspieler sich in einer anderen Stadt engagieren lässt, alle Brücken abreißt, seine Familie mitnimmt – und drei Monate nach Saisonbeginn zum fristgerechten Nichtverlängerungsgespräch eingeladen wird, bei dem ihm mitgeteilt wird, dass die Intendanz ab der nächsten Spielzeit aus künstlerischen Gründen auf eine Weiterbeschäftigung verzichtet.