Der an dieser Stelle in einer kleinen Serie zu besprechende und auszulegende Kodex des Deutschen Bühnenvereins zur Verhinderung von Machtmissbrauch und Diskriminierung hat in seinen ersten vier Paragrafen die zu wünschende moralische Einstellung, charakterlichen Fähigkeiten und das soziale Ethos der Kulturbetriebler skizziert. In den weiteren Paragrafen folgen Verhaltensregeln, die anzuwenden sind, wenn bereits Handlungsbedarf besteht, wenn es also irgendwo im interaktiven Getriebe hakt, quietscht oder gar brennt.

In einem Betrieb, natürlich auch im Kulturbetrieb, treten, weil verschiedene Menschen mit verschiedenen Interessen interagieren, Konflikte auf. Ein Konflikt ist an sich nichts Negatives. Er verlangt nach Reflexion, Kommunikation und einer Entscheidung. Man kann ihn also erst einmal unvoreingenommen begrüßen, wenn man ihm begegnet.

Die Regel aus Paragraf 5 lautet: „Ich spreche Konflikte offen an und trage aktiv dazu bei, diese fair zu lösen“ und gilt offenbar unabhängig davon, ob man selbst an dem Konflikt beteiligt ist. Aber das ist man insofern stets, weil man zum Kollektiv gehört. Muss das sein, dass zum Beispiel die Pförtnerin oder der Maskenbildner ihren Senf dazugeben, wenn es etwa um Differenzen von Dramaturgie und Komposition im Schaffensprozess geht. Warum nicht? Wer in der Lage ist, einen konkreten Konflikt zu identifizieren und zu formulieren, der verfügt unabhängig von seiner Position über eine gewisse Kompetenz und darüber hinaus über eine individuelle Perspektive, die natürlich gern auch eine von außen sein darf. Bitte nicht als Generallizenz zur Einmischung oder als allseitige Dauerworterteilung missverstehen!

Wichtig sind auch in diesem Paragrafen die drei Adjektive: offen, aktiv und fair. Die Regel würde zwar auch funktionieren, wenn man sie wegließe, aber sie geben ihr erst den richtigen Ton, fordern die Bekundung zu Transparenz, Engagement und Gerechtigkeit ein und weisen darauf hin, dass Konflikte nicht von allein verschwinden, indem man sie totschweigt und laufen oder vereisen lässt, sondern dass man Mühe, Wissen, Rücksicht, Fantasie, Geschick und vieles mehr aufwenden muss, um einen Kompromiss zu finden. Gerade am Theater sind Konflikte zumindest auf der Bühne gern gesehen, ohne sie stünde die Handlung still, gäbe es kein Drama und keine Entwicklung. Aber auch in der Wirklichkeit muss Entwicklung ja nichts Schlechtes sein.