Auch im sechsten und vorletzten Paragraf des Bühnenvereinskodex gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung verpflichten sich die Unterzeichnenden dazu, etwas „anzusprechen“. Diesmal nicht „offen“ wie in Paragraf fünf die Konflikte, sondern „direkt“. Lesen Sie selbst: „Ich schreite ein, wenn ich Zeug*in von situationsunangemessenem Verhalten jeglicher Art werde und spreche dies direkt an.“

Da wir nun, nach Kenntnisnahme und unter Beachtung aller bisherigen Paragrafen, stets korrekt handeln und miteinander umgehen – zum Beispiel rechtskonform, respektvoll, fair, reflektiert, klar und eindeutig, empathisch, verantwortungsvoll, gewissenhaft und so weiter –, steht hier das Verhalten anderer im Fokus. Und zwar ihr „situationsunangemessenes Verhalten“. So vielumfassend der Begriff sein mag, die Autoren schieben sicherheitshalber die Formulierung „jeglicher Art“ hinterher, damit klar wird, dass der Variantenreichtum von Fehlverhaltensweisen so unendlich ist wie die Bandbreite an möglichen Situationen.

Das kann ein missbilligendes Schielen, ein Auslachen, ein Anschreien sein und von sexistischen oder rassistischen Witzen bis hin zu körperlichen Grenzüberschreitungen reichen, es schließt sogar solche Verhaltensformen ein, die in gar keinen Situationen angemessen wären – außer natürlich im fiktionalen Rahmen des Bühnengeschehens. Mit Letzterem ist auch gleich gesagt, dass ein Zuschauer situationsunangemessen handeln würde, wenn er bei der Werbung Richards III. um Lady Ann einschritte, auch wenn diese Werbung außerhalb des Bühnenrahmens wiederum so ziemlich das Situationsungemessenste wäre, was man sich vorstellen kann, nachdem Richard Anns Ehemann und ihren Schwiegervater umgebracht hat. Aber wir schweifen ab.

Das Einschreiten und das Ansprechen sind in dem Paragrafen durch ein Und verbunden. Das heißt, es ist keine Reihenfolge festgelegt, beides kann auch gleichzeitig stattfinden. Dass dies direkt und aus der Situation heraus zu geschehen habe, setzt voraus, dass die Unangemessenheit des Verhaltens eindeutig zutage tritt, was nicht immer der Fall ist. Man kann aber sicher sein, dass die Beurteilung des Unangemessenheitsgrades schwieriger wird, wenn die Situation erst einmal vergangen und je länger sie vorbei ist. Dann kommt der siebte und letzte Paragraf zur Anwendung, um den es im nächsten Teil dieser Serie geht.