Berlin - Ein kleiner Sieg, aber ein großer Schritt für die Ballettwelt: So kommentierte die Tänzerin Chloé Lopes Gomes den vor dem Bühnenschiedsgericht erzielten Vergleich mit dem Staatsballett dieser Zeitung gegenüber. Am Mittwoch hatten sich ihre Anwälte mit dem Staatsballett geeinigt. Chloé Lopes Gomes’ eigentlich auslaufender Vertrag wird um ein Jahr bis 2022 verlängert, und sie erhält eine Abfindung von 16.000 Euro. Klingt kleinteilig? Hat aber eine große Vorgeschichte. Der Fall rüttelt an den Grundfesten des klassischen Balletts und steht in Verbindung mit derzeit heftig ausgetragenen Debatten in den Darstellenden Künsten. Um prekäre Beschäftigungsverhältnisse geht es dabei, um Rassismus und um lernende, aber vielleicht zu langsam umsteuernde Institutionen.

Lopes Gomes’ Nichtverlängerung ist ein leider üblicher Fall. Auf ein oder zwei Jahre befristet, können die Verträge mit den Ensemblemitgliedern „aus künstlerischen Gründen“ zu jeder Spielzeit nichtverlängert werden. Mit dem Wechsel einer Theaterleitung wird oft ein Großteil der Künstlerinnen und Künstler ausgetauscht. Protest dagegen gibt es nicht erst seit Corona-Zeiten, in denen ein neuer Job schwer zu finden ist. 

Formell hatte das Bühnenschiedsgericht im konkreten Fall auch nichts zu beanstanden. Chloé Lopes Gomes war die Nichtverlängerung zu den gesetzlich vorgeschriebenen Fristen mitgeteilt worden, von der Intendantin Christiane Theobald, die seit dem verfrühten Weggang des Duos Johannes Öhman und Sasha Waltz das Staatsballett kommissarisch leitet. Die Lopes Gomes genannten künstlerischen Gründe, von denen einige mit dem Schriftsatz der Staatsballett-Anwältin Marion Ruhl öffentlich wurden, focht die Tänzerin an. Sie als „vernichtende Vorwürfe“ zu belegen, hätte vor Gericht zu unschönen Szenen geführt, wie der Obmann Gerhard Binkert den Parteien vor Augen führte: „Was wir hier gesagt haben, wird viele gute oder schlechte Einzelheiten im Gerichtssaal bewegen. Ob das für beide Seiten gut ist, so einen Prozess zu führen?“ Mehrfach drang er auf eine Einigung. Nach mehreren Verhandlungsrunden wurde sie erreicht.

Warum ist der Fall nun aber so brisant? Chloé Lopes Gomes war vor allem vor Gericht gezogen, weil sie für ihre Nichtverlängerung auch Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe geltend machte. Im November 2020 berichtete die Tänzerin öffentlich von einer „Kette rassistischer Diskriminierung“ am Staatsballett, wie der Obmann aus dem Schriftsatz ihres Anwalts Axel Mütze zitierte. Für eine Vorstellung von „Schwanensee“ sei sie angewiesen worden, sich weiß zu schminken. Die Ballettmeisterin habe ihr gesagt, sie hätte gar nicht engagiert werden dürfen, weil eine Schwarze Tänzerin in einem Ballettensemble nicht ästhetisch wirke. Zutiefst rassistische Äußerungen. Falls sie so gefallen sind, deuten sie auf eine Mentalität hin, die im Theaterbetrieb leider noch weit verbreitet scheint.

Gerade im Ballett, in dem Körper in langen Jahren Training normiert werden, auf absolut synchrone Bewegungen im Corps gedrillt, gibt es auch im Repertoire rassistische Anklänge: Weiß in weiß sind die zentralen Szenen romantischer Ballette wie „Giselle“ oder „Schwanensee“, und wie viele exotische Feenwesen hier durch die Bühnenbilder schweben, mag man mit dem 21. Jahrhundert nicht ganz zusammenbringen. In kolonialen Stereotypen wurzelten diese Darstellungen, hieß es kürzlich im Diversitätsgutachten, das sich die Pariser Oper nach Protesten des Ballettensembles erstellen ließ. Dort tanzt übrigens der Bruder von Chloé Lopes Gomes.

Aber es bewegt sich etwas. In Paris will sich die Oper umstrukturieren, und auch in Berlin erklärt das Staatsballett, „tiefgreifende Veränderungen“ in Gang gesetzt zu haben. Im Oktober letzten Jahres, nachdem die Interimsintendantin von den rassistischen Vorfällen erfahren haben will, kündigte sie in einem internen Schreiben einen Verhaltenscodex und Antidiskriminierungs-Workshops an, die offenbar teils schon stattgefunden haben. Auf der Webseite der Kompanie sprach sich die Ballettintendanz schon nach den ersten Berichten über Chloé Lopes Gomes’ Rassismuserfahrungen gegen Diskriminierung aus. Und gab damit rassistische Vorfälle zu, die es vor Gericht wiederum bestritt, wie Obmann Binkert verwundert registrierte. Von Einsicht zeugt auch das Statement von Christiane Theobald nach der Verhandlung: „Null-Toleranz für Rassismus und jedwede Diskriminierung“ gelte am Staatsballett.

Also alles korrekt mit der nachhaltigen Transformation? Oder ist das öffentliche Institutionen-Kosmetik? Inwieweit institutionelle Tanker wie das Staatsballett zu einer Wende in voller Fahrt fähig sind, wird auch bezweifelt. Eine der beratenden Agenturen für Diversität brach den Prozess mit dem Staatsballett wohl ab, weil tiefgreifende Veränderungen dort nicht wirklich angestrebt würden. Und ob das Staatsballett den Prozess gewonnen hätte, ist offen – etliche Zeuginnen und Zeugen sollen auch zur Aussage gegen die Kompanie bereit gewesen sein. Freut man sich für die Beteiligten persönlich, dass vor Gericht keine dunklen Details ans Licht gezerrt werden, so sehr ist zu bedauern, dass die Aufarbeitung nun wieder hinter verschlossenen Türen vonstatten geht.