Am 7. Juni vor 85 Jahren ist Claus Peymann in Bremen als Lehrersohn auf die Welt gekommen. Er wurde Regisseur, Oberspielleiter und 1974 Theaterdirektor, zuerst in Stuttgart, dann in Bochum, dann am Wiener Burgtheater und von 1999 bis vor fünf Jahren am Berliner Ensemble. In seiner Berliner Zeit war das Haus verlässlich voll, und die Hauptstadtkritik fast ebenso verlässlich negativ. Als sich die Berliner Zeitung im Januar 2021 um ein Interview mit Claus Peymann bemühte, um an den damals vor 90 Jahren geborenen und mit der Karriere von Peymann aufs Engste verbundenen Dichter Thomas Bernhard zu erinnern, schlug Peymann aus. Nun aber steht sein Berliner Comeback vor der Tür, am 9. und 10. Juni steht er zum ersten Mal seit 2017 wieder auf einer Berliner Bühne und tritt im Renaissance-Theater mit zwei Bernhard-Leseabenden auf. Als die Pressestelle Promo-Interviewtermine vergab, schnappte die Berliner Zeitung zu und hoffte darauf, die eine oder andere grundsätzliche Frage loszuwerden. Wir trafen uns an einem helllichten Frühlingstag im dämmrigen Foyer des Renaissance-Theaters. Es wurde ein langes und intensives Gespräch, in dem Peymann auf seine Theaterlaufbahn zurückblickt, aber auch auf das, was noch kommt. Und wenn es hier und da wie ein Vermächtnis klingt, es bleibt sicher nicht die letzte Version. Claus Peymann, der 2019 schwer krank war, ist wieder da.      

Herr Peymann, eigentlich wollten Sie mir frühestens 2031 wieder ein Interview geben. Ich verweise auf den Infokasten mit unserem Briefwechsel, den wir auf Ihren Wunsch hin ungekürzt veröffentlichen. Schön, dass Sie doch schon heute mit mir sprechen wollen.

Ach, wir Theaterleute und Kritiker sind doch alle Huren. Sie wissen, warum ich das hier mache. Meine Lesungen im Renaissance-Theater sind noch nicht ausverkauft, ich möchte nicht vor hundert Leuten auftreten. Das kann ich nicht. Ich muss die Bude vollkriegen. Und dazu „benutze“ ich Sie und Ihre Kollegen.

Diese Lesungen, Herr Peymann, wie großartig werden die?

Die werden überaus großartig, Herr Seidler! Ich trete mit zwei Thomas-Bernhard-Texten auf. Ich bin zwar kein Schauspieler, aber ich gebe alles, was ich habe. Ich lese im Renaissance-Theater „Meine Preise“ und „Holzfällen“, letzteres auch aus Eitelkeit, denn im zweiten Teil geht es um den neuen Burgtheaterdirektor, diesen Deutschen, und damit bin natürlich ich gemeint! Für die Eingeweihten: Es spielt ein Ohrensessel eine entscheidende Rolle. Und der Ohrensessel reist mit, das ist der, auf dem George Tabori auf den Proben und in seinen Inszenierungen auf der Bühne gesessen hat und immer mal sanft eingeschlafen ist. Er hat noch mit über neunzig vom Totenbett aus die Proben geleitet. Wir haben ihm ein Fernsehkabel aus dem BE in die nahe Wohnung verlegt. Das ist mein großes Vorbild.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Eine Verabredung zum Interview

Lieber Herr Peymann, hoffentlich geht es Ihnen gut. Wir haben lange nichts voneinander gehört. Ihnen wird das nur recht gewesen sein, Sie beginnen mir allerdings zu fehlen. Zumindest muss ich immer mal wieder an Sie denken. Ich stelle mir vor, wie Sie als Theaterdirektor mit dem Corona-Lockdown umgegangen wären. Vermutlich hätten Sie das Virus längst in die Flucht geschlagen, wie Sie es mit den Wildschweinen in Ihrem Köpenicker Garten handhabten. Der neunzigste Jahrestag der Geburt von Thomas Bernhard steht vor der Tür. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir nicht ein Interview geben wollen, das von dieser Ihnen wichtigen Person abspringt und in der Gegenwart landet? Wir haben nicht viel Freude miteinander gehabt, weil wir aus verschiedenen Ecken und Zeiten aufeinanderstießen, aber es gab mindestens ein Interview, das mir in Erinnerung blieb. Sie verabschiedeten mich damals mit den Worten: „Bis zum nächsten Verriss.“ Das hat mir sehr imponiert. Ich würde mich freuen, bald von Ihnen zu hören. Wenn ein Interview nicht infrage kommt, würden wir auch gern einen kleinen Geburtstagsgruß von Ihnen an Bernhard drucken. Bitte lassen Sie es sich durch den Kopf gehen. Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für das neue Jahr, Ulrich Seidler (5. Januar 2021)

Lieber Ulrich Seidler, meine Absage in Sachen Bernhard wird Sie nicht überraschen, haben Sie doch zwanzig Jahre lang unsere Arbeit am BE unermüdlich niedergemacht. Die Leser Ihres Blattes waren trotzdem in all den Jahren treue und begeisterte Besucher unseres Theaters (und haben eher ihr Abonnement der „Berliner Zeitung“ gekündigt als unser Wahlabo). Danke also für Ihre Mail. Aber Ihre Reue kommt zu spät. Gute Wünsche zum noch immer Neuen Jahr … Claus Peymann PS: Wenn es Sie tröstet, holen wir das Interview zu Bernhards 100. nach – falls Ihr geschätztes Blatt dann noch existiert. (12. Januar 2021)

Lieber Claus Peymann, mit großer Freude nehme ich zur Kenntnis, dass Sie der Humor in diesen Zeiten nicht verlassen hat. Auch nicht im Umgang mit unermüdlichen Niedermachern wie mir. Vielleicht darf ich in diesem Moment zugeben, dass die Unermüdlichkeit mit dem Ende Ihrer Amtszeit fast aufgebraucht war und nur mit letzter Kraft aufrechterhalten werden konnte. Aber das ist ja alles schon wieder Jahre her, in denen ich mich ohne die Allgegenwart Ihrer Gegnerschaft regenerieren und munitionieren konnte. Ich kriege ja, seit ich keine Gelegenheit mehr habe, Peymann-Inszenierungen zu verreißen, kaum noch Post von Leserinnen und Lesern. Weil die nicht mehr wissen, womit sie mich beschimpfen sollen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt existiere, lieber Claus Peymann, ohne Sie! Ich bin sehr dankbar für den Termin, den Sie im Jahr 2031 gewähren wollen. Ich habe ihn in meinem Kalender eingetragen und fest vorgemerkt. Vielleicht wollen wir aber vorher doch noch einmal bei laufendem Diktiergerät miteinander streiten? Ich bewundere Sie ja wirklich – und das habe ich selbst in den finstersten Phasen meiner Peymann-Ignoranz geschrieben – für Ihre vernehmliche Stimme und pointierte Rede in der öffentlichen Debatte. Mit freundlichen Grüßen, Ulrich Seidler (12. Januar 2021)

Das ist Ihr erster Abend in Berlin, seit Sie 2017 Ihren Abschied vom Berliner Ensemble mit einem großen Feuerwerk gefeiert haben. Wie war das für Sie?

12.000 Euro hat mich der Spaß gekostet. Laut und leuchtend, so war ja meine Direktion auch. Das sollte mir schon was wert sein.

Wie ging der Abend zu Ende?

Das habe ich vergessen. Ich habe so viele Abschiede gefeiert. Die Direktion des Berliner Ensembles war ein schöner Epilog meines Theaterlebens. Ich habe letztlich das Haus geleitet, an dem ich so gern begonnen hätte und dessen Tür mir einstmals vor meiner Nase zugeschlagen wurde: Die Weigel fand mich toll, sie wollte mich als Regieassistenten und hat einen Termin ausgemacht, zu dem ich dann zu spät kam. Ich wurde einfach weggeschickt. Und auch wenn mich das damals verletzt hat, bin ich natürlich ganz der Meinung der Weigel: Ein Assistent, der zu spät kommt, hat am Berliner Ensemble nichts zu suchen. Ich kehrte ein paar Jahrzehnte später zurück, als Direktor.

„Ich hatte auch nicht das nötige unnatürliche Lachen. Das war Pflicht, und das musste jeder lernen. Ohne dieses Lachen war man kein Brecht-Schüler, man erkennt sie bis heute daran, sofern sie noch leben.“

Claus Peymann

Wer weiß, was aus Ihnen geworden wäre, wenn man Sie genommen hätte?

Ich wäre gar nicht geeignet gewesen, als einer von hundert Brecht-Schülern, die mit dessen missverstandenen Theatertheorien bis heute die Welt verwirren. Ich hatte auch nicht das nötige unnatürliche Lachen. Das war Pflicht, und das musste jeder lernen. Ohne dieses Lachen war man kein Brecht-Schüler, man erkennt sie bis heute daran, sofern sie noch leben. Das ist das Lachen eines Höflings, der einen Witz aus dem Munde des Königs zum hundertsten Mal hört und dennoch sehr verlässlich in Heiterkeit ausbricht. Gott sei Dank lache ich immer noch aus vollem Herzen und nicht auf Verlangen.

Wieso wollten Sie ans Berliner Ensemble?

Ich bin zum Schießen nicht geeignet, aber ich war Kommunist und Revolutionär. Ich wollte die Gesellschaft verändern. Und das Theater, das das exemplarisch verkörperte, war das BE. Für mich war das ein Traumort, ein politisches, von dem großen Meister Brecht geführtes Theater. Da gab es eine tiefsitzende, romantische, glühende Affinität. Schon wenn ich über die Weidendammer Brücke ging, schwebte ich. Aber vielleicht war das auch einfach der Alkoholdunst, der von der Kantine des Berliner Ensembles hinüberzog. Was das anging, hatte die DDR ja von Anfang an Weltniveau. Die Weigel hat extra ihr Büro in den ersten Stock verlegt, damit sie die Kantinentür im Auge hatte und Ernst Busch abfangen konnte. Als das nicht half, hat sie ein Alkoholverbot verhängt. Aber dann sind alle in die Kantine des Deutschen Theaters rübergegangen und haben sich dort vor der Probe oder vor der Vorstellung einen eingegossen. Auch da gab es Anknüpfungspunkte zu mir.

„Sie kennen die Geschichte vom ersten Regisseur? Es war einmal ein Schauspieler, der brauchte jemanden, der vom Saal aus guckte, ob er in der Mitte steht. Für mich ist der Regisseur ein Diener.“

Claus Peymann

Ich kann Sie mir als DDR-Bürger schlecht vorstellen.

Ich war im Grunde die ideale DDR-Nachwuchskraft, auch wenn ich ungeeignet dafür bin, Doktrinen durchzusetzen oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Und ich hatte recht damit. Das ganze Gebäude der Brecht’schen Theatertheorie ist in sich zusammengebrochen. Aber so ist das mit den Theatertheorien, ob sie nun von Lessing, Diderot, Schiller, Stanislawski, Meyerhold oder eben Brecht formuliert werden, die müssen einbrechen. Wir Schauspieler, Regisseure und Theaterdirektoren sind Kinder. Eine Theorie regt uns vielleicht eine Weile an, dann spielen wir damit, bis wir sie kaputtgekriegt haben. Jeder Versuch, das Geheimnis des Theaters zu bannen oder den Traum festzuschreiben, ist gescheitert.

Welche Theorie wird denn derzeit im Theater kaputtgespielt?

Keine Ahnung. Die Prioritäten haben sich verschoben. Die Dichter sind das eigentliche Herz des Theaters, die Schauspieler bringen es zum Schlagen. Und heute ist es so, dass die Regisseure das große Wort führen. Sie kennen die Geschichte vom ersten Regisseur? Es war einmal ein Schauspieler, der brauchte jemanden, der vom Saal aus guckte, ob er in der Mitte steht. Für mich ist der Regisseur ein Diener.

Gehen Sie noch ins Theater?

Ich war jetzt in West-Berlin beim Theatertreffen und habe fast alles gesehen. Die Theater sind so ängstlich und opportunistisch, dass sie sich selbst zerstören. Statt sich in dieser schicksalhaften Situation nach der Pandemie aufzubäumen, wird Corona zur Ausrede für die schwachen Theaterdirektoren, die wie Bankfilialleiter agieren und immer schon genau festlegen, was sie in fünf Jahren machen werden. Ich wollte nicht mal wissen, was im nächsten halben Jahr gespielt wird, weil ich das Theater für ein aktuelles, lebendiges Medium halte, mit dem man reagieren kann. Das heutige Theater begreift nicht, dass es durchlässig sein müsste für die großen Bewegungen der Gegenwart. Ich erlebe das jetzt als freier Regisseur, da ich jemanden brauche, der mir vertraut und der zugreift, wenn ich mit meinen Ideen komme. Aber was ist? Die Herren und Damen schauen in ihren Terminplan und versprechen mir vage etwas für die überübernächste Spielzeit. Hey, Leute! Das Theater hat wach und offen zu sein. Stattdessen sichert ihr eure Karriere für die nächsten fünf Jahre und tötet die Kunst! Es gibt einen Intendanten im Ruhrgebiet, der ist kaum anwesend und interessiert sich gar nicht für sein Haus, bekommt aber ein Jahresgehalt von 350.000 Euro.

Was? Das ist mehr als Sie verdient haben!

Nun, am Ende habe ich fast so viel verdient. Aber: Ich war immer da, von früh bis spät, und hab immer nur an meinem Theater inszeniert. Ich hab nie gastiert. Das ist der Unterschied. So geht das heute: Sie werden Intendant, bekommen einen schicken Dienstwagen, machen eine Inszenierung pro Spielzeit und dann noch drei an anderen Häusern, für fette Gagen. Da kommen die ins Schwitzen, weil die die viele Knete auf ihr Konto schaufeln müssen. Wir sind einfach auf der ganzen Linie verkommen. Wir geben unsere eigentliche Energie und Kraft gar nicht mehr her. Es gibt keine Idee mehr.

Was denn für eine Idee?

Ja, was für eine Idee eigentlich? Vielleicht trifft der Begriff nicht genau. Es geht wohl mehr um eine Identität, aus der heraus ein Ensemble an einem bestimmten Ort für die Menschen an eben diesem Ort Geschichten erzählen. Es geht nicht um Programme. Aber klar muss sein: Das Theater ist immer gegen die hässliche Fratze des Unrechts, war es schon immer, auch als es dafür viel mehr riskiert hat. Es war immer gegen die Mächtigen. Das ist die Paradoxie. Dass wir uns bezahlen lassen von den Mächtigen, um sie anzugreifen. Um ihnen zu sagen, was für Idioten und Verbrecher sie sind. So funktioniert das – und nicht umgekehrt. Wenn die mich „einbestellt“ haben, konnte ich nicht, da hatte ich dann Probe. Mir macht kein Minister oder Bundeskanzler was vor, ich bin Künstler, ich bin genauso stark. Stärker.

Haben Sie keine Angst?

Nur vor mir selbst und vor einer schlechten Probe. Wenn ich die Schauspieler nicht erreiche oder sie mich nicht verstehen. Dann merke ich meine absolute Abhängigkeit. Brecht war genauso abhängig von Schall und Busch. So bin ich abhängig gewesen von Gert Voss und Carmen-Maja Antoni. Wer ist hier der König? Was verstehen die Journalisten und erst die Kulturpolitiker vom Schmerz und vom Glück dieses Berufes?

Es gibt noch einen Widerspruch, nämlich den zwischen dem Anspruch, die Macht zu kritisieren und selbst in einem Machtsystem zu stecken, das feudalistisch funktioniert.

Da geben Ihnen Ihre Leser sicher recht, aber es ist trotzdem Quatsch. Sie verzetteln sich! Beispiel MeToo. Wie uninteressant sind diese Geschichten von Rüpeln, die Frauen unter die Bluse fassen. Das muss unterbunden werden und fertig! Aber die Liebe spielt in unserem Beruf eine ganz große Rolle. Liebe und Geheimnisse. Die größte Macht der alten Intendanten lag darin, dass sie mehr wussten als die anderen. Das Gagengeheimnis, das Besetzungsgeheimnis. Das gab ihnen eine Art sachlicher Überlegenheit, das sogenannte Herrschaftswissen. Das widerspricht den Werten von Mitbestimmung, Verteilungsgerechtigkeit und Transparenz. Leider! Wenn ein Voss oder ein Schall auftraten, oder ein Wuttke auf die Bühne kommt, lachen die Leute, bei anderen nicht. Die sind einfach besser. Und darüber entscheidet keine Mehrheit im Besetzungsgremium. Sondern darüber richtet das Publikum. Das ist unerbittlich. Das ist ungerecht! Das ist das Geheimnis der Individualität.

Sind Sie sich sicher, dass keine Schauspielerinnen oder Schauspieler unter Ihnen gelitten haben?

Ich habe den Eindruck, die sind den Weg gern mit mir gegangen, all die großen Schauspielerinnen und Schauspieler. Teilweise nicht mehr bis nach Berlin, was aber daran lag, dass die Pensionen in Wien so gut sind. Als wir aus Stuttgart vertrieben wurden von dem Altnazi Filbinger, weil wir Spenden gesammelt hatten für die Zahnbehandlung der inhaftierten RAF-Leute, da sind alle mitgekommen. Führen Sie sich das vor Augen: Wir waren eine glückliche Theaterfamilie im drögen Schwabenländle, das war meine Pubertät als Theaterdirektor. Und dann ging es vom lustigen, spießigen Stuttgart in den Pott, wo es noch Bergbau und Autofabriken gab, wo die Füchse einander schon am frühen Morgen resigniert eine gute Nacht wünschten. Und alle sind mitgekommen, tief in den Westen. Auch heute, wenn ich in Wien am Josefstädter Theater oder in Ingolstadt arbeite, sind immer wieder „meine Leute“ dabei.

Sie sind sehr freundlich heute, aber es gehen Legenden um von Ihren Zornesausbrüchen.

Ja, ich habe gebrüllt. Aber nur in größter Not, in schwachen Momenten, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Ich brülle aus Liebe! Zu einer Liebesbeziehung gehört die Auseinandersetzung. Das Leben ist nicht harmlos, es ist Blut und Schrecken. Warum soll ausgerechnet das Theater ein Platz der Seligen sein? Da werden nur keine Waffen eingesetzt. Die Waffen haben die Politiker, auch die Grünen reden auf einmal nur noch über schwere Waffen und Artilleriepanzer. Im Theater streiten wir unbewaffnet.

Die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse können als Waffe missbraucht werden. Der Intendant kann einem Schauspieler kündigen, wenn der ihm zu ungemütlich wird.

Nein! Ungemütlichkeit ist kein Kündigungsgrund! Außerdem: Der Schauspieler kann auch kündigen. Und ich kann Ihnen sagen, was dann los ist. Wenn plötzlich Herr Voss Bochum den Rücken kehrt und nach Hamburg geht. Da lag die Stadt in Scherben, da hat er aber seine Macht bewiesen. Zum Glück haben wir ihn dann wieder zurückgewonnen. Leute zu entmündigen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe mich gern gestritten, dazu braucht man Widerworte, gedanklichen Widerstand, Trotz, Eigensinn. Alles in den kindlichen Erscheinungsformen – mit Erlebnisfreude und einer gewissen Blindheit für die Folgen. Kinder sind begabt und frei, sie werden durch die Eltern, die Schule, die Regeln verdorben. Als Kinder sind wir Engel, als Erwachsene sind wir Monster. Ich finde nicht, dass Macht das Bindemittel am Theater ist, sondern die Leidenschaft und die Liebe – ja, ich weiß, auch die Liebe ist eine Macht, aber wie soll man die regulieren oder kontrollieren, ohne sie abzutöten? Das Einlassen in das Liebesspiel, das Verführen, das Voreinander-Spielen, das lässt sich nicht vertraglich darstellen oder bändigen!

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das Miteinander eines Ensembles wurde schon oft mit einer Familie verglichen. Die hat auch ihre eigenen Gesetze …

Ja, auch die Familie hat Konstellationen der Macht, die meisten Morde finden innerhalb der Familie statt, das ist die Dialektik der Verbundenheit. Das ist beim Theater ähnlich. Man kann Liebe nicht mit der Höhe der Gage steuern, Autorität kann man nicht kaufen. Entweder man ist überzeugend und wird geachtet und geliebt oder nicht. Und das verdient man sich nicht mit Geld, sondern mit der besseren Idee. Das Theater, die Probe ist ein unerbittlicher Wettbewerb der Ideen. Unerbittlicher ist vielleicht nur die Rangliste der Torschützenkönige beim Fußball.

Waren Sie ein geliebter oder ein gefürchteter Ensemblevater?

Da müssen Sie andere fragen! Alle wussten, der Peymann ist dumm, aber er hat ein gutes Gefühl. Da spielen Intuition und Zärtlichkeit eine Rolle. Ich habe es nie so weit gebracht, wie der Brecht, der sich am BE ein Liebeszimmer mit zwei Türen eingerichtet hat. Wenn die Weigel an die eine Tür geklopft hat, konnte jemand anderes durch die zweite Tür entweichen. Das war gar nicht mein Interesse, aber natürlich war ich in Kirsten Dene verliebt. Ich war auch in Uli Mühe verliebt und bin heute noch in Angela Winkler verliebt … Das sind alles Weggefährten und Freunde meines Herzens. Und auch wenn sie vielleicht was anderes rumerzählen, die lieben mich auch, trotz oder wegen meiner Brüllerei. Alle Verträge, alle Regularien, alle Kodizes und alle Kulturpolitik sind zum Scheitern verurteilt, weil sie die Liebe, die die Basis des Theaterspielens ist, nicht mit einrechnen können. Die dummen Journalisten können das nicht wissen, weil sie diese Liebe in ihren Redaktionen nie erleben. Eine solche Verbundenheit zum Chefredakteur verstößt sicher gegen jedes journalistische Ethos.

Allerdings. Und auch die Gegenstände unserer Berichterstattung müssen wir uns vom Herzen fernhalten. Dennoch hatte ich zärtliche Gefühle für Sie, als vor fünf Jahren Ihr Feuerwerk knallte. Sie haben mir noch nicht auf Frage geantwortet, wie es Ihnen erging, nachdem Sie das Amt des Theaterdirektors nach über vier Jahrzehnten abgelegt hatten? Sie wurden schwer krank …

Das hat vielleicht nicht unmittelbar damit zu tun, aber vielleicht doch auch. Wenn Sie den schönsten Platz, den das Theater zu vergeben hat, nämlich das Berliner Ensemble, verlassen müssen, packt einen der Schmerz. Es ist ein perfektes Haus, schon wegen der architektonischen Idealproportionen. Dieses Portal! Dieser Bühnenausschnitt! Das Burgtheater ist zu groß, mit seinen 1400 Plätzen – da braucht man ja ein Fernglas! Das BE ist klein genug, und dennoch sehen Sie in eine ganze Welt, und in der Luft schweben immer noch die Stimmen von Busch, Weigel, Schall … Wie oft ich als junger Mann da war! Da packt einen schon der Schmerz! Ich hatte es 1999 als Trümmerhaufen übernommen, eine Ruine der Missgunst und der gegenseitigen Anscheißereien unter der Viererbande, und dann haben wir es wieder zum Blühen gebracht. Aber irgendwann muss man gehen, und da fällt man eben in ein Loch.

War es nicht auch befreiend, sich nicht mehr um den Betrieb und nur noch um die eigene Kunst kümmern zu dürfen?

So hatte ich mir das auch vorgestellt. Aber dann kamen kaum Angebote. Dadurch, dass ich nie gastiert habe, hatte ich auch keine Verbindungen, auf die ich zurückgreifen konnte. Keiner wollte mich haben! Dabei bin ich doch einer der Besten! Kommen Sie nach Wien, in die Josefstadt, da laufen meine Aufführungen vor ausverkauftem Haus, der Ionesco, den ich gemacht habe, ist immer noch Tagesgespräch. Aber in Berlin will mich keiner. Und ich gehe auch nicht auf Premierenfeiern, um irgendwem in den Hintern zu kriechen.

Vielleicht haben Sie zu viele Feinde in der Stadt?

Ach, Feinde – stimmt schon, ich habe viel rumgemeckert, aber auch viel eingesteckt. Das gehört zum Sport, wie Sie wissen müssten. Aber offensichtlich sind die alle zu verkrampft für solche Auseinandersetzungen. Das ist bestimmt nicht gerade karrierefördernd, wenn ich jetzt zum Beispiel mit Ihnen darüber rede, dass ich enttäuscht bin vom allseits korrekten Mittelmaß am Deutschen Theater, von der sympathischen, aber nur mit sich selbst beschäftigten Volksbühne und vom Stadttheater Frankfurt oder wie das da am Schiffbauerdamm jetzt heißt, wo früher das Berliner Ensemble stand. Die wollen mich nicht! Dabei bin ich noch voll auf der Matte!

Woher nehmen Sie die Kraft? Sie lagen im Krankenhaus, wir haben uns Sorgen gemacht.

Sie haben sich Sorgen gemacht? Entspannen Sie sich, wenn es nach mir geht, müssen Sie noch lange keinen Nachruf vorbereiten.

Sie lagen 2019 auf der Intensivstation.

In der Tat. Ein halbes Jahr meines Lebens habe ich bewusstlos verbracht. Ich hatte eine Gehirnhautentzündung, die sich aus einem Herpesvirus entwickelt hat. Das ist mir in den Kopf gestiegen, wahrscheinlich meine interessanteste Stelle, und hat mich dann fast das Leben gekostet. Ich bin in Wien in die Hände von zwei sehr guten Ärzten gelangt und wurde erst Monate später nach Berlin verlegt, mit einem Spezialtransport. Allein der Flug hat 20.000 Euro gekostet!

Mehr als ein Feuerwerk! Was hat diese Nähe zum Tod bei Ihnen ausgelöst?

Nichts. Ich war bewusstlos. Ich weiß nichts mehr. Vor allem zwei Menschen haben mir im Nachhinein erzählt, was da eigentlich los war: Miriam Lüttgemann, die ehemalige Geschäftsführerin des Berliner Ensembles, und Jutta Ferbers, die Dramaturgin und meine Lebensgefährtin, die haben meine Hände gehalten. Und dann bin ich auferstanden, als angstfreier, starrköpfiger Bremer, der ich nun einmal bin. Meine Disziplin ist eisern, ich gehe jeden Tag anderthalb Stunden spazieren im Köpenicker Forst und betreibe waghalsigste Gymnastik – ich hatte bestimmt zehn verschiedene Trainer, für jeden Körperteil einen. Und ich versuche, nicht mehr so viel zu trinken. Ich war nie Alkoholiker, aber ich habe eine Schwäche für guten Rotwein …

Und sie hatten keinen Moment, in dem Sie auf Ihr Leben zurückgeblickt haben? Vielleicht sogar zufrieden?

Nein, hatte ich nicht. Ich bin äußerst unzufrieden. Ich habe glückliche Erinnerungen an meine „Hermannschlacht“ von 1983, an die Bernhard-Inszenierungen, auch an meine jüngsten Arbeiten. Ich sehe mit Überraschung meinen nicht-marxistischen Weg von Brecht zum absurden Theater, zu Ionesco. Die kommunistische Utopie hat sich erledigt, die Vernunft hat resigniert, Moral und Ethik sind obsolet, wir sind zu behäbig, den Klimawandel aufzuhalten, lassen uns in Kriege hineinziehen – man kann eigentlich nur noch zynisch werden oder die Absurdität des Daseins als das einzig Wahre feiern. Ich bin übergelaufen, Brecht und Schiller sind mir in weite Ferne gerückt. Ich habe aufgehört, nach einem Sinn zu suchen, aber wer weiß, was ich noch finde. Mal sehen, was noch kommt, wie lange mein Körper und mein Gehirn noch mitmachen, wie lange mich Gebrechen, Verkalkung und Tod noch verschonen, die meine Weggefährten im Griff haben. Einer nach dem anderen stirbt. Wenn wir uns immer öfter auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof treffen, um jemanden unter die Erde zu bringen, fragen wir einander, für wen das gerade die Generalprobe ist. Ich will aber noch. Ich habe noch nicht die Schnauze voll.

Claus Peymann liest Thomas Bernhard im Renaissance-Theater. „Holzfällen“ (9. Juni, 19.30 Uhr), „Meine Preise“ (10. Juni, 19.30 Uhr), Karten und Informationen unter Tel.: 3124202 oder www.renaissance-theater.de