Berlin - Das Medienbohei ist groß, als am Freitagabend im Berliner Ensemble mit Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ nach viereinhalb Monaten wieder die erste Präsenzveranstaltung im Theater stattfindet, mit einem Publikum aus echten Menschen. Die Pforten öffnen sich in dem Moment, in dem die Inzidenz wieder in den dreistelligen Bereich gestiegen ist. 

Foto: dpa/Annegret Hilse
Menschenschlangen vor dem Theater.

Es bilden sich Schlangen auf dem Bertolt-Brecht-Platz, weil sich der Einlass mit der Vorlage und Kontrolle von personalisiertem Ticket, negativem Testergebnis und Identifikationsausweis verzögert – und das Ganze aus hygienischen Gründen im Freien ausgeführt wird, was einerseits vernünftig, andererseits aber auch ziemlich kalt ist. Zur Gemütlichkeit trägt nicht unbedingt bei, wenn man dann noch ein Mikrofon vor den Mund-Nasen-Schutz gehalten bekommt, virologische Einschätzungen von sich geben soll oder mit Grundfragen der Zivilisation behelligt wird: Warum ist Theater wichtig?

Umso geborgener durfte man sich dann im Gebäude fühlen. Die Laufmarkierungen, Handdesinfektionsstationen und Unisextoiletten zur Verkürzung der Wege weisen das hygienische Bewusstsein des Veranstalters aus. Und der Intendant Oliver Reese lässt es sich nicht nehmen, vor der Vorstellung noch ein paar Worte in den mit 350 Menschen schachbrettartig, also halbvoll besetzten Saal zu richten. „Sie alle wären nicht gekommen, wenn Sie sich hier nicht sicher fühlen würden“, sagt er und erfreut uns mit der Information, dass die Luft mehrmals pro Stunde ausgetauscht werde.

Zu wissen, dass alle im Saal, auf der Bühne, im Abenddienst und hinter den Kulissen frühestens vor zwölf Stunden negativ auf SARS-CoV-2 getestet wurden (kostenlos, in einem von fünf kooperierenden Testzentren), lässt einen vor Übermut schon fast den medizinischen Mund-Nasen-Schutz vom Gesicht reißen. Aber, halt! Auch der ist während des gesamten Theaterbesuchs Pflicht.

Der Abend ist Teil des Pilotprojekts „Testing“ der Kulturverwaltung, an dem sieben Häuser mit insgesamt neun Veranstaltungen beteiligt sind. Wozu auch immer Kultur sonst gut sein soll (Systemrelevanz ist ihre Aufgabe jedenfalls nicht) an diesen neun Abenden kann man die Sinnfrage getrost beiseite legen. Denn hier gibt es mal eine stichhaltige Durchführungsbegründung: Wir haben uns zusammengefunden, um die „logistische Machbarkeit“ von kulturellen Präsenzereignissen in Verbindung mit besagter Durchtestung des Publikums zu prüfen. Ein Menschenversuch! Aber ist Kultur das nicht immer? Wobei Unterhaltung, Erbauung, Bildung oder was immer man sonst im Theater sucht, als gar nicht mal so seltene Nebenwirkungen auftreten können. Auf die haben es viele offenbar abgesehen, waren doch die Karten nach Minuten ausverkauft.

Trost auch? Ja, auch Trost kann eine solche Nebenwirkung sein. Dies gibt uns Reese noch mit auf den Weg, als er vor den Gefahren des Lockdowns für die seelische Gesundheit spricht. „Udo Lindenberg hat Trost für uns parat.“ Und wenig später kann man sich dann auch von Udo in den Arm genommen fühlen: „Ich trag dich durch die schweren Zeiten/ So wie ein Schatten werd ich dich begleiten/ Denn es ist nie zu spät, um nochmal durchzustarten/ Wo hinter all den schwarzen Wolken wieder gute Zeiten warten“.

Das hat bei dem Schriftsteller Stuckrad-Barre, auf dessen Autobiografie der von Oliver Reese inszenierte Abend beruht, immerhin auch funktioniert, und der hatte nicht nur an einem Homeoffice-Koller zu knabbern wie viele im Publikum, sondern war nach einer steilen Karriere, exzessivem Drogenmissbrauch, einer lebensbedrohlichen Essstörung, Depressionen und abgebrochenen Klinikaufenthalten gründlich abgestürzt. Über die Inszenierung, die vor drei Jahren zur Premiere kam, hat mein Kollege Dirk Pilz in seinem Verriss mit der Wendung von den „liebevoll eingewickelten Verzweiflungsdrops“ damals alles Nötige gesagt. Wobei ich gern zugebe, dass sich die Dinger wirklich gut lutschen lassen und tatsächlich Linderung verschaffen.

Umso schöner, dass der Autor selbst beim Applaus auf die Bühne trat, sich das Mikro schnappte und den Moment feierte, mit Anzug und weißen Turnschuhen und einem ungebrochenen, geradezu ansteckenden Narzissmus. Den kann man ganz gut gebrauchen, wenn man nun wieder eine Weile allein sein wird.