Das Faktotum des Berliner Ensembles: Werner Riemann ist gestorben 

Seit fast 65 Jahren arbeitete er für das Haus Brechts. Er trat auf, assistierte bei allen wichtigen Regisseuren und veranstaltete legendäre Theaterführungen. 

Werner Riemann (1934-2022)
Werner Riemann (1934-2022)Moritz Haase

Wer kann sich an einen Besuch des Berliner Ensembles erinnern, ohne dabei in das vom vielen Lachen und Grübeln geformte Gesicht dieses eleganten Herrn geblickt zu haben und sich durch seine Aura zu den Saaltüren geschoben zu haben? Ein kleiner Stromstoß der Würde und der Vorfreude durchfuhr einen bei seinem Anblick und hob die Erwartungsfreude und das schöne Gefühl für den in ihm so lebendigen traditionellen Zusammenhang dieses Hauses. Das Berliner Ensemble trauert um seinen dienstältesten Mitarbeiter, den wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag gestorbenen Schauspieler, Regieassistenten und Theaterführer Werner Riemann.

Dieser Herr war ein Faktotum, ein Teil der Seele dieses Hauses, in dem er seit fast 65 Jahren arbeitete und bis zum Ende kaum einen Tag vergehen ließ, ohne hier aufzukreuzen, wie Riemanns letzter Intendant Oliver Reese in seinem kleinen Nachruf schreibt: „Solange es gesundheitlich für Werner Riemann möglich war, ging er jeden Tag ins ‚Büro‘ und nahm Platz an seinem festen Tisch in der Kantine, an dem er nie lange alleine sitzen blieb.“

Brecht schenkte ihm eine Komparsenrolle zum Geburtstag

Werner Riemann ist in Amsterdam geboren, kam 1939 nach Berlin und hat nach dem Krieg eine Ausbildung zum Drogisten gemacht. Von der Apotheke zog es ihn ins Theater, und zwar von Anfang an in das Berliner Ensemble, wo er kurz vor dem Tod Bertolt Brechts für eine Komparsenrolle in „Galileo Galilei“ vorsprach und genommen wurde. Er hatte Geburtstag, das musste ein Zeichen sein. Er ließ sich zum Diplomschauspieler ausbilden, trat in Prenzlau und Dresden auf und kehrte 1963 ans Berliner Ensemble zurück. Als Schauspieler trat er nicht in die erste Reihe vor, dafür wirkte er auch hinter den Kulissen als Regieassistent unter anderem bei Fritz Marquardt, Manfred Wekwerth, B. K. Tragelehn, Einar Schleef und Peter Palitzsch mit und sammelte Erfahrungen und Wissen an, das er bis zuletzt bei seinen legendären Theaterführungen verschenkte, die er seit 1999 anbot. Es wurden mehr als 2000 Veranstaltungen dieser Art, mit denen er mehr als 30.000 Besucher erreichte und zu großen Teilen für das Haus entflammte, für das er selbst brannte. 

Seine letzte Rolle spielte er in Nadelstreifen und mit gepunkteter Fliege bis 2020 in der nostalgisch angehauchten, schön schrägen, musikalischen Radioshow von Clemens Sienknecht, die er mit seinem Charme und der authentischen Wirkung bereicherte. In dem Theatermenschen Werner Riemann waren wir mit den vielen kostbaren Toten dieses Hauses verbunden. Mit seinem Tod reißt etwas ab. Er wird uns fehlen.