Berlin - In der Verfilmung des Romans „Wem die Stunde schlägt“ von Ernest Hemingway spielt Ingrid Bergman die junge Partisanin Maria. Deren natürliche Schönheit wird noch gesteigert durch die dramatische Vorgeschichte der Maria im spanischen Bürgerkrieg. Als Tochter eines republikanischen Bürgermeisters war sie von den Faschisten kahl geschoren und anschließend vergewaltigt worden. Fortan sind ihre nachwachsenden Haare ein Zeichen der Verletzlichkeit, aber auch der Ungebrochenheit im Widerstand.

Im Kontext kriegerischer Handlungen gilt das Kahlscheren von Frauen als Instrument der Demütigung und Rache. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etwa wurden Kollaborateurinnen, die Beziehungen zu deutschen Soldaten eingegangen waren, geschoren, entkleidet und öffentlich vorgeführt. In seiner Studie „Der wilde Kontinent“ schildert der britische Historiker Keith Lowe, wie diese Form der Vergeltung eingesetzt wurde, den Stolz der traumatisierten Gemeinschaft zu bewahren.

Wo bleibt da die Weiblichkeit?

In der Mode sind kurze Haare seit jeher ein Ausdrucksmittel der modernen, unabhängigen Frau, die in der Lage ist, die Zeichen der Demütigung selbstbewusst in sexuelle Attraktivität zu verwandeln.

Wie tief derlei Körpersignale im kollektiven Unbewussten verankert sind, musste jetzt die Schauspielerin Verena Altenberger erfahren. Als Buhlschaft spielt sie in der aktuellen Salzburger „Jedermann“-Inszenierung an der Seite von Lars Eidinger – mit kurzen Haaren. In den sozialen Medien wurde sie rüde angegriffen, und ein Theaterkritiker vermisste die rollentypische Weiblichkeit. Altenberger, die sich die Haare für eine Filmrolle, in der sie eine krebskranke Frau spielt, hat schneiden lassen, sieht in den Schmähungen auch „eine Vorgehensweise von Männern, Frauen ihre Weiblichkeit abzusprechen und sich selbst dadurch zu erhöhen“.

In den sogenannten sozialen Medien, das scheint nun auch der Fall Buhlschaft zu belegen, verknüpfen sich spontan-naive Affekte mit archaischen Gefühlen, in denen es Normabweichungen nicht geben darf. Hinter der Modernität der digitalen Kommunikation lauern die Abgründe menschlicher Emotionen.