Berlin - Er kommt auf einen Stock gestützt. Kein handelsüblicher Gehstock natürlich. Sondern ein Stab, lang und hölzern und nicht ganz eben. Ein Wanderstab, wie ihn Teiresias trägt, der blinde Prophet aus der griechischen Mythologie, aber viel länger als die Requisite eines Stadttheaters ihn vorrätig hätte, mit einem blitzenden Stück Metall in der Mitte, ein doppelt Ganzes, das himmelwärts strebt und den Künstler aufs Podium bringt, wo die Stunde des Sehers beginnt.

Robert Wilson ist Mitglied der Akademie der Künste und gern in Berlin. Seit über 40 Jahren arbeitet der amerikanische Gesamtkunstwerker und Theaterregisseur, der seine Ausbildung als Architekt begann, in Europa und im Laufe der Jahre besonders viel in Deutschland. In einer Ausstellung der Akademie der Künste, die sich mit der Erinnerung und dem Archiv befasst, mit dem, was von der Kunst bleibt („Arbeit am Gedächtnis“), zeigt Wilson im dritten Untergeschoss des Gebäudes am Pariser Platz derzeit die Installation „Dancing in My Mind“, eine Hommage an die Tänzerin Suzushi Hanayagi (1928–2010).

Robert Wilson: „Wir hatten die gleiche Sprache“

In der japanischen Klassik des Kabuki und No ausgebildet, wendete sich Hanayagi in den 1950er-Jahren dem Modern Dance zu und kam Anfang der 60er-Jahre nach New York, um bei Martha Graham zu studieren. Wilson arbeitete mit ihr erstmals für sein Großprojekt „The CIVIL warS“ (1981–1984) zusammen. „Wir hatten die gleiche Sprache“, sagte er am Donnerstagvormittag im Plenarsaal der Akademie am Pariser Platz, umrahmt von Akademie-Programmchef Johannes Odenthal und Nele Hertling, der Direktorin der Sektion Darstellende Kunst, mit der Wilson seit Jahrzehnten verbunden ist. Und diese Sprache war keine der gesprochenen Worte. Die Wilson’sche Bühnenästhetik wurde von Suzushi Hanayagi entscheidend geprägt. 

Schon 2010, kurz vor Hanayagis Tod, hatte Robert Wilson in der Akademie der Künste eine Lecture über sie gehalten und eine Video-Installation gezeigt sowie einen Dokumentarfilm der letzten Begegnungen mit ihr, als sie sich kaum noch bewegen konnte und nur noch im Geiste tanzte.  Das war damals im Rahmen der Reihe „Politische Körper“. Die Installation ist jetzt größer, in drei Räume unterteilt, zeigt Hanayagis Gesicht als Porträt, als 30-Faches in einem Stillleben, das aus ihr selbst besteht, und die Landschaft ihrer Hand (sie konnte nur noch eine bewegen) und ihrer Füße. Dazu Musik von David Byrne und Wilsons Stimme mit biblischem Minimalismus: „Das ist es. Es ist, was es ist.“

Und siehe, es ist schön. Wohltuend dunkel und langsam und rhythmisch. Und schön ist auch Wilsons Auftritt auf dem Podium, sein Kunstbewusstsein. Dass er um Wirkungen weiß, sie kalkuliert und wiederholt, heißt ja nicht, dass irgendetwas davon beliebig wäre. Und dass das Material zu Hanayagi nichts wesentlich Neues enthält, heißt nicht, dass es nicht neu lohnte. Denn die Welt hat sich geändert in den letzten elf Jahren. Mehr als jeder Einzelne von uns.

Ein einfacher Junge aus Texas

Robert Wilson, der am 4. Oktober 80 Jahre alt wird und auch durch Phasen von Krankheit hindurch eine hochproduktive künstlerische Projektmaschinerie anleitet, tritt noch immer auf wie ein einfacher Junge aus Texas, der in den Himmel guckt und Sterne zeichnet (und sich über jeden wundert, der anderes tut). Und jetzt kommt zur Fokussierung noch so etwas wie Weisheit dazu, Wesentlichkeit. Fast jeder Satz, den er sagt, ist ein Schlüssel zu seinem Werk und zugleich zum Leben.

Etwa dass alles Bewegung und Tanz sei. Und der Schwerpunkt jeder Tätigkeit im Körper liegen müsse, dass kein Wort entstünde ohne den Körper. Dass die kleinste Bewegung einer Zehe ein Tanz sein könne. Und dass das, was sich hinter einem befinde, das Unsichtbare also, viel wichtiger sei als das, was sich vor einem ausbreite. War je eine seiner Arbeiten so bewegend wie er selbst in diesem schnöden Saal in dieser Stunde? Ob er noch viele Pläne habe, fragt ihn jemand, und er lächelt. Er werde arbeiten, solange er atme, antwortet er. Und dass er doch noch immer der gleiche Körper sei (nicht: dass er diesen habe) mit dem er geboren wurde. Er ist er. Er ist, was er ist. So einfach.