Es könnte seine letzte Nacht auf Erden sein. Lotte zeigt Werther ein kleines Vögelchen. Indem sie das Tier aus ihrem Mund gefüttert hat, lernte es, sie zu küssen. Der Piepmatz wolle nun auch an Werthers Lippen knabbern und könnte so vielleicht einen verbotenen Kuss von Lotte weitergeben. Doch Werther, schon auf dem Sprung in den Freitod, reicht dieser vermittelte Kuss nicht. Der Vogel, sagt er, „sucht Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück“.

Er führt das Tier zum Munde, beißt ihm das Köpfchen ab, zerkaut es, auf dass ihm das Blut aus den Mundwinkeln läuft – und dann lächelt er in die Kamera. Schnitt. Das Bild verschwindet. Zu fetten Bässen, die einen in den Sitz drücken, erscheinen auf riesigen Leinwänden die Titel „Sturm und Drang“, dann, wie Schläge in die Magengrube, die Namen der deutschen Dichter, aus denen der Regisseur Julien Gosselin diesen Volksbühnenabend collagiert hat, von Goethe über Thomas Mann bis Ernst Jünger. Bäm. Bäm. Bäm. Das ist doch mal eine Ansage!

Der 35-jährige französische Regisseur hat 2009 mit Kommilitonen von der Schauspielschule Lille das Kollektiv SVPLMC gegründet, ausgeschrieben: Si vous pouviez lécher mon coeur – wenn Sie mein Herz lecken könnten, auch als höfliche Aufforderung zu verstehen. Eine ganz schön zudringliche Metapher für den Anspruch an Literatur und Theater. Gosselin hat mit seiner Gruppe schon einige literarische Brocken auf die Bühne gewuchtet, darunter Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“ und Roberto Bolaños „2666“, beide in Avignon gefeiert. Nun inszeniert er zum ersten Mal in Deutschland und will an der Volksbühne ein Monsterprojekt stemmen, dessen erster Teil am Freitag Premiere hatte: Eine „Geschichte der deutschen Literatur“ soll es werden, eine Folge von Inszenierungen über mehrere Spielzeiten hinweg.

Der Abend dauert dreieinhalb Stunden ohne Pause und zieht – ohne Angst vor dem Vergleich mit Castorf – den für diese Bühne nötigen Gestus des Größenwahns auch mit den Mitteln der technischen Verstärkung durch: saftige Musik (Guillaume Bachelé und Maxence Vandevelde), hochauflösende Videobilder (Jérémie Bernaert und Pierre Martin Oriol) und mikrofonverstärkte, voluminöse, teils mit Effekten unterlegte Stimmen (Jonathan Bruns, Julien Feryn und Michele Gambarara).

Figuren aus Fleisch, Blut und Papier

Die Dimensionen des Theaterraumes und des Bühnenbilds (Lisetta Buccellato) – vor allem das kaum einsehbare, von dem berühmten „Lotte in Weimar“-Defa-Film inspirierte Gasthaus – erscheinen winzig, trocken und nüchtern im Vergleich zu dem Leinwand-Triptychon, auf dem die Gesichter der Schauspieler meist in Großaufnahme zu sehen sind.

Aber, meine Güte, was für Gesichter! Was für eine Schauspiellust! Wie sie die toten, wohlgeformten Texte an ihre Seelen anschließen, von den Gedanken unter Strom genommen werden und zugleich Abstand bewahren! Wie sie sich in die Figuren verwandeln und zugleich herausstellen, dass sie literarische Wesen sind, aus Fleisch, Blut und Papier. Ein Befreiungsschlag nach so viel diskursiver Verhaltenheit und korrekter Achtsamkeit auf deutschsprachigen Bühnen. Sie spielen wieder.

Die Werther-Szenen mit Marie Rosa Tietjen als Stürmer und Dränger sind Rückblenden aus dem zentralen Geschehen, das auf Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ zurückgeht: Charlotte Kestner, geb. Buff, aus Wetzlar, die Frau, die Goethe zu jener Lotte aus seinem Werther-Bestseller inspiriert hat und die dadurch so prominent wurde, dass sie kein eigenes Leben führen konnte, will 44 Jahre später in Weimar den Mann noch einmal sehen, dem sie ihren Ruhm zu verdanken hat. Gespielt von der Französin Victoria Quesnel, die sich den deutschen Text aufgedrückt hat, steigt sie in dem Gasthaus „Zum Elephanten“ ab und erlebt in konzentrierter Form, wie sie zum Fetisch und zur Projektion für Literaturliebhaber geworden ist, zu einer Figur, der sie als ältere Frau nicht mehr gerecht werden kann.

Es dauert, bis sie zu dem ebenfalls in die Jahre, aber auch zu Ruhm und Macht gekommenen Goethe vordringt. Hier schaltet Gosselin Manns „Tod von Venedig“ ein und damit zum gereiften Dichter, der eben erst kurz vor der Erfüllung seines Lebenswerks in die Lage versetzt ist, die Schönheit zu würdigen, für die er als Junger nur schwärmen kann: „Sein Herz war erfüllt und bewegt von väterlicher Zärtlichkeit, von der bewegten Neigung desjenigen, dessen Genie sich der Erschaffung von Schönheit verschrieben hat, zu dem, der sie besitzt.“ Was sollte er da mit der echten Lotte?

Martin Wuttke gibt den von seiner eigenen Größe beherrschten Dichter, dem die Welt und dem vor allem die anderen Menschen zu klein geworden sind: „Wenn ich tot bin, werden sie sich wieder ausdrücken wie die Ferkel.“ Er nimmt Lotte die Brille ab, sucht in ihren Augen, aber ohne ihren Blick zu erwidern, und sagt: „Das ist sie nicht, die ich liebte dereinst.“ Und fügt freundlicherweise noch hinzu: „Oder ich kann mich nicht erinnern.“ Setzt ihr die Brille wieder auf und bittet zur Suppe.

Sturm und Drang. Geschichte der deutschen Literatur I, 4., 12., 15., 26. Juni, 2. Juli, 19.30 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter 24065777 oder volksbuehne.berlin