Jelinek vor dem Fiskus: „Angabe der Person“ im Deutschen Theater

Die Literaturnobelpreisträgerin nimmt die Post vom Finanzamt persönlich und rechnet mit der Geschichte und ihrem Leben ab. Jossi Wieler hat inszeniert.

„Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek im Deutschen Theater. Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse (v.l.), hinten Bernd Moss
„Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek im Deutschen Theater. Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse (v.l.), hinten Bernd Mossimago

Vor dem Fiskus sind alle gleich. Ein demokratisches Staatswesen macht keine Ausnahmen, nicht einmal für eine Literaturnobelpreisträgerin. Es sollte uns allen eine staatsbürgerliche Freude sein, wenn mit unserem Geld das Gemeinwesen finanziert wird. Und doch kennt jeder den Furor, der einen packt, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Oder, fast noch schlimmer, wenn man nicht versteht, was von einem gewollt wird und man sich von den Prüfungen und Nachfragen, die man nicht anders denn als Unterstellungen verstehen kann, verletzt fühlt und schnell bei der Hand ist mit dem Gedanken, dass man im Gegensatz zu all den anderen Abrechnern einfach zu doof und zu ehrlich ist.

Aberwitz der Gerechtigkeit

Wenn Elfriede Jelinek die Hutschnur platzt, dann hält sie sich nicht lange mit dem konkreten Prüfgegenstand auf – der ist inzwischen sicher längst geklärt, beglichen und ausradiert –, sondern lässt sich vom Vokabular zwischen Schuld und Abrechnung davontragen, schimpft sich 200 Druckseiten von der Seele, breitet ihre Grundsatzzweifel aus, nimmt die Sachlage mit Lust persönlich, reißt ihre Wunden auf, indem sie ihre jüdischen Vorfahren und deren Leid unter den Nazis hervorkramt, mit dem Erbe der Täter ins Verhältnis setzt, dabei den Aberwitz des Gerechtigkeitsanspruches aufleuchten lässt und abfackelt. Und natürlich lacht sie sich für all das selbst aus.

Das Stück „Angabe der Person“ ist ein Monolog, gespeist aus einem nicht ganz vorschriftsmäßig sortierten Ablageordner, es ist eine biografische Selbstverteidigung, ein Rechenspiel, eine Anmaßung. Man kann es als Buch kaufen oder jetzt im Deutschen Theater, inszeniert von Jossi Wieler und gesprochen von drei großartigen Schauspielerinnen, sehen: Linn Reusse, Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff. Es lohnt sich, auch wenn es Arbeit macht.

Text in Blöcken

Wieler und Jelinek sind künstlerisch seit Jahrzehnten verbunden, der Schweizer ist vielleicht der interessierteste und geduldigste Inszenierer der Österreicherin, „Wolken.Heim“ (1993) und „Rechnitz (Würgeengel)“ (2008) bleiben im Gedächtnis. Im Fall von „Angabe der Person“ hat er sich mit eigenen Deutungen und Bebilderungen noch einmal zurückgenommen. Ungefähr die Hälfte des Textes ist übrig geblieben. Es gibt (Ausstattung: Anja Rabes) eine drehbare Stellwand mit Tür und Fenster, ein rätselhaftes Zählwerk, ein verschnörkeltes Klo, das zwischendurch Nebel ausatmet, den am Tonbandgerät sitzenden Brabbel-Gatten (Bernd Moss) und ein automatisches Klavier, aus dem, sehr stimmungsvoll, aber doch wie fehlprogrammiert romantische Melodien stolpern (Musik: PC Nackt).

Ansonsten geht Text über die Rampe, aufgeteilt in drei Einzelblöcke, zwischen 30 und 45 Minuten lang. Ein anschließendes Sprech-Terzett wird von der Tonbandaufnahme abgelöst, und dann – die Kraft des Publikums ist längst erschöpft – stemmt sich noch einmal Bernd Moss hoch, trottet Richtung Gasse, findet das aufgeschlagene Buch der Souffleuse und liest die letzten Seiten vor, bevor er mit den Achseln zuckt. Nach sehr langen und intensiven zweieinhalb Stunden endet der Abend im Black.

Des Kenners reine Freude

Die virtuose Memorier- und Gedankenbaukunst der drei Jelinek-Spielerinnen in ihrer Verschiedenheit sind des Kenners reine Freude, und man bekommt mehr als genug Zeit, um zu verstehen, dass man nicht hinterherkommt. Linn Reusse ist auf Entdeckungsreise, entfaltet die Worte wie Geschenke, die sie selbst begutachtet und bestaunt, als wären sie ihr eben eingegeben. Fritzi Haberlandt, die die Bühne offenbar genau so vermisst hat wie das Publikum sie, gestaltet und beherrscht ihr Konvolut mit fröhlichster Darstellungslust, nimmt den Text mit brutaler, kumpelhafter, wasserdichter Ironie, die noch die finstersten und härtesten Gedanken zum bösen Ach-Gottchen-Witz macht. Und Susanne Wolff steigt tief hinein in den Text, raut ihn auf, bewahrheitet ihn mit ein paar lässigen körperlichen und seelischen Andeutungen und verlässt sich auf seine Wucht und seine Wirkung. Denn natürlich steckt mehr in einem Jelinek-Text, als man an einem Abend herausholen kann. Nicht nur im Kontakt mit dem Finanzamt, sondern auch, wenn Elfriede Jelinek einen in die Zange nimmt, kommt man sich doof vor. Hier aber mit mehr Recht.

Angabe der Person. 17., 22., 29. Dez.; 2., 25. Jan. im Deutschen Theater, Karten unter Tel.: 28 44 12 25 oder www.deutschestheater.de