Berliner Zeitung: Herr Suschke, wir wollen mit Ihnen sprechen, weil Sie ideal sind für diese Zeit: Ein Ostler, der es von Greifswald nach Linz in Österreich geschafft hat, mit Zwischenstation Berliner Ensemble mit Heiner Müller. Nun haben Sie eine Aufzeichnung der Probenarbeit von Bert Brecht herausgebracht, seine letzte Arbeit, „Leben des Galilei“, einem Dissidenten, Wissenschaftler, der an der Macht schnuppert, also sehr aktuell …

Stephan Suschke: Brecht ging in dem Stück weit über seine Kapitalismuskritik hinaus. Es ging ihm um die grundsätzliche Frage: Was können wir eigentlich glauben? Das ist ja aktuell, wenn ich gerade Götz Aly lese.

Warum Brecht? Warum ein Moralist in unserer Zeit?

In den Proben wird deutlich: Es ging ihm nicht um Moral, sondern um Strukturen. Wenn man nichts zu fressen hat, kommt man weder mit Moral noch mit Ideologie weiter. Über Brecht liegt viel Müll. Das klassische Brecht-Bild wird dominiert von einem „didaktischen Theater“. Aber davon findet sich in den Proben keine Spur. Er sagt immer wieder: „Das klingt wie in der Urania, so nicht!“ Er will nicht belehren, sondern zeigt Strukturen: „Es handelt sich um ein Machtprinzip, das hier zu jener Zeit die Kirche vertritt.“ Auf den Proben kann man Brecht unmaskiert hören. Er hat nach wenigen Minuten vergessen, dass ein Tonband läuft.

Es fällt auf, dass Brecht auch den Klassenfeind mit Respekt behandelt. Er verhöhnt ihn nie. Bei den Medici – den reichen Fürsten – will er herausarbeiten, dass sie hochgebildete Leute sind.

Er schaut genau hin und arbeitet überall das Vielschichtige heraus. Er arbeitet auf den Proben heraus, dass die Kirchenfürsten, die Galilei zur Strecke bringen, hochintelligente, gebildete Leute sind. Er zeigt wie Galileis Tochter, die meistens als doofe Trude dargestellt wird, durch eine unbedachte Reaktion ihres Vaters von einem interessierten Mädchen zur Kerkermeisterin gemacht wird. Immer wieder wird deutlich: Es gibt nicht die eine Wahrheit. Er denunziert nie die unterschiedlichen Standpunkte, die Widersprüche, der Zuschauer kann, muss sich verhalten, er emanzipiert sie, statt sie zu belehren.

Das merkt man auch an seiner Arbeit mit den Schauspielern.

Brecht hat die Schauspieler eingeladen zur Mitarbeit, wollte gemeinsam mit ihnen etwas herausfinden. Ein immer wieder auftauchender Satz: „Das müssen wir untersuchen.“ Dabei behandelt er alle mit größtem Respekt, spricht alle mit „Sie“ an. Eine Mischung aus Distanz, Lust und viel Humor.

In einer Regieanweisung schreibt er: „Entweder die Bevölkerung erobert den Staat oder sie erobert ihn eben nicht.“

Brecht hatte ein sehr kritisches Verhältnis zur SED-Politik. Nach dem 17. Juni entstand eine neue Fassung, in deren Mittelpunkt das Verhältnis des Wissenschaftlers zur Macht stand. Das war seine Geschichte: Brecht war Galilei, die römische Kurie stand für das Zentralkomitee der SED, der Papst war der Generalsekretär. Obwohl: Er hat die Funktionäre intelligenter gemacht als sie waren.

Auf jeden Fall geht es um das zeitlose Thema: Die Eliten und die Macht …

Früher war es die ideologische Macht. Heute ist es die ökonomische.

Es ist heute schon auch Ideologie, Sie haben Götz Aly erwähnt!

Ja, die Gegenaufklärung ist auf dem Vormarsch. Die irrationalen Wahrheiten, die gefunden werden sind aber auch eine Gegenbewegung zur durchtechnisierten und vielleicht sogar zur, ja, entchristlichten Welt. Das konkretisiert sich im Aberglauben, in Verschwörungstheorien. Ich glaube nicht, dass die Welle an Kirchenaustritten in Köln nur mit den Missbrauchsfällen zu tun hat. Die Gegenaufklärung schafft sich neuen Mythen, bedient sich aber immer wieder alter Muster. Die Diskussionen sind immer weniger argumentativ. Stattdessen Opfermythen oder Stilisierung zu marginalisierten Gruppen. Jeder Widerspruch wird sofort ideologisch bzw. moralisch abgebügelt. Brecht zielte auf Ideologiezertrümmerung, den guten alten Beweis. Er ging vom Gegenteil dessen aus, was er beweisen wollte.

Galileo aber war vor allem ein Dissident. Wäre er heute ein Verschwörungstheoretiker?

Damals war die Wahrheit nicht auf der Seite der Macht.

Ist sie das heute?

Brecht geht es vor allem um eines: Wir sollen nicht blind glauben, was gesagt wird, oder: „Lasst euch nicht verführen.“ Es ist ein unideologischer, ein materialistischer Blick. Er untersucht: Was ist da?

Das System, in dem wir heute leben, ist eine riesige Profitmaschinerie mit einer Glücksverheißung. Wenn jemand wie Greta Thunberg sich hinstellt und diese Verheißung infrage stellt, und sagt, dass unsere Ressourcen für dieses Versprechen für alle nicht ausreichen, ist das Geschrei groß, weil sie die Grundfesten des Wachstums befragt.

Was ist Corona?

Corona ist die dem Kapitalismus entsprechende Krankheit, eine Immunreaktion: die endlose Ausdehnung der Gegenwart, gegen den Krebs des endlosen Wachstums. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Es gibt keine Utopien. Corona ist die Gegenbewegung zum kapitalistischen Zukunftsoptimismus. Alles steht still.

Das lässt sich natürlich leicht reflektieren, wenn man einen sicheren Job hat. Gibt es heute Leute, die das Privileg haben, sich das Moralisieren leisten zu können?

Es geht nicht ums Moralisieren. Aber es ist gut, ein Bewusstsein zu haben, dass man privilegiert ist. Das fand ich an Heiner Müller toll, dass er das immer mitgedacht hat. Ich gehöre auch zu dem Bruchteil von Menschen, denen die Arbeit Spaß macht, die sie nicht nur zum Broterwerb machen müssen. Die meisten in unserer westlichen Welt müssen weder hungern noch frieren. Auch das wird bezahlt von anderen, zum Beispiel in der dritten Welt und natürlich auf Kosten der Umwelt. Und ab und zu kann man sich dann schon mal fragen, also ich mich: Wie viel hat das, was ich mache, eigentlich noch mit der Verbesserung der Welt zu tun?

Wir wissen in unserer endlosen Gegenwart nicht, was geschehen wird. Brecht hat in einer Regieanweisung geschrieben: „Man kann immer noch leben, solange etwas kalkulierbar ist. Mit der Wasserstoffbombe kann man leben, weil das kalkulierbar ist.“ Ist das heute anders?

Das ist genau die Situation, die uns Angst macht. Dazu eine schöne Anekdote: Der Komponist Wagner-Régeny erzählte Brecht einen Witz. Eine alte Jungfer hat zum ersten Mal Geschlechtsverkehr und sagt zu ihrem Galan: „Junger Mann, wollen Sie nun rein oder raus, dieses ewige Hin und Her geht mir auf die Nerven.“ Wagner-Régeny erwartete, dass Brecht in schallendes Gelächter ausbrechen würde. Aber der schwieg, dachte lange darüber nach und sagte: „Der Kleinbürger erträgt nur Zustände, der Wechsel ist ihm verhasst.“ Das ist mittlerweile nicht nur das Problem der Kleinbürger: Sie wollen keine Bewegung. Sie wollen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist. Das sehen wir heute in Europa. Und das ist mir ja nicht fremd, dieser kleinbürgerliche Zug. In Afrika können sich wenige Menschen dieses Denken leisten. Die wollen Veränderung, die wollen, dass es nicht so bleibt, wie es ist. Brecht wollte die Veränderung: „Lieber das schlechte Neue als das gute Alte.“

Brecht ist die Wissenschaft sehr wichtig. Er diskutiert mit seinen Schauspielern über Physik, sagt, er will nichts Falsches sagen. Aber die Wissenschaftler sieht er kritisch. Im Hinblick auf die Wasserstoffbombe sieht er auch das Problematische an der Wissenschaft. Und Galilei ist ja auch nicht wirklich sympathisch. Von ihm heißt es in einer Regieranweisung: „Lust an der Forschung und am Essen“. Ziemlich aktuell, oder?

Es gibt da ein grundsätzliches Problem, eine Falle: Wir fühlen uns von dem bestätigt, der das gleiche sagt wie wir. Ich auch. Brecht dagegen fordert: Zweifel, Zweifel, Zweifel. Wir sollen keine Gedanken verschwenden an das Unänderbare. Aber wir sollen alles tun, um zu verändern, was wir verändern können. Deshalb hat er trotz aller Kritik auch an diesem sehr unfertigen, manchmal blutigen Sozialismus gehangen: Weil es der Versuch einer Alternative zum Kapitalismus war. Er war sehr praktisch, nicht nur was Politik anbelangt. Er hat seinen Geliebten lange Strümpfe geschenkt, wenn er gesehen hat, dass sie frieren. Für uns: Der Kapitalismus ist die Kälte, aber wie sieht der Strumpf aus und wer zieht ihn an.

Oder wie bei Stalin, den Brecht „verdienter Mörder des Volkes“ nennt …

Stalin hat seinen Beitrag zum Sturz des Nationalsozialismus geleistet und war ein Verbrecher. Es gibt viele Wahrheiten.

Brecht zeigt bei seinen Proben zu „Galilei“ ein gewisses Faible für die Demokratie. Das überrascht doch etwas.

Ja, wenn er über das aufstrebende Venedig spricht. Die Demokratie war damals ein Fortschritt. Dieser jugendliche Kapitalismus stand auf der Seite der Vernunft gegen den rückschrittlichen Muff der alten katholischen Welt. Brecht war niemals eindimensional. Je größer der Gegner, desto stärker musste das Argument sein. Brecht war gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Aber er forderte auch in der DDR immer wieder die große Diskussion aller ein. Uneingelöst die Aufgabe der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Was bei Brecht auffällt: Er ist angstfrei. Erleben Sie das als DDRler auch heute als einen Vorteil in der aktuellen Zeitenwende? Ihr Ostler habt ja schon einmal ein System untergehen gesehen und es ging trotzdem weiter.

Zuerst habe ich in der DDR die Kolonisierung des Ostens erlebt. Aber dass der Wegfall des Ostens zugleich der Anfang vom Ende des Westens war, wussten wir damals noch nicht. Wir mussten von heute auf morgen alles neu lernen. Im Osten glaubten viele, was ihnen von mittelmäßigen Leuten aus dem Westen, die es dort zu nichts gebracht hatten, gesagt haben. Das hatte natürlich auch mit der DDR zu tun. Nach dieser Implosion wollte man ankommen. Hinzukam eine wohl orchestrierte Entmündigung und Delegitimierung von allem, was war, das Gegenteil von Ermächtigung. Ganz nebenbei wurden die DDR-Bürger noch enteignet. Aber meine Generation war jung und wir waren gierig. Wir wollten ankommen in der neuen Welt. Assimilierung hat immer auch einen opportunistischen Zug. Das gehörte ja auch zur DDR-Sozialisation, das ständige Wechselspiel zwischen Widerstand und Anpassung.

Wann kam für Sie der Bruch?

1989 war schon einer, aber für mich war die Finanzkrise 2007/2008 ein ebenso großer Einschnitt. Ich hatte nicht gedacht, dass sich das kapitalistische System so schnell in den Abgrund manövrieren könnte.

Was hat sich da geändert?

Das Bewusstsein für die Komplexität des Systems. Mit einfachen Antworten ist dieser Krise nicht beizukommen.

Und die Corona-Krise?

Das ist die Antwort der Natur, ein biologischer Weckruf. Aber interessant ist, dass es auf einmal eine Gegenreaktion auf die ungeheure Individualisierung in der kapitalistischen Gesellschaft gibt. Es gibt plötzlich wieder eine Sehnsucht nach Gemeinschaft. Bestimmte Erfahrungen können nur kollektiv gemacht werden. In der DDR gab es kollektivere Prozesse, da bestand die Welt nicht aus Millionen Ich-AGs. Die Wende hätte nicht stattgefunden, wenn all die kleinen Gruppen nur ihre Ziele verfolgt hätten. Das nervt mich auch so an den momentanen Prozessen, wo sich diese Gesellschaft in immer kleinere Gruppen aufspaltet, die alle ihre mehr oder weniger berechtigten Einzelinteressen verfolgen. „Teile und herrsche“ als Machtprinzip wird mittlerweile in vorauseilendem Gehorsam selbst besorgt: Ich lasse mich teilen und beherrschen.

Das Gruppen-Interesse hat auch eine andere, dunkle Seite. Sie haben 2014 im Mainfranken-Theater ein Stück über Gustl Mollath inszeniert. Der Mann wurde zu Unrecht sieben Jahre in die Psychiatrie gesteckt. Alle hatten gegen ihn kollaboriert. Was hat Sie an dem Stoff interessiert?

Ein DDR-Reflex, gegen die Repression des Staates. Aber in scheinbarem Widerspruch dazu: Ich bin für das Gewaltmonopol des Staates. Der Rechtsstaat, auch wenn er ungerecht ist, muss gegen links und gegen rechts behauptet werden. Doch innerhalb der staatlichen Strukturen muss die intransparente Verflechtung von Politik und Industrie bekämpft werden. Die ist heute schlimmer als in der Weimarer Republik, weil es viel eleganter gemacht wird, feingeistiger.

Ist Mollath auch so ein Typ wie Galilei – allein gegen alle?

Eher ein Michael Kohlhaas. Jemand, der an der Gerechtigkeit zugrunde geht. Das hat mich sehr an die DDR erinnert, dieser ganze bayrische Filz. Es ist ja interessant: Der zehnjährige Schauspieler, der unter Brecht den jungen Andrea Sarti gespielt hat, kam 1968 ins Gefängnis. Weil er – im Geiste Galileis – gegen den Einmarsch in Prag mit selbst gebastelten Flugblättern protestiert hatte. Ein aufrechter Mensch, der den Mut hatte, sich zu wehren. Heute führt er Besuchsgruppen durch die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Wie würde sich Brecht in Corona-Zeiten verhalten?

Weiterarbeiten. Und zweifeln. An allem zweifeln. Es gibt keine einfachen Antworten.