Im Gorki-Theater riecht es süßlich und fettig nach Schweinebraten. Die türkische Haushälterin Fatima (Tina Keserovic) serviert ihn in einer Wannsee-Villa auf feinem Porzellan. Der Raum ist von gediegener Symmetrie: Eine zweiläufige Treppe aus dunklem Holz, mutmaßliche Raubkunst und gründerzeitliche Lampen hängen an den Wänden, im Radio dirigiert Furtwängler Beethoven, in der Hausbar glitzern edlen Spirituosen in Kristallflaschen, die jüngst geschossene Hirschkuh Agathe blickt als Trophäe in den Raum. Alles ist schwarz-weiß, sogar die Flamme im Kamin. Natürlich muss man an die Villa denken, in der 15 hochrangige Nazis im Januar 1942 unter der Leitung von Heydrich die Wannseekonferenz abhielten, um die Judenfrage zwischen ihren Behörden abzustimmen – das heißt, den Abtransport der Juden und ihre industrielle Vernichtung zu organisieren.

Das installative Stück „Geschwister“, geschrieben und inszeniert von Ersan Mondtag, spielt 25 Jahre später, am 2. Juni 1967. Man trifft sich, um den 87. Geburtstag von Opa Otto zu feiern, der allerdings schon tot ist. An den Stirnseiten der Tafel sitzen – allesamt ebenfalls farblos und steif bis in die Ohrläppchen – Mann und Frau (Falilou Seck und Çiğdem Teke), an der Längsseite ihre beiden jungerwachsenen Töchter und der noch kindliche, stotternde Sohn. Der Braten ist vorzüglich, die Mutter erlaubt Fatima, sich eine Scheibe zu nehmen, wenn etwas übrig bleibt. Das ist ein Witz. Fatima ist Muslima.

Die Stimmung ist angespannt, dem Radio ist zu entnehmen, dass vom Osten bezahlte Jungrote vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße gegen den Schah von Persien protestieren und dabei ein Rädelsführer erschossen wurde. Die Kinder waren zu spät gekommen deswegen. Tochter Eva-Maria (Yanina Cerón) versucht, den noch Abend zu retten, ihre Schwester Elisabeth (Lea Draeger) kotzt in den Suppenteller, kippt sich den Schnaps aus der Flasche in den Hals und dreht das Radio lauter: Sie selbst spricht bei den Protesten zum Beispiel von Richtern, die aus ihren Naziroben geschlüpft sind und weiter richten.

Birgit Hupfeld
Der kleine Friedrich mit seiner Mutter (Maxim Loginovskih und Çiğdem Teke).

Das ist gegen ihren Vater gerichtet, der an diesem Abend auch zu feiern hat, dass er zusammen mit dem früheren NS-Staatsanwalt Eduard Dreher das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWiG) auf den Weg gebracht hat, dessen erster Artikel das Strafmaß für Nazi-Mordgehilfen – als Mörder galten ohnehin nur die an der Spitze der Befehlskette – mildern würde. Damit wären ihre Taten seit dem 8. Mai 1960 verjährt. Es wird noch kaum ein Jahr bis zu seiner Verabschiedung dauern. Da kann man schon mal in die Suppe kotzen. Eine quälende Stunde dauert dieses Abendessen, dann gehen alle ins Bett. Elisabeth dreht den Gasherd auf, schließt die Tür zu und verschwindet.

An dieser Stelle gibt es einen Zeitsprung von 33 Jahren zum 11. September 2000. Farbe zieht ein. Es ist Fatimas (nunmehr gespielt von Sema Poyraz) letzter Tag als Haushälterin. Der Gasanschlag hat nicht funktioniert, Elisabeth ist bei einem Unfall in Verbindung mit Protesten umgekommen und jetzt sind auch die Eltern eines natürlichen Todes gestorben. Eva-Maria (Ariane Andereggen) und Friedrich (David Bennent) sind älter geworden und kommen nach Hause, um ihr Erbe anzutreten. Sie sind sich uneins über die Frage, wie mit dem Familienarchiv umzugehen ist und streiten um den Schlüssel.

Die Nazimörder machen weiter: NSU

Dieweil reist Fatima ab, sie wird nun wie ihr Bruder Blumen verkaufen müssen. Das Radio spielt, sie hört nicht hin, als von einem in Langwasser erschossenen Blumenhändler berichtet wird. Es ist der erste Mord des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Das ist die bittere Pointe des Abends: Der NSU-Skandal mit den blinden Flecken und Verstrickungen der Behörden beweist, wie tief das Tätererbe in den Strukturen dieser Gesellschaft sitzt.

So wenig an diesem Theaterabend passiert, so viel will er doch erzählen. Von der verdrängten Schuld der Deutschen, die in der nächsten und übernächsten Generation plötzlich wieder auftaucht. Von den korrumpierten Seelen der Täterfamilien, in denen das Gift weiter wabert und sich in die Poren setzt wie der Bratengeruch. Der farbkonzeptuelle Kunstgriff, der es möglich macht, die Gegenwart und Vergangenheit in einen albtraumhaften Augenblick zu schieben, ist unerschrocken in seinem Aufwand und auch handwerklich meisterhaft ausgeführt.

Dass die Handlung mustergültig bis zur Plakativität gesetzt ist, ändert zwar nichts an ihrer Funktionstüchtigkeit als Gleichnis – aber es hilft dabei, sich als Zuschauer abzugrenzen und zu entlasten. Wie viele der Deutschen waren schon so nah dran an den entscheidenden Stellen und beteiligt an den entscheidenden historischen Augenblicken? Das Manko dieses Gleichnisses ist, dass Mondtag die Liebe weggelassen hat, die die Nazimörder und ihre Kinder und ihre Enkel verbindet und mit der man genauso zurechtkommen muss wie mit dem dunklen Erbe, das erst durch diese Liebe zum identifikatorischen Fluch wird. Ohne Identifikation aber bleibt einem der Abend fern und in seiner Ferne harmlos.

Geschwister 18., 26. Juni, 19.30 Uhr im Gorki-Theater, Karten unter Tel.: 20 22 11 15 oder gorki.de