Sehr geehrter Herr Dr. Stegemann,

wir, die Verfasser:innen und Unterzeichner:innen dieser Erwiderung, haben Ihre Einlassung in der FAZ vom 9. April mit Unbehagen und Unverständnis gelesen. Sie fachen damit den Skandal weiter an, der ungelöst unsere Theaterlandschaft und unser Theatersystem belastet. Wir möchten mit dieser Erwiderung Partei ergreifen für Ron Iyamu, ohne uns anmaßen zu wollen, zu verstehen, wie es ihm in dem was passiert ist, ergangen sein mag. Wir versuchen es nachzuempfinden, ohne es uns aneignen zu wollen und ohne es uns aneignen zu dürfen.

Der menschliche Aspekt, den wir kritisieren, betrifft eine gewisse Anmaßung und Härte, mit der Sie über Ron Iyamu als Schauspieler urteilen, die mit der Diskussion in der wir uns befinden, überhaupt nichts zu suchen hat. Sie blenden ihre Leser:innen, lenken sie auf ein einen Nebenschauplatz, während Sie Ron Iyamu mit ihrer Einlassung über seine Schauspielkunst so ein weiteres Mal zum Opfer machen, ohne ihn auch nur einmal auf der Bühne gesehen zu haben.

Als verantwortungsbewusster Dramaturg und Lehrer sollten sie wissen, dass sich das nicht gehört und dass es alle Regeln des Theaters bricht.

Schwarze, wie Ron Iyamu und andere Schwarze und Person of Color (BIPoC) haben es verdient, dass man sich ihnen weder mit Hohn noch mit dem beliebten, aber hier völlig unbrauchbaren Totschlag-Argument "Kunst oder Stirb!" nähert, sondern mit Respekt, mit Dialog und mit Offenheit.

Wenn Kränkungen zum Maßstab werden – und nicht Auseinandersetzung auf Augenhöhe und respektvoller Umgang miteinander, wird die Konfliktfähigkeit unserer Gesellschaft bedroht. Wir selbst verstehen uns deshalb auch nicht als die einzige Instanz – und können es auch nicht sein, die Ihren Text beurteilt und festlegt, welche Kränkung angemessen ist und welche zu weit geht, sondern WIR unterbreiten einen Vorschlag zum Dialog und Prozess, in dem Dinge fair miteinander ausgehandelt werden müssen. Worauf wir setzen ist dieses Angebot zum Dialog miteinander.

Die Erstunterzeichnenden

Dies sind die ersten fünfzig von bisher 1401 Unterzeichnenden. Die vollständige Namensliste liegt der Redaktion vor.

Bastian Trost, Julius Feldmeier, Felix Rank, Malte Grunert, Daniel Richter, Valerie Göhring, Heinrich Horwitz, Christian Senger, Emel Aydoğdu, Martin Bruchmann, Torben Appel, Philipp Leinenbach, Niels Bormann, Hanna Binder, Milena Arne Schedle, Mazen Aljubbeh, Godehard Giese, Tucké Royale, Emilia de Fries, Johannes Scheidweiler, Maj-Britt Klenke, Matthias Luckey, Max Gindorff, Tim-Fabian Hoffmann, Markus Bernhard Börger, Alida Stricker, Lucia Kotikova, Oliver Broumis, Emma Rönnebeck, Aysima Ergün, Hauke Heumann, Naomi Bah, Danai Chatzipetrou, Thelma Buabeng, Mariann Yar, Ruth Bohsung, Ali Aykar, Daniel Noël Fleischmann, Malaya Stern Takeda, Alexander Wertmann, Meik van Severen, Sarah Yawa Quarshie, Maximilian Gehrlinger, Fabian Baecker, Selin Dörtkardes, Lorenz Hochhuth, Liv Stapelfeldt, Martin Peñaloza Cecconi, Anton Andreew, Zelal Kapçık

Es gibt einen zweiten Aspekt, den Sie eingeflochten haben und den es genau zu begutachten gilt:

Wir müssen den Menschen zuhören, die den Versuch unternehmen, sich aus der Umklammerung einer aus ihrer Sicht toxischen Institution - hier dem d’haus – kollektiv befreien zu wollen, zumal diese ehrwürdige Institution Theater sehr offensichtlich noch nicht darauf vorbereitet und auch nicht bereit ist, Schwarze Künstler:innen und Person of Color den Raum zu geben, der Ihnen gebührt.

Diese 22 Künstler:innen die nicht mehr bereit sind, an dem genannten Haus zu arbeiten und eine neue Arbeitsmöglichkeit einfordern, die in einem realistischen Rahmen abgesteckt ist – gemessen an den Ressourcen des Hauses und der Kommune, haben es verdient, dass man ihre Bitte sorgfältig prüft und/oder wenn man sich als Theater unsicher ist, von unabhängigen Expert:innen prüfen lässt. Auch hier sind der Dialog, die Frage nach dem Warum, das Setzen auf menschliches Miteinander und das Verhandeln auf Augenhöhe die ersten Prinzipien.

An einer Sache gibt es jedoch nichts zu deuten: Schwarze und Personen of Color (BIPoC) haben das Recht auf Selbstbestimmung, und dieses Recht müssen wir garantieren, damit das Pendel der Geschichte nie wieder mit der Macht zurückschlägt, mit der es einige gegen den Fortschritt der Geschichte zurückschieben wollen.

Wir sind wie Sie, sehr geehrter Herr Stegemann, seit vielen Jahren im Theatergeschäft auf den verschiedensten Positionen und in den verschiedensten Aufgabenbereichen unterwegs. Wir haben allerdings noch niemals erlebt, dass das Schaffen von respektvollen Probensituationen zu „verwalteten Vorgängen“ oder unbrauchbaren künstlerischen Ergebnissen geführt hätte, wie Sie behaupten. Ganz im Gegenteil: dort, wo Darsteller:innen frei sein können, wo sie keine Angst haben und nicht befürchten müssen, beim nächsten Fehler bestraft und vorgeführt zu werden, entstanden und entstehen die genialen künstlerischen Innovationen, die wir uns wünschen und mit denen das Theater sich weiter entwickeln kann. Darin können durchaus Momente der Entgrenzung enthalten sein. Aber diese müssen auf Verabredungen beruhen.

Das Wort „Sklave“ auf einen Schwarzen BIPoC-Künstler anzuwenden ist beschämend, skandalös und rassistisch, zumal Ron Iyamu den Freiheitskämpfer Haitis, François— Dominique Toussaint Louverture, geprobt und gespielt hat, eine Figur mit einem Namen, wie eben jener Hamlet, den Sie ins Feld führen! Armin Petras hätte als kluger Mensch die Provokation und nachfolgende Demütigung voraussehen müssen. Das ist nicht nur beschämend, sondern hat nach Aussage von Ron Iyamu dazu geführt, dass sich andere Kollegen dadurch legitimiert fühlten, ihn ebenfalls schamlos mit rassistischen Begriffen anzusprechen und hinter der Bühne das N-Wort zu nutzen. Es ist zudem nicht die erste toxische Situation am Haus. Laura Jil Beyer und andere haben diese toxische Atmosphäre bestätigt.

Uns ist unklar, woher Ihr Glaube kommt, dass eine Schauspieler:in noch immer zwingend dem von ihnen favorisierten Modell der an den Hochschulen „gebrochenen“ – eine Unsitte! - und für alles bereiten und einsetzbaren Künstler:in folgen muss?

Die modernen Diskurse lehren uns kritisch und ganzheitlich zu denken. Dazu zählt auch, jede Form von Totalität auszugrenzen. Die freien Künstler:innen und Companies machen uns vor, wie gearbeitet wird, ohne Qual, ohne unverschämte Titulierung und ohne Messer am Hosenschlitz oder an der Kehle. Die von Ihnen als Schild vorgeschobene Kunstfreiheit ist zudem kein Privileg Einzelner, sondern sie gilt für alle Künstler:innen gleichermaßen, Regisseur:innen wie die Schwarzen Schauspieler:innen und die Künstler:innen of Color.

Kurz zu ihren inhaltlichen Befürchtungen:

Ich kann im Probenprozess jede Form der „Entgrenzung“ herstellen, aber diese „Entgrenzung“ darf nicht auf die Rahmenbedingungen übergreifen, die diesen Kernprozess der Probe schützen und einbetten. Das eine ist der künstlerische, das andere der Produktionsprozess, zwischen beiden muss es eine Grenze geben, damit Künstler:innen geschützt arbeiten und sich zurückziehen können.

Eine Probe hat ihre Grenze jedoch in dem Moment erreicht, in dem ein Regisseur einen Schwarzen Mann Sklave ruft, das ist in keinem Kontext angemessen. Es ist eine rassistische Grenzüberschreitung, mit der aus Freiräumen Räume der verbalen Gewalt werden.

Wir sind die Erben einer Geschichte, und dieser Geschichte müssen sich die weißen Menschen unter uns stellen. Wir müssen anerkennen, dass unsere mittelbaren Vorfahren in der Zeit des Kolonialismus und Nationalsozialismus Grenzen der Menschlichkeit millionenfach überschritten und die Welt damit in ein Chaos geführt haben, in dem die Grenze der Unberührbarkeit und Unverletzbarkeit des Menschen willentlich und wissentlich außer Kraft gesetzt wurde - ein Erbe, dass sich leider bis heute fortsetzt. Wir stellen uns dieser Verantwortung und setzen uns dafür ein, dass das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht wird.

Wir befürchten weiterhin, dass man sich nun an einem einzelnen jungen Schauspieler festbeißt, anstatt das strukturelle Problem im Blick zu behalten. Das Problem ist nicht der Schauspieler, der sich beschwert. Das Problem ist ein gefährlicher struktureller Rassismus der in den verlausten Ecken unserer Gesellschaft haust und darauf wartet sich auszubreiten, der Besitz von unserer Sprache ergreift und in die uns wertvollen Bereiche der Gesellschaft, wie das Theater vorzudringen droht. Deshalb sollten wir alle, sehr geehrter Herr Kollege Stegemann, zu Paten eines Theaters werden, das frei von Rassismus, Menschenverachtung und Machtübergriffen jeder Art sein sollte. Uns dafür einzusetzen, laden wir auch Sie ganz herzlich ein.

Es ist nicht hinzunehmen, dass in Ihrer Argumentation die rassistischen Stereotypen wiederholt werden:

Ron Iyamu wird als kindlich, unfähig und als Aggressor beschrieben. Ron Iyamu wird durch ihre Aussage und Ihren Artikel in der FAZ gedemütigt und abgewertet, als unfertiger Schauspieler bewertet und als unsicherer junger Mann beschrieben. Was hat das in diesem Artikel zu suchen? Und wenn es so wäre, würde das die Bezeichnung als „Sklave“ eher rechtfertigen?

Ron hat das Recht auf eine freie Zukunft in unserer Theaterlandschaft, und er hat das gleiche Recht, sich wie alle anderen Künstler:innen in diesem Land zu verwirklichen. Wir möchten Sie deshalb ganz herzlich bitten, Ihre Position im Sinne Ron Iyamus und aller Künstler:innen zu überdenken, die offensichtlich gelitten haben in unserem Theatersystem. Zollen Sie Ron Iyamu bitte Respekt und entschuldigen Sie sich für Ihre Aussagen. Sie haben ihn weder gesprochen noch gesehen, sie haben mit ihm weder diskutiert noch ihn angehört. Und wenn Sie leugnen, dass es an unseren Theatern Rassismus gibt, dann verschließen Sie ihre Augen und Ohren. In der Studie „Macht und Struktur im Theater“ (Schmidt 2019) sind Fälle von Rassismus und anderen Formen des Machtmissbrauchs systematisch erhoben und belegt worden, sie sind Teil eines strukturellen Machtkonzeptes in deutschen Theatern.

Sehr geehrter Herr Stegemann,

wir bieten Ihnen an, mit Ihnen öffentlich über dieses Thema zu diskutieren. Und, lassen Sie uns in diesem Zusammenhang originäre Stimmen hören, wie die Zustände an den Theatern sind, Schwarze Künstler:innen und People of Color die diese Zustände bewerten und kommentieren können. Vielleicht kommen wir dann gemeinsam zu einer Sicht auf die Situation, in der Sie selbst sehen, dass das ewige Argument der Freiheit der Kunst verbraucht ist, so lange Menschenrechte und ethische Maßstäbe nicht mehr gelten. Nicht die Freiheit der Kunst selbst, wie Sie uns glauben machen, ist so in Gefahr, wenn wir respektvollen Umgang und Augenhöhe einfordern, sondern die Freiheit der Kunst leidet jedes Mal, wenn Sie als Argument in Zusammenhängen herhalten muss, in denen sie nichts zu suchen hat und deshalb ein ums andere Mal abgewertet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Thomas Schmidt, Professor, Autor (er/ihn), Angela Richter, Journalistin, Regisseurin, (sie/ihr), Sabrina Zwach, Dramaturgin, Laura Sundermann, Schauspielerin, Mehmet Ateşçi(er/ihm), Schauspieler