Erwirb dir deine Verdienste! Vivaldis „Il Giustino“ in der Staatsoper

Die Staatsoper läutet mit einem römischen Gastspiel unter der musikalischen Leitung von René Jacobs ihre Barocktage ein.

Olivia Vermeulen als intriganter Eunuch Amanzio
Olivia Vermeulen als intriganter Eunuch AmanzioImago

Der Venezianer Antonio Vivaldi schrieb seine Oper „Il Giustino“ 1724 für Rom. Was dann in der Karnevalssaison erklang, war dennoch eine venezianische Oper voller Farben und einer skurrilen crossgendernden Nebenfigur mit dem sprechenden Namen Andronico. Einen wirklich römischen „Giustino“ schrieb erst Georg Friedrich Händel 13 Jahre später für London: Händel kürzte das gleiche, bereits 1683 entstandene Libretto um die Nebenfigur und regelte das Pathos auf ein höheres Niveau.

An der Staatsoper Unter den Linden hat René Jacobs nun Vivaldis Gastspiel in der päpstlichen Stadt auf den Spielplan gesetzt – und man erkennt es verglichen mit der philologisch sorgfältigen Referenzaufnahme von Ottavio Dantone kaum wieder.

Philologie und Ausdruck sind die beiden Pole, zwischen denen die historisch informierte Aufführungspraxis seit je Spannung aufgenommen hat. Jacobs hat im Bereich Oper immer auf einem strikt theaterpraktischen Umgang mit dem Material insistiert: Er kürzt, stellt um, mischt andere Stücke hinein. Wenn Vivaldi selbst die Römer an seine schon damals erfolgreichen „Vier Jahreszeiten“ erinnert mit einem Zitat aus dem „Frühling“, klebt Jacobs auch noch Fragmente aus dem „Herbst“ und dem „Sommer“ ein.

Auch wenn die Akademie für Alte Musik Berlin im Graben zuweilen etwas unterspannt wirkt, erschafft Jacobs eine Aufführung voller klanglicher Wunder und melodischer Überraschungen – mit einem Sonderapplaus für Franziska Fleischanderl am Salterio, die einigen Arien ätherisches Zupfen beimischt, einmal auch auf der Szene.

Kaum je denkt man sich im Lauf des dreieinhalbstündigen Abends, dass da eine Arie zu viel wäre – was dann wohl bedeutet, dass Aktion und Kontemplation in schlüssigem Rhythmus verteilt und von der Regie auch entsprechend verstanden wurden.

Barbora Horáková hat inszeniert. Ihren gesprächsweisen Anmerkungen im Programmheft ist zu widersprechen: Das Thema von „Il Giustino“ ist keineswegs Glück, nur weil Fortuna einmal auftritt. Glück ist hier und überall ein Mittel, die Handlung nach dem Willen des Autors zu lenken. In fantasievoller Mischung von oströmisch-byzantinischer Geschichte und lehrhafter Fabel behandelt das Stück die Frage nach der Legitimität von Herrschaft. Schon Kaiser Anastasio gelangt nur deswegen auf den Thron, weil ihn Arianna, die Witwe des vorigen Kaisers, heiratet.

Giustino wünscht sich Ruhm und Ehre, während er den Pflug über den Acker zieht, und träumt von Fortuna, die ihm beides verspricht. Die Realität bietet dann sogleich Gelegenheit zur Bewährung: Anastasios Schwester Leocasta wird von einem Bären bedroht, den Giustino erschlägt. Leocasta verliebt sich in den Mann, dessen unmögliche Herkunft einzig von Amanzio, einem eunuchischen Hofschranzen, problematisiert wird. Der allerdings greift selbst als Intrigant nach der Macht. Und dann gibt es noch Vitaliano, der darunter leidet, dass Arianna nicht ihn geheiratet hat, und der sie einem Seeungeheuer zum Fraß vorwerfen will – wieder greift Giustino mit dem Knüppel ein.

Von der Liebe abgelenkt

Heirat, Verdienst, Intrige sind die Wege zur Macht, die das Stück zeigt – allerdings nur der Intrigant meint es ernst mit dem Anspruch, während die anderen bald von der Liebe abgelenkt sind, sei es die zu sich selbst bei Anastasio oder die zu Leocasta bei Giustino. All dies sind „schreckliche Kinder der Neuzeit“, wie Peter Sloterdijk sein Buch über legitime und illegitime Nachfolge nannte. Dass im absolutistischen Zeitalter diese Fragen wieder aktuell wurden, ist interessant: Offensichtlich sollte damit den hohen Herren gezeigt und den Bürgern im Publikum der Gedanke nahegelegt werden, dass Erbe allein und auch der Zufall einer Heirat Herrschaft nicht hinreichend rechtfertigen können, sondern dass man auch, wie Giustino, Verdienste erwerben soll.

Dergleichen teilt sich indes auch ohne szenische Thematisierung mit, sodass Horákovás szenisches Arrangement vollkommen genügt, um das Stück zur Wirkung zu bringen. Thilo Ullrichs Bühnenbild setzt in die Mitte eine Art Fokus, in dem ab und zu das Glücksrad emblematisch rotiert, zu beiden Seiten ragen barocke Kulissen in Ruinenästhetik hinein. Eva-Maria Van Ackers Kostüme setzen auf glückliche Mischung von Barock, SEK und Dragqueen. Es ist genug los auf der Bühne, um das Stück auch in den Arien am Laufen zu halten, dabei verzichtet Horáková auf übertriebenen Aktionismus – es darf auch mal einfach nur gesungen werden.

Und das auf recht hohem Niveau: Christophe Dumaux in der Titelpartie scheint mehr um die allerdings auch überaus schöne Wirkung seiner Altstimme besorgt als Raffaele Pe in der Rolle als munter eitler, in der Höhe zuweilen etwas enger Anastasio. Kateryna Kasper macht die Arianna zur couragierten Hauptfigur, tatkräftig und empfindsam zugleich tönt ihr Sopran und überstrahlt nahezu alles. Siyabonga Maqungo enthüllt den düster gerüsteten und finster dräuenden Vitaliano als weichen Liebenden – schade nur, dass die tiefen Lagen dieser barocken Tenorpartie bei ihm zuweilen nicht hörbar sind. Olivia Vermeulen gibt dem Intriganten Amanzio trotz nur geringen Arienanteils so scharfes wie wohltönendes Profil.

Il Giustino 22., 25., 27. November, 2., 6. Dezember jeweils 19 Uhr in der Staatsoper Unter den Linden, Karten und Informationen unter Tel.: 030 20354555 oder www.staatsoper-berlin.de