Erzählte Emanzipation: „Dschinns“ im Gorki und „Das Ereignis“ im BE

Nurkan Erpulat inszeniert Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ im Gorki-Theater und Laura Linnenbaum „Das Ereignis“ von Annie Ernaux im Berliner Ensemble

Nurkan Erpulat hat Fatma Aydemirs Roman „Die Dschinns“ für das Gorki adaptiert: mit Taner Şahintürk, Çiğdem Teke, Melek Erenay, Doğa Gürer, Aysima Ergün und Anthony Hüseyin (v.l.).
Nurkan Erpulat hat Fatma Aydemirs Roman „Die Dschinns“ für das Gorki adaptiert: mit Taner Şahintürk, Çiğdem Teke, Melek Erenay, Doğa Gürer, Aysima Ergün und Anthony Hüseyin (v.l.).Ute Langkafel/Maifoto

Ein Dschinn kann vieles sein in der mystischen Gedankenwelt des Islam: ein Schatten, ein Mittler oder ein körperloser Stellvertreter des Menschen. In Fatma Aydemirs gleichnamigem Roman von 2022 steht er für das dunkle, tief ins Vergessen verdrängte Zentrum der Migrantenfamilie um Hüseyin und Enime. Anfang der 70er-Jahre kam sie aus der Türkei nach Deutschland und ist nun, kurz vor Hüseyins 60. Geburtstag, auf dem Sprung zurück in die Heimat. Er hat eine Wohnung in Istanbul gekauft und hofft, dass Emine und die vier erwachsenen Kinder nachkommen. Aber was ist schon „Heimat“ für diese sechs, die sich zwar immer als Türken verstanden, die meiste Zeit ihres Lebens aber in einer rheinischen Kleinstadt verbrachten? Und jetzt, als alles schön werden soll, bricht unerwartet die Katastrophe ein. Hüseyin stirbt, und noch ganz andere Geister der Vergangenheit steigen in der Familie auf.

Mit dem langsamen Vortasten der Hinterbliebenen in die je eigenen Lebensgeschichten hat Fatma Aydemir ihren Roman als eine Art Erinnerungsnetz gesponnen, dessen persönliche Erzählfäden aus mindestens sechs verschiedenen Richtungen immer näher an einen dunklen Punkt heranführen, in dem politische, traditionelle und persönliche Gewalterfahrungen sich unheilvoll verquicken. Dass Hüseyin und Emine in Wahrheit Kurden sind, kommt nur vorsichtig ans Licht, ebenso wie die Tatsache, dass sie ihr erstes Kind verschenkt haben und dieses nun in keine Kategorie mehr passen will, weder türkisch noch kurdisch noch Mann noch Frau ist.

Durchgerüttelte Szenenfolge mit vielen Spielstilen

Immer war der Druck des Kollektivs stärker als der Einzelne. Doch langsam steigen die Dschinns dieser Einzelnen an die Oberfläche und durchqueren nun die festen Bilder der Tradition. Nurkan Erpulat hat im Gorki-Theater eine musikalisch-melancholische Bühnenfassung davon entworfen, die mit großer Leichtigkeit versucht, all die Fäden dieser Familienerinnerungen in dicht choreografierte Bilder zu bringen. Dass der Roman selbst viel mit Zeitsprüngen arbeitet, macht es ihm leicht, die Szenenfolge nochmals durchzurütteln und alle möglichen Spielstile daran auszuprobieren. Das ist zwar unterhaltsam, aber auch problematisch.

Denn warum müssen die beiden eindrucksvollen Schauspielerinnen Çiğdem Teke und Aysima Ergün die unglücklichen Lebenserzählungen der Schwestern Sevda und Peri in lächerliche Comic-Karikaturen verkleinern, während Taner Şahintürk und Doğa Gürer die keineswegs bedeutenderen Geschichten des wütenden Hakan und seines schwulen Bruders Ümit in dramatisch ernste (Hakan) bis traumschöne (Ümit) Auftritte überhöhen dürfen?

Vor allem die Textgestaltung, mit der Erpulat seine dichte Bildchoreografie durch viel zu breite, besserwisserische Erklärmonologe ausknockt, bleibt schwach. Wären da nicht die magischen Momente, in denen Anthony Hüseyin, nonbinäre:r Sänger:in und rätselhaft multipersonale Schattenfigur des Abends, die Szenerie immer wieder dschinnhaft durchstreift! Eine wunderbar versteckte und dennoch dauerpräsente Figur, die alle Redseligkeit der anderen in sich verschluckt.

Pauline Knof, Nina Bruns und Kathrin Wehlisch, v.l.
Pauline Knof, Nina Bruns und Kathrin Wehlisch, v.l.Imago

Etwas, was ein paar Hundert Meter westlich im neuen Haus des BE nicht nötig ist, obwohl auch dort ein Prosawerk auf die Bühne kommt, das vor allem die Selbstfindung einer Person umkreist, die Verdrängtes aus dem Schacht des Vergessens holt. „Das Ereignis“ nennt die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux nüchtern ihren Versuch, eine Abtreibung zu beschreiben, die sie als junge Studentin selbst im Winter 1964 vornehmen lassen musste. Anders als Aydemirs und Erpulats wortreich poetisierende Rhetorik besticht Ernaux durch eine radikal nüchterne, immer selbstkritisch bohrende Sprache, mit der sie die damals strafbare Handlung als persönliche, gesellschaftliche und literarische zugleich analysiert. So erfrischend modern ist diese schonungslose Suche nach innen wie außen, dass das 60 Jahre zurückliegende Ereignis keinen Moment vergangen erscheint, auch wenn die Gesetze heute andere sind. Stigmatisiert bleibt Abreibung dennoch.

Schonungslose Suche

Genau diese suchende, erschütternde Nüchternheit beizubehalten ist die große Herausforderung einer Dramatisierung. Regisseurin Laura Linnenbaum umgeht sie geschickt, indem sie Innen-, Außen- und Reflexionsleben der Erzählerin auf die drei Schauspielerinnen Pauline Knof, Nina Bruns und Kathrin Wehlisch verteilt, die sich zwischen archaischer Erdkruste und spacigen Silbervorhängen auf der BE-Bühne ihren Weg suchen. Schön, wie die drei mit dem Dreck spielen, in den sie gestoßen werden, und ihn in ihre Schlüpfer stopfen. Die silbrigen Fortschrittsverheißungen glitzern scheel dazu. Ein starker, tiefschürfender Abend, der noch besser wäre, wenn am Ende nicht doch noch auf die Tränendrüse gedrückt würde.

Dschinns. Gorki, 6., 21. März, Karten unter Tel.: 20221115  oder www.gorki.de

Das Ereignis. 28. Februar, 1., 14., 15. März im Berliner Ensemble, Karten unter Tel.: 28408155 oder berliner-ensemble.de