Berlin - Kurz vor der teuersten Premiere in der Geschichte der Kudamm-Bühnen ging im März 2020 der Lockdown über Deutschland nieder. Das Theater hatte eine Million Euro ausgegeben für „Mord im Orient-Express“, schon mehr als 40.000 Karten verkauft. Und dann schlossen über Nacht die Läden, Schulen, Restaurants und Theater. Alle staunten die leeren Straßen an, das Ausmaß der Schließungen drang trotzdem nicht gleich ins Bewusstsein der Theaterleute. 

Die gingen nicht einfach nach Hause, um sich von dem Schock zu erholen und ihre Schränke aufzuräumen, nein. Intendant Martin Woelffer setzte die Premiere einfach ohne Publikum an, im Parkett nur enge Angehörige. Platz war ja genug da. Auch danach trafen sich die Schauspieler – darunter die Familie Thalbach mit Katharina, Anna und Nellie sowie die Geschwister Pfister – jede Woche zu zwei Durchlaufproben auf der Bühne. Pünktlich zum Ende des Lockdowns am 19. April 2020 wollten alle vorbereitet sein, um ohne Verzögerung durchzustarten.

Aus heutiger Sicht wirkt der damalige Eifer geradezu rührend naiv. Der Intendant, eigentlich gestählt durch 15 Jahre Abriss-Drohungen seiner Theater am Kurfürstendamm, sprach erschrocken von einer Katastrophe. Er war erst 2018 umgezogen ins Übergangsquartier Schiller Theater, nun musste er um die Existenz des Hauses fürchten – eine Privatbühne kann schnell pleite gehen. Sie lebt von den Einnahmen an der Kasse.

Der Vorhang hebt sich - immerhin!

15 Monate später steht der „Orient-Express“ immer noch im Depot. Woelffer aber sprüht vor Optimismus, verbreitet heitere Aufbruchstimmung. Es geht wieder los! Jetzt erst mal mit einem Gastspiel der Familie Flöz und all den zugehörigen Tests, Abstands- und Hygieneregeln, nur halb so vielen Zuschauern pro Vorstellung, aber immerhin. Der Vorhang hebt sich! Ein Jahr lang hat Woelffer wie alle Theater mit Planen, Verschieben und Absagen verbracht. „Jetzt wissen wir wieder, wie wichtig wir sind. Wir haben unser Publikum vermisst. Endlich gibt es wieder ein Ziel.“

In Wahrheit sind Woelffers Finanzsorgen heute größer als vor einem Jahr. Wenn er den „Orient-Express“ im Juli endlich neu aufs Gleis setzt, hat er erst mal nur Ausgaben und kaum Einnahmen. Denn die meisten der 40.000 Zuschauer haben ihre einst gekauften Karten dankenswerterweise behalten und können sie nun endlich einlösen. Derweil sind wie überall die Rücklagen lange aufgebraucht.

Die gehobene Stimmung findet sich unter allen privaten Theatern, die gerade der Krise zu entkommen suchen. Sie rührt auch daher, dass sie erstmals den Staat an ihrer Seite wussten. Woelffer sagt: „Wir fühlten uns gehört, nicht allein gelassen, hatten Ansprechpartner. Hilfsfonds wurden sofort aufgelegt. Der Kultursenator hat sich branchenübergreifend engagiert, auch für Klubs und Kinos. Das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, wie ich aus anderen Bundesländern weiß. Wir haben großes Glück mit Klaus Lederer.“

Der Kultursenator hat sich gekümmert

Ist es nicht Aufgabe eines Kultursenators, für die Kultur da zu sein? Nun – nicht für die gesamte Kultur. Klubs, Kinos und Privattheater fallen nicht in sein Portfolio, die Kulturverwaltung kontrolliert eigentlich nur die Institutionen, die sie auch fördert: Die Staatstheater beziehen Steuergeld. Privattheater dagegen zahlen Steuern – um es plump zu erklären. Das Publikum unterscheidet weniger.

Zu den Privaten gehören neben der Kudamm-Komödie zum Beispiel das Tipi, das Chamäleon, die Distel, der Wintergarten, das Kriminaltheater sowie die Häuser von Unterhaltungs-Riesen wie Stage Entertainment und Mehr! Entertainment. Staatstheater erwirtschaften im Schnitt nur 20 bis 30 Prozent ihrer Ausgaben, den Rest überweist das Land in Form von Subventionen. In die drei Opern Berlins mit ihrem aufwendigen Apparat und täglich wechselnden Spielplänen fließen jährlich immerhin rund 150 Millionen Euro.

Die Staatstheater zahlen die Gehälter an Schauspieler, Sänger, Musiker und Techniker weiter, auch ohne Spielbetrieb – in Form von Kurzarbeitergeld, oft aufgestockt. Den Angestellten blieb das tiefe Erschrecken erspart, mit dem Freiberufler während des Stillstands in die Zukunft blickten und existenzielle Not erkannten. Denn gleichzeitig fielen für viele Künstler Nebenjobs in der Gastronomie weg. Daher die Erleichterung, dass sie zumindest in Berlin vom Kultursenator wahrgenommen wurden und Soforthilfen bekamen. Unterdessen beziehen die meisten freien Künstler Hartz IV, wenn sie nicht aufgegeben und etwas anderes angefangen haben.

Start mit der Familie Flöz und dem Stück „Teatro Delusio“

Die Familie Flöz ist noch da. Bis 6. Juni tritt die stumme Masken-Company mit ihrer gefeierten Inszenierung „Teatro Delusio“ in der Komödie im Schiller Theater auf. Sie zeigt ein Drama, in dem sich vorn im Rampenlicht die Stars heißblütig produzieren, während hinten die Bühnenarbeiter böse mit Nichtachtung gestraft werden. Drei Darsteller in 30 Rollen, ein hitziges Kabinettstück voller Komik zum Lachen und Weinen – alles ein bisschen wie im richtigen Leben. Auch da bleiben all die Szenenbildner, Beleuchter und Techniker, die Auftritte erst ermöglichen, meist unbeachtet.

Die 30-köpfige Familie Flöz mit Sitz in Berlin ist im Ausland berühmter als zu Hause, hatte Erfolge in 45 Ländern. Internationalität gehört zu ihrem Wesen: Sie wollte nicht nur künstlerisch, sondern auch wirtschaftlich unabhängig arbeiten, ohne Fördermittel. Auf Deutschland begrenzt hätte das nicht funktioniert, so erschloss sie sich Auftrittsorte in der halben Welt. Das ist erstmal vorbei. Flöz-Mitbegründer Hajo Schüler sagt: „Freies Theater zu machen war nie einfach. Wir hatten Glück, dass unsere Art des Spiels über 25 Jahre so erfolgreich war. Corona hat die Perspektiven eingetrübt. Wir können nicht mal das nächste Frühjahr planen, müssen wohl bescheidener werden.“

In Deutschland hat die Gruppe Überbrückungsgelder bekommen. Bei ihren Bühnenfiguren, sagt Schüler, gehe es immer ums Scheitern, um Schwächen, die durch gemeinsames Lachen erträglich würden. „Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit dem Scheitern im realen Leben umgehen. Verlieren wir unseren Humor? Können wir auch über uns lachen?“

Am Ende bittet Hajo Schüler darum, dass die Familie Flöz in diesem Text bloß nicht wie eine Jammer-Truppe dasteht. Oh, das ist typisch, resümiert Intendant Woelffer: „Der Künstler an sich hat diesen unerhörten Berufsstolz. Positiv zu denken, niemals zu klagen, irgendwie zu überleben – das gehört zu seinem Ethos.“

Lieber für einen Sommer auf die Alm als frustriert abwarten

Und wenn alles schließt, geht er im Sommer auf die Alm: Kühe melken und Käse machen. Nein, nein, kein Witz, das erzählt Florian Zumkehr nach der Probe seines Soloprogramms „Wilt and Shine“ im Chamäleon. Zu erleben war der Ausnahme-Akrobat dort in einem rastlosen 50-Minuten-Durchlauf, in dem er am Ende keuchend auf anderthalb Meter hohen Kanthölzern auf zwei Armen balanciert – ein irrsinniger Anblick. Man kennt den Künstler auch, wie er einarmig auf Stapeln von Stühlen turnt, die ihrerseits auf Büchertürmen thronen. Er nennt sich selbst einen Handstand-Fachidioten.

Wir treffen uns draußen auf dem Hof. Nach dieser Anstrengung braucht er frische Luft ohne Maske. Hier im Chamäleon erlebte der Schweizer Florian Zumkehr 2007 sein Debüt in der Uraufführung der legendären Show „Soap“, frisch von der Berliner Artistenschule. Indessen trat er in 3500 Vorstellungen auf, inszenierte mit seiner Gruppe Analog die beste Performance der vergangenen Jahre im Chamäleon: „Finale“. Nach jahrzehntelangen Spitzenleistungen wird doch seine Zukunft nicht eine Alm sein? „Eher nicht, aber für ein paar Monate war es besser als gefrustet abzuwarten. Im Herbst will ich wieder auf Tournee.“

Bis dahin verordnet er sich ungeachtet fehlender Auftritte täglich intensives Training, absolviert es wie Zähneputzen – ohne Ausreden, ohne nachzudenken. Keiner Berufsgruppe setzen fehlende Auftritte mehr zu als Artisten und Tänzern mit ihrem so kurzen Berufsleben: Den Körper täglich über Stunden zu malträtieren und die Motivation allein aus sich selbst zu ziehen ohne Ziel, das ist hart. Vartan Bassil, Chef der Berliner Breakdancer Flying Steps, erzählt, dass sich seine Tänzer gegenseitig aufgebaut haben: Alles Überlebenskünstler. Aber wenn sie im September endlich wieder auftreten – mit dem grandiosen „Flying Bach“ im Wintergarten – werden dennoch einige fehlen.

Florian Zumkehrs Programm wurde vom Chamäleon erstmal nur gestreamt, Live-Shows plant das Haus ab Herbst. Direktor Hendrik Frobel und sein Team brauchen zwei, drei Monate Vorlauf für eine Inszenierung. Für die letzte Performance „Le Coup“ im März 2000 war am Tag nach der Premiere Schluss. Der nächste Anlauf ging im zweiten Lockdown unter, die Künstler haben sich längst in alle Winde verstreut. Jetzt will das Haus vorsichtig agieren. Frobel sagt: „350 Shows wie 2019 schaffen wir vorläufig nicht mehr.“

Das Schlosspark-Theater hat schon angefangen

Die anderen privaten Bühnen dagegen nahmen sofort die nächsten Vorstellungen ins Visier, als in der vergangenen Woche Lockerungs-Signale ankamen. Das Schlosspark-Theater hat schon angefangen, das Kriminaltheater füllt den Sommer mit Gastspielen und Open-Airs in Strausberg, bevor im September die nächste Premiere ansteht: „Acht Millionäre“. Tipi und Bar jeder Vernunft, die ihre Kulturveranstaltungen schon immer mit ihrem Event- und Gala-Geschäft querfinanzieren, starten am 8. Juli in beiden Zelten mit wechselnden Programmen. Happy sind sie alle, so groß die Unsicherheit auch sein mag.

Sie wissen, dass ihre Theater ohne Staatshilfen nicht überlebt hätten. Die Überbrückungsgelder blieben eher übersichtlich. Die Mittel von Bund und Land zusammengenommen reichten von rund 250.000 Euro für das Kriminaltheater über eine Million für das Chamäleon bis zu je 1,9 Millionen für die Komödie im Schiller Theater sowie Bar jeder Vernunft und Tipi. Das deckte vor allem die Betriebskosten.

Nur einer in der Riege hat – von Kurzarbeitergeld abgesehen – nichts abbekommen, das ist der Wintergarten. Wie kann das sein? Das glamouröse Varieté zählt zu den berühmten Unterhaltungstempeln der Stadt. Aber es gehört auch zu einem Immobilienunternehmen, offensichtlich äußerst kulturaffin. Das hat den Wintergarten, früher sein Mieter, 2009 übernommen, als er mit der Finanzkrise in die Insolvenz geschlittert war. Jetzt trägt es erneut die Verluste, ließ während der Schließung sogar großzügig umbauen. Der Staat springt nur ein, wenn sich coronabedingte Umsatzverluste eines Unternehmens auf 80 Prozent summieren. Davon dürfte der solvente Immobilienunternehmer glücklich entfernt sein.

Monika Grütters einen Hilfsfonds von 2,5 Milliarden Euro aufgelegt

Von nun an müssen sich die privaten Bühnen wieder zunehmend am Markt durchsetzen. Die sind zuversichtlich, aber in einem Sommer mit viel Sonne und wenigen Touristen  spielen auch Biergärten und Ausflugsziele hemmungslos ihre Anziehungskraft aus, alles lange vermisst. Dem Publikum sei noch zugerufen, dass kaum Ansteckungsrisiken in Theatern lauern, weil die schon letztes Jahr ihre Lüftungsanlagen auf den neuesten Stand gebracht haben. Man wird sehen, wie stark die Sehnsucht des Publikums ist.

Der Staat jedenfalls, in der Pandemie bis zum Erbrechen kritisiert, agiert hier besonnen und vorausschauend. Gerade hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen Hilfsfonds von 2,5 Milliarden Euro aufgelegt, um die Kulturbranche wieder in Schwung zu bringen. Er bietet unter anderem Ausfallversicherungen und Ticket-Aufschläge bei reduziertem Publikum, wohl vor allem für Großveranstaltungen gedacht. Aber auch Martin Woelffer wird das mit Erleichterung hören, sichert es doch Theatern wie seinem die Existenz.