Hat das Wort funktionieren etwas mit dem Funken zu tun? Im Theater ja. Da spricht man von einem funktionierenden Abend, wenn der Funke von der Bühne zum Publikum überspringt. Ein herrliches Erlebnis: Der gemeinsame Bewusstseinsstrom fließt, Emotionen und Gedanken rasten in eine Erzählung ein oder in den Flow der Erkenntnis, man fühlt und denkt miteinander, dass die Lichtblitze nur so spritzen.

Das kann mit den Mitteln der ästhetischen Überwältigung, der effektvollen Unterhaltung, dem Schrecken, dem Ekel vonstatten gehen, ja, es gab schon Abende, bei denen man die brummende Grundspannung der geteilten Langeweile in den Adern spüren konnte und getröstet ward. Der klassische Weg des Gemeinschaftserlebnisses ist die Identifikation mit den Figuren in ihren Situationen und in ihrer Entwicklung. Die teilweise bacchantischen Freuden der Stückzertrümmerung, die schillernden Listigkeiten der Selbstreferenz oder die kribbligen Irritationen der Postdramatik zeigen, dass Identifikation keine Grundbedingung für gelungenes Theater sein muss. Aber einen Funken braucht es.

Diesen Funken vermisst man in letzter Zeit häufiger. Nach den letzten beiden Gastspielbesuchen bei den Autor:innentheatertagen im Deutschen Theater drängt sich der Verdacht auf, dass er besonders selten bei den Hervorbringungen der Gegenwartsdramatik seine Lichtbögen schlägt. Und dies, obwohl organisatorischer und technischer Aufwand, das engagierte und schweißtreibende Spiel und nicht zuletzt die im Programmheft hinterlegten Ausführungen davon zeugen, dass die Theatermacherinnen durchaus die Wonnen der Inspiration genossen haben und genießen. Aber zumeist sitzt man doch verloren davor, allein gelassen, überfordert, unabgeholt, vergessen und dumm. Und wer dumm ist, ist natürlich selbst schuld. Oder?

Thomas Köcks Stück „Eure Paläste sind leer (all we ever wanted)“, das in den Münchener Kammerspielen im November vergangenen Jahres zur Uraufführung kam, ist geradezu beleidigend abgehoben. Der Schreiber hat sämtliche Voraussetzungsfesseln seiner Inspiration gekappt und schwebt so dahin, tüftelt an Klang und Rhythmus der Sprache, ruft Mythen und Narrative des literarischen Erbes auf, poetisiert die Abgründe der Menschheit und das bevorstehende Weltende.

Die individuelle Lebensgier des Menschen findet in Zynismus und Drogensucht ihren Ausdruck und wird von den verhängnisvollen Systemen des kolonialistischen Kapitalismus ausgebeutet. Die Menschheit vernichtet sich selbst, wir sitzen in mehr oder weniger naher Zukunft im Theater und sehen als handlungsunfähige Propheten dabei zu. Propheten, die ihren eigenen Wahrsprüchen nicht mehr folgen können, aber eigentlich doch so viel begriffen haben: Es ist zu spät.

Lauter Cracks, die was draufhaben

Jan-Christoph Gockel will da mit seiner Potenz als Regisseur nicht nachstehen. Das Ganze findet auf einer nachgebauten und abgewrackten Zuschauertribüne der Münchener Kammerspiele statt (Bühne: Julia Kurzweg). Die Schauspieler liefern teilweise sehr komische artistische Nummern und beweisen ihre sprachliche Gestaltungssicherheit. Die Live-Musik erfüllt in kleiner Besetzung große Progrock-Ansprüche. Es kommen Nebel, ein VW-Golf und ein Haufen Puppen zum Einsatz. Lauter Cracks zeigen, was sie draufhaben. Aber wo bleibt der Dramaturg? Irgendwie wurde vergessen, mal zu gucken, ob unten etwas ankommt von all dem Reichtum, der sich da verkippt.

Das Theater des Regisseurs Armin Petras kommt ästhetisch eher aus der Bescheidenheit. Er wurde mit „Milchwald“, dem in Bremen uraufgeführten Stück seines Schreib-Alter-Egos Fritz Kater, eingeladen. Hier gibt es laut Programmheft fassbare Figuren und eine Geschichte: Eine Gruppe von Bremern kümmert sich um eine Tschetschenin, die mit ihren fünf Kindern abgeschoben wird. Sie machen sich auf den Weg nach Osten, an die Grenze Europas, um sie zurückzuholen. Das Stück sucht nach den abgerissenen Strängen der Geschichte, die uns mit jener Gegend verbindet, es spielt mit der Fremdheit der kompliziert verschwatzten Kunststoffgegenwart und landet in der Natur und bei der Religion. Vor allem landet es im Irgendwie.

Jörg Landsberg
Wenig Raum für die Entwicklung von Figuren: Szene aus „Milchwald“ mit Ferdinand Lehmann und Lieke Hoppe

Ab und zu blitzen die alten Kater-Petras-Funken auf, wenn die sozial konkret verorteten und beschädigten Figuren sich in kurzen Szenen der Vergeblichkeit bewusst werden und trotzdem weitermachen. Aber die Inszenierung lässt ihnen keinen Raum: buchstäblich nicht, denn die Bühne ist mit pappebespannten Trockenbauelementen verbaut. Und sie lässt ihnen keine Zeit, alles geschieht hastig und wird von der nächsten Idee überholt.

Wer möchte gern der Spießer sein?

Auch hier wallen Nebel und spielt Musik und driftet einiges an poetisierendem Text vom Geschehen ab. Das nähme man in Kauf, driftete gern ein Stück mit, aber stattdessen ist man damit beschäftigt, die Konstellation der Figuren zu entschlüsseln, die sich nicht aus der Situation heraus ergibt, sondern schnell aufgestellt und textlich abgehakt wird. Sehnsuchtsvolle Erinnerungen an Petras-Abende mit solchen individuellen Schauspielern wie Milan Peschel, Fritzi Haberlandt, Anja Schneider oder Peter Kurth werden wach, die Bremer Spieler fummeln sich mit den Thesen und Problemen ihrer Figuren ins Arrangement, drücken anweisungsgemäß auf die Tube und bleiben bei aller Mühe laut und blass.

Auch hier hätte es einen mutigen Dramaturgen gebraucht, der sich dumm stellt, alles schon Erarbeitete und Zusammengedachte vergisst, sich in den Saal setzt und „Stopp mal kurz“ sagt, wenn er den Faden verliert. Man muss mutig genug sein, um in den Wolken der Inspiration, auf denen die Probengemeinschaft schwebt, den Spießer zu spielen und auf so etwas wie die Funktionstüchtigkeit einer Inszenierung zu achten. Könnte sogar sein, dass dann die Arbeit erst anfängt. Ein Theater, das nur sich selbst beeindruckt, verführt und betört, kann keine Funken schlagen. Am Wochenende enden die Autor:innentheatertage mit drei Uraufführungen, mal sehen, ob es britzelt.