Berlin - Es gibt in meinem Leben eigentlich nur zwei Menschen, bei denen ich fast immer gehemmt und nervös wurde, wenn sie mir begegneten: Patti Smith und Frank Castorf. Bei Patti, die ich in Bayreuth kennenlernte, lag es wohl daran, dass ich mich ihr gegenüber einfach nur als Fan verhalten und also mit ihr nur von meiner Begeisterung über ihre Musik und ihre Konzerte reden konnte, also über Dinge, die sie schon tausendmal gehört hatte und die sie von mir damals eigentlich nicht hören wollte, hatte sie doch gerade Christoph Schlingensiefs „Parsifal“-Inszenierung gesehen und hätte vom Dramaturgen eigentlich lieber etwas über die Aufführung erfahren. Das wäre ja auch normalerweise kein Problem gewesen, aber ich kam einfach aus meinem Fanmodus nicht heraus.

Mit Castorf, dessen Theater ich hier zu seinem 70. Geburtstag am Sonnabend würdigen darf, ging es mir seit unserer ersten Begegnung nach seinem „Wilhelm Tell“ 1990 in Zürich lange Zeit ähnlich. Ich erstarrte regelmäßig in Ehrfurcht und fand alles, was ich ihm sagen wollte, überflüssig oder unangemessen. Bei ihm war es nicht der Fanmodus, der mich blockierte, sondern seine Überlegenheit nicht nur als Regisseur, sondern auch als Dramaturg. Ich wusste, er brauchte keinen Dramaturgen, weil er mir eben auch auf diesem meinem eigenem Gebiet weitaus radikaler und inspirierter schien, als ich mir selber. Die Stück- und Romantexte, an denen wir arbeiteten, hatte er viel genauer gelesen als ich und war auf überraschende Nebenbedeutungen in den Werken gestoßen, die ich mir nicht hätte träumen lassen. Das begeisterte mich und beschämte mich gleichzeitig.

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