Freizeitöde und Nazigold

Zwei Uraufführungen in Berlin: René Pollesch reizt die Zukunft mit „Und jetzt?“ in der Volksbühne und Marius von Mayenburg die Vergangenheit mit „Nachtland“ in der Schaubühne.

„Und jetzt?“ von René Pollesch mit Martin Wuttke, Franz Beil, Milan Peschel.
„Und jetzt?“ von René Pollesch mit Martin Wuttke, Franz Beil, Milan Peschel.Volksbühne/Apollonia T. Bitzan

Es scheppert gewaltig an diesem Abend in der Volksbühne. Donner krachen, Blitze zucken und dann schlägts auch noch ein in Martin Wuttkes Regenschirm. Plötzlich hält er nur noch ein flackerndes Etwas in der Hand. Sofort zischt der nächste Blitz in den Schirm von Milan Peschel, und weil es gerecht zugeht im Theater des René Pollesch, schlägt es gleich auch noch ein bei Franz Beil. In den Schirm, natürlich, der wie bei den Kollegen entflammt. Ja, so einen richtigen Kracher, einen einschlägigen Energieschub braucht die Volksbühne im Grunde schon länger. Zwar heizt seit Saisonbeginn das Artistenspektakel „Ophelia's got talent“ von Florentina Holzinger die Betriebstemperatur ein bisschen an. Doch bleibt der alte Dampfer nur damit auf Dauer etwas klamm.

Das weiß auch René Pollesch, weshalb er das gewaltige Blitzgewitter am Wochenende gewiss nicht ohne ironischen Hintersinn inszeniert hat. Denn wenn die Hitze nicht von unten herkommt, aus der Spieltemperatur auf der Bühne, dann eben von oben. Dabei versammelt sich an diesem Abend auch unten ein Dream-Trio der Volksbühnenrecken, das dieses Schiff schon zum Schaukeln bringen könnte. Doch so einfach macht es Pollesch sich und uns nicht. Es geht ihm, dem Dialektiker, ja nie nur ums gute Funktionieren, sondern darum, das Theater gegen alle Erwartungen zu bürsten, das „größtmögliche Paradox“ darin zu denken, wie Martin Wuttke später rufen wird, und genau das auch zu inszenieren. Das tut Pollesch mit dem verschachtelten Arbeitertheaterabend „Und jetzt?“ auf schillernde Weise und er unterläuft zugleich auch wieder jeden Druck damit.

Dafür hat er eine Recherche des Performance-Kollektivs Andcompany & Co. ausgeliehen, das vor zwei Jahren das Stück „Horizonte“ von Gerhard Winterlich ausgrub. Winterlich hatte 1968 die tolle Idee, die so revolutionäre wie umstrittene Anwendung der damals neuen Kybernetik auf die Produktionsprozesse des Petrolchemischen Kombinats Schwedt zu übertragen und eine irre Verquickung von Arbeits-, Lebens- und Spielebene mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf die dortige Arbeiterbühne zu bringen. Die Arbeiter spielten sich selbst, Ingenieure, Werksdirektor und Parteisekretär, die berauscht und abgestoßen von der Strategie der leitungslosen Selbstoptimierung des Systems eine Sommernacht lang alle Identitäten und ideologischen Grundfesten unter den Füßen verlieren. Es war der unerhörte Versuch, Zukunft durchzuspielen, was ein Jahr später Benno Besson noch ein Stück weiterdrehen wollte, als er das Projekt überarbeitet von Heiner Müller an die Volksbühne holte. Und mit dem kleinen, schaurig-lässigen Arbeiter-Brainstorming „Und jetzt“ blickt Pollesch nun noch einmal aus unserer Gegenwart zurück nach vorne.

Das einst multifunktional glänzende Kulturforum des Schwedter Werks hat sich im Bühnenbild von Anna Viebrock in eine verlassene Freizeitöde gewandelt, in der zwei Schwimmbäder als Mülldepots dienen und das kleine Theater nur mehr durch Bauskelette erkennbar ist. Dass hier noch einmal etwas Dringliches, Aufrüttelndes stattfinden soll, glaubt niemand und doch hat der lässig aufschleudernde Milan Peschel im farbigen Overall und mit aggressiv schwingendem Baseballschläger die Szenerie schnell im Griff. Winterlich? Missstände im Betrieb? Ja, irgendwie sollen sie das jetzt spielen, aber viel interessanter ist doch, sich klar zu werden, was überhaupt wichtig ist am Spiel. Nämlich dass man in ein Denken kommt, „das einen zerreißt“. Das etwas Ungeheuerliches, Gegenläufiges in die Routine des Lebens injiziert und einen immer wieder aus sich selbst herauskatapultiert in etwas Neues. Und während Martin Wuttke und Milan Peschel in ihrer kindlich clownesken Intensität so dahinfabulieren, aus Nonsens herrliche Gedanken schrauben, inszeniert Pollesch mit Donner und Feel-good-Soundtracks eben diese paradoxen Gedankengänge drumherum. Ein bizarrer Abend, der selbst nicht weiß, wo und wann er spielt, aber wie immer bei Pollesch Blitze austeilt, die befreien.

Um eine andere Art Befreiung geht es Marius von Mayenburg in seinem neuen Stück „Nachtland“, das er einen Tag später in der Schaubühne uraufführte. Eine höchst zynische Befreiung allerdings, die Mayenburg spitzfedrig in eine schwarze Konversationskomödie verpackt hat. Besser: in eine braune, denn es geht um den nie versiegenden Zufluss aus deutschem Nazi-Erbe, das seine Profiteure bis heute auf die Probe stellt – verzichten oder zu Geld machen?

Mayenburg hat dafür ein Aquarell aus der Taufe gehoben, das zwei Geschwister auf dem Dachboden ihres verstorbenen Vaters entdecken und sich als Werk des verkrachten Künstlers Adolf Hitler herausstellt. Schund, klar, aber einer, der mehr als 100.000 Euro einbringen kann, sagt die Expertin. Und plötzlich entdecken die zwei bis dahin historisch vorbildlich selbstkritisch scheinenden Geschwister ihre Ehrfurcht vor diesem Schund und dessen obskuren Käufern. So abstrus es klingt, die Geschichte hat einen sehr realen Hintergrund und Mayenburg zeichnet in den aalglatt sich windenden Dialogen geschickt Gegenwartsmenschen, die sich in Fragen der Geschichte wie der Kunst immer so selbstverständlich auf der richtigen Seite meinen, wie die Mehrheit der Deutschen nie Nazis in der Familie gehabt haben will.

Genija Rykowa versteht es dabei am besten, diesen glitschigen Ton der vierköpfigen Erben-Gemeinschaft über die moralischen Klippen gleiten zu lassen, während Moritz Gottwald ihren Bruder leider nur als fischäugige Karikatur eines Naivlings gibt, der wiederum so gar nicht zu seiner übertrieben durchblickenden Frau Judith (Jenny König) passt. Sie, die Jüdin, bringt den Konflikt ins Rollen, weil nur sie erkennt, welche moralischen Verschiebungen die Aussicht auf Geld plötzlich in der Familie bewirkt. Und tatsächlich kitzeln ihre kleinen Einwände erschütternd leicht hervor, wie flink sich auch in dieser Runde Schuldargumente plötzlich umkehren, wie hauchdünn die Fassade deutschen Geschichtsbewusstseins ist. Dennoch fehlt dem Abend die klare Schärfe, denn auf der mit braunem Fell ausstaffierten, mythisch überhöhten Globe-Bühne verwackeln die Figuren dann doch zu leicht in die Farce.

Volksbühne, 10., 26.12., 7., 15.1., Tel.: 24 06 57 77; Schaubühne, 5., 6., 7.12., Tel.: 89 00 23