Im Unterholz der Jungfernheide: Gefängnisinsassen spielen Dürrenmatt

Das Gefängnistheater Aufbruch legt in der Jungfernheide eine actionreiche Aufführung von Dürrenmatts „Romulus der Große“ hin, die sich sehen lassen kann.

Die Germanen fallen über den Präfekten der römischen Reiterei her.
Die Germanen fallen über den Präfekten der römischen Reiterei her.Thomas Aurin

Die Abendsonne strahlt noch die Baumwipfel der Jungfernheide an, als das Ensemble des Gefängnistheaters Aufbruch auftritt. Die Bühne, auf der das bunte Gemisch aus Freigängern, Ex-Häftlingen und Schauspielern heute Abend spielt, ist eigentlich stillgelegt. Die Gustav-Voß-Freilichtbühne liegt seit vielen Jahren brach, das wuchernde Gestrüpp macht es schwer zu sagen, was Teil des Volksparks und was Bühne ist. Das Ensemble hat sie nur teilweise vom Unterholz befreit. Man wähnt sich (oder ist man es nicht wirklich?) in einem der germanischen Wälder, aus denen Fürst Odoaker und Theoderich loszogen, um das Römische Reich einzunehmen, um Romulus Augustus Westrom zu entreißen. Letzterer macht es ihnen nicht unbedingt schwer. Er will, dass die Germanen siegen, dass Rom untergeht.

Den Aufbruch-Regisseur Peter Atassanow begeistert an dem Stück die Art und Weise, wie Romulus sich vor der Welt und seinen eigenen Leuten, den Römern, verschließen muss, um gewissermaßen aktiv den Niedergang Westroms unterstützen zu können. Er beschließt, untätig zu bleiben, obwohl ihn seine Minister, der geflohene Kaiser Ostroms und sogar seine Frau und Tochter anflehen, den Einmarsch der Germanen zu stoppen. Aber Romulus bleibt hart. Der Kaiser von Westrom verbleibt Spargelwein trinkend auf seinem Landsitz und geht seinem liebsten Hobby nach: der Hühnerzucht. Denn er verachtet das Römische Reich für seine Kultur und seine blutige Vergangenheit.

Zur Gefängnisstrafe gehört auch der Entzug sozialer Anerkennung

Klar, das hat sich Dürrenmatt alles ausgedacht. Mit historischen Fakten hat das nicht viel zu tun. Aber in Atassanows Arbeitsalltag ist dieser Teil des Stückes, das Sich-Verschließen von Romulus, seine selbstreflexive Auseinandersetzung mit Rom und letztlich sein Entschluss, Konsequenzen aus der Vergangenheit zu ziehen, sehr real. Es ist eine der größten Herausforderungen für seine Kollegen, wie er die Gefängnisinsassen nennt, mit denen er arbeitet. Atassanow: „Zur Gefängnisstrafe gehört nicht nur der Freiheitsentzug. Für viele ist der Entzug der sozialen Anerkennung sehr schwer zu verarbeiten. In dieser Situation in sich zu gehen und mit der eigenen Vergangenheit abzuschließen, ist für mich das, was die Kollegen mit Romulus verbindet. Auf der Bühne und in den Proben kriegen sie ein Stück dieser sozialen Anerkennung zurück.“ Seit über 18 Jahren führt der gebürtige Dresdener Regie bei Aufbruch. Ebenso lange arbeitet das Theaterprojekt mit der JVA Tegel zusammen. In den vergangenen zehn Jahren sind drei weitere Berliner Anstalten hinzugekommen.

Im Knast gibt es viele andere Möglichkeiten, sich zu beschäftigen – mit Fußball etwa oder „in die Muckibude gehen“, wie Atassanow sagt. Man kann sich vorstellen, dass die beiden Optionen ein bisschen weniger von den Mitinsassen belächelt werden. Kurzum: Hier ist niemand auf der Bühne, der sich nicht dafür begeistern kann, Theater zu spielen. Und das merkt man auch dem Stück an. Ob es die gekonnt lakonische Spielweise ist, mit der Mikael Romulus spielt oder Moses Al-Khalils Auftritt als verzweifelter Präfekt der römischen Reiterei, der Romulus vergeblich vor den Germanen warnt und das Ganze mit halsbrecherischen Sprints durch das Dickicht der Jungfernheide akrobatisch untermalt. Dieses Stück macht von vorn bis hinten Spaß. Da stört es auch nicht, dass mit Einbruch der Dunkelheit irgendwo in der Nähe ziemlich vernehmlich ein Techno-Open-Air startet – wir sind schließlich in Berlin.

Kaiser von Westrom: „Yallah, geh mal arbeiten!“

„Romulus der Große“ ist eine Komödie und auch seinem Genre wird das Stück gerecht – nicht zuletzt durch die modernisierten Dialoge: „Yallah, geh mal arbeiten!“, so verscheucht Romulus Angestellte seines Hofstaats, die ihn mit politischen Themen von Hühnerzucht und Spargelwein ablenken. Man muss hier das urkomische Spiel von Para Kiala erwähnen, der gleich zwei Rollen übernommen hat: Den Geschäftsmann Cäsar Rupf und vor allem Odoaker, den Germanenfürst, der immer wieder genervt seinen etwas beschränkten und blutrünstigen Neffen Theoderich zurückhalten muss. Anders als bei Dürrenmatt darf Theoderich bei Atassanows Interpretation der Komödie allerdings weiterleben.

Als das Stück sich dem Ende neigt und Odoaker bis zu Romulus’ Residenz vorgedrungen ist, ist es schon stockdunkel. Die Bühne ist nun in bläuliches Flutlicht getaucht. Nachdem die Zuschauerinnen und Zuschauer aller Altersgruppen viel gelacht haben, erwarten nun alle gebannt das Aufeinandertreffen der beiden Herrscher. Es gestaltet sich friedlicher als erwartet. Denn: Auch Odoaker liebt die Hühnerzucht. Unter tosendem Applaus verbeugen sich die sichtlich stolzen 15 Schauspielerinnen und Schauspieler zwischen den Büschen der Jungfernheide.

Romulus der Große 24.–28., 31. August; 1.–4., 7.–11. September 2022, jeweils 19 Uhr, Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide, Zugang über: Kulturbiergarten Jungfernheide, Heckerdamm 274. Karten und Informationen unter: www.gefaengnistheater.de