Berlin - Kein Zweifel, Petra meint es gut. Die Welt braucht Aufklärung, kritisches Nachfragen, weshalb sie seit kurzem ein Videoblog betreibt. Petra will die Wahrheiten hinter den Halbwahrheiten suchen und tut das am liebsten im „Paunsdorf Center mit Cineplex“, wo sie quasi aufgewachsen ist zwischen Media Markt, Nanu Nana und Ditsch-Bäckerei. Sie kennt genau genommen keine andere Welt, als die des Einkaufscenters und ist folgerichtig Product-Placement Managerin geworden, ein Traumjob, auch wenn sie soeben erst aus dem Burn-out-Urlaub zurück ist. Inzwischen passierte Schockierendes im Center: Ihr Kamerad aus Kindertagen, Jan L., zündete sich vor dem zentralen Springbrunnen an und starb. Sein Bruder erzählte es ihr am Telefon, was sie im Vlog nun direkt an uns weiterreicht. Was war wirklich geschehen? Wollte Jan uns etwas mitteilen? War es ein Fanal oder pure Verzweiflung? Von nun an macht sich Petra zusammen mit uns und ihrem Handy auf zu Jans Bruder, seiner Mutter, seiner Ex und den Armeekameraden vom Afghanistaneinsatz, um zu verstehen.

Arno Declair
Eine Szene aus „When there’s nothing left to burn you have to set yourself on fire“.

Mit seinem Stück „When there’s nothing left to burn you have to set yourself on fire“, das nun vorab für die auf September verschobenen Autorentheatertage schon mal auf die Hinterhofbühne des DT kam, versucht Autor Chris Michalski eine Art Balance auf seidenem Faden. Über die Länge des Stücks folgen wir Petras Displayblick, der alle Reize des vermeintlich authentischen Vlog-Journalismus in sich vereint: immer ganz nah am Objekt, viele Stimmen kommen zu Wort. Zugleich treten Petras richtungslos wabernde Interviews auf dem Fleck, denn kritisches Fokussieren kennt die intuitive Authentizitätsjägerin nicht, jeder Befragte feiert zumeist nur seine je eigene, diffuse Selbstdarstellungsshow ab. Nach gut eineinhalb Stunden schauen wir so vollgequasselt und leergepumpt zugleich in die Naturkulisse des Theaterhinterhofs, wie die quirlige Petra-Darstellerin Katrin Wichmann zu uns auf die Tribüne.

Eine launige Nummernkomödie

Michalskis Versuch, die Social-Media-Manie nicht einfach zu denunzieren, sondern sich mimetisch selbst als naiv entlarven zu lassen, gelingt so nur bedingt, weil er sich in den ausufernden Wortschwall-Monologen ebenfalls nur zerstäubt. Regisseur Tom Kühnel fabrizierte jedoch zusammen mit den aufdrehenden Komödianten Anja Schneider und Manolo Bertling auf einer grotesk auf – und abschwellenden Kolosseums-Hüpfburg eine zwar etwas längliche, aber launige Nummernkomödie daraus. Etwas, das diese Uraufführung mit der Tage später folgenden Mythenparodie „Gaia googelt nicht“ von Nele Stuhler teilt.

Arno Declair
Nele Stuhler lässt ihre Schauspieler in „Gaia googelt nicht“ übertreiben.

Dort führte die Nachwuchskraft Sarah Kurze Regie und wie Kühnel kann auch sie sich ganz auf die Übertreibungslust ihrer Schauspieler verlassen. Denn Maren Eggerts blasierte Mutter Erde Gaia, Lisa Hrdinas burschikose Uranosverballhornung, Alexander Khuons verhuschter Kronos, Sarah Grünigs und Elena Riccardis verbrabbelte Mond-Sonne-Aktivistinnen und Harald Baumgartners lässiger Mythos himself können das Narrenschiff schon schaukeln. Dabei ist Stuhlers Text klar auf Parodie gebürstet: Wie es sich für eine Kritik der Schöpfungsmythen gehört, beginnt es beim A und endet, nachdem aus dem entspannten Gaia-Matriarchat das spalterische Zeus-Patriarchat gekrabbelt ist (bitte googeln), ebenfalls im wüsten Wortschwall. Stuhler folgt der alten Masche, ehrwürdige Allegorien als burleske Buddies von nebenan auftreten zu lassen und damit jede Weltordnung als verhandelbar zu begreifen. Witzig ist das, aber auch viel heiße Luft für heiße Sommerabende.

DT, Hoftheater. Karten, Termine sowie weitere Programmpunkte gibt es auf www.deutschestheater.de oder unter Telefon: 28 44 12 25.