Berlin - Dann ging es doch ganz schnell. Klaus Dörr ist nach MeToo-Vorwürfen im Einvernehmen mit der Senatsverwaltung für Kultur am Montagnachmittag von seinem Amt als Intendant der Volksbühne zurückgetreten. Ein Tag bleibt zur Übergabe von Projekten und Prozessen. Dörrs Amtszeit hätte eigentlich im Juni enden sollen.

Er hatte in einer tiefen künstlerischen und finanziellen Krise im April 2018 die Geschäfte des freigestellten Intendanten Chris Dercon kommissarisch übernommen, wurde vom Kultursenator Klaus Lederer Mitte 2018 als Intendant bis 2020 unter Vertrag genommen. Anfang 2019 wurde dieser Vertrag bis zum Sommer 2021 verlängert, um ausreichend Zeit zu haben, einen Nachfolger zu finden. Im Juni 2019 wurde als solcher René Pollesch präsentiert, der im Interview mit der Berliner Zeitung klarmachte, dass er einen neuen Führungsstil pflegen möchte. Wie das innerhalb der Stadttheaterstrukturen, die auf einen quasi allein herrschenden Intendanten hin organisiert sind, funktionieren soll, bleibt abzuwarten. So wird auch René Pollesch sämtliche künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Klaus Dörr mit dem Normalvertrag Bühne ans Haus holte, austauschen. So ist das üblich. Dieser Vertrag sichert die künstlerische Gestaltungsfreiheit des Intendanten, also seine Macht.

Klaus Dörr teilte mit, dass er für die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „die komplette Verantwortung“ übernehme. In einer Recherche der taz war am Wochenende berichtet worden, dass sich zehn Mitarbeiterinnen bei der Kulturverwaltung über ihn beschwert hätten. Der Sechzigjährige soll sexistische und frauenfeindliche Sprüche geklopft, übergriffige Avancen gemacht und anzügliche Blicke geworfen haben. Er gebe sein Amt im Einvernehmen mit der Kulturverwaltung auf, so Dörr. „Ich bedaure zutiefst, wenn ich Mitarbeiter:innen mit meinem Verhalten, mit Worten oder Blicken verletzt habe.“ Darüber hinaus bedauert er, „dass mir nicht gelungen ist, ein offenes und diskriminierungssensibles Klima zu schaffen, das Probleme rechtzeitig erkennt und es Mitarbeiter:innen ermöglicht, sich vertraulich mit ihren Fragen, Beschwerden und ihrer Kritik an die notwendigen und vorhandenen Stellen in der Volksbühne zu wenden.“

Die Übernahme von Verantwortung ist noch kein Eingeständnis eines Fehlverhaltens und erst recht keine Entschuldigung bei denen, die sich über ihn beschwert haben. Zu den Vorwürfen selbst sagt er nichts. Dörr bittet in seiner Erklärung, von weiteren Nachfragen abzusehen.

Es ist in der Tat schwer, die einzelnen beanstandeten Situationen zu rekonstruieren und zu bewerten. Die vielleicht wichtigere Aufgabe, die sich nach diesem für alle Beteiligten schadensreichen Vorgang stellt, lautet: Wie kann man solche Fälle verhindern? Wie soll man mit den Strukturen umgehen, die solche Vorfälle ermöglichen? Wie lassen sich Kontrollmechanismen verbessern, wie können Betriebsräte, Frauen- und Ensemblevertretungen ermächtigt werden, welche Modelle sind geeignet, eine Leitungskultur im Theater zu etablieren, die den Widerspruch zwischen der Begrenzung von Macht und künstlerischer Freiheit besser managt.

Just in dem Moment, in dem Klaus Dörr die Mitteilung über seinen Rücktritt veröffentlichte, begann im Abgeordnetenhaus die Sitzung des Kulturausschusses. Zu Beginn äußerte sich der Kultursenator: „Die Freistellung Klaus Dörrs ist Voraussetzung dafür, dass der Aufklärungsprozess fortgeführt werden kann“, sagte Klaus Lederer. „Es ist für die Beteiligten nicht zumutbar, täglich aufeinanderzutreffen.“  Es gehe aber nicht nur um diesen individuellen Fall, sondern um die strukturelle Dimension. „Ich würde gern wissen, was da schiefgelaufen ist.“

Lederer räumte ein, dass ihm bereits 2018 Gerüchte über Dörr zu Ohren gekommen seien. Nach einem Filmabend an der Volksbühne habe sich beim Bier ein Mitarbeiter an ihn gewandt. Er habe diesem gesagt, die Betroffenen mögen sich an die Senatsverwaltung wenden. Das sei nicht passiert. „Ich kann alle nur ermutigen, sich mit Vorwürfen an die entsprechenden Stellen zu wenden, denn auf der Grundlage des Verdachts kann ich nicht agieren und auch keine Personalentscheidungen treffen.“

Zuvor hatte die Armutsforscherin Nicole Lindner eine Petition aufgesetzt, die den Rücktritt oder die Kündigung Dörrs fordert. Zu den Unterzeichnern gehören Vereinigungen wie Pro Quote, das Aktivistenkollektiv Staub zu Glitzer, die junge Linke, aber auch Theaterschaffende wie Kevin Rittberger oder Angela Richter und sogar Klaus Dörrs Amtskollegin vom Theater Potsdam, Bettina Jahnke.