Die Stückemärkte von Heidelberg sowie des Berliner Theatertreffens und die Mülheimer Theatertage sind vorbei, die Autorentheatertage stehen am Deutschen Theater vor der Tür. Diese wichtigen Festivals, die die Gegenwartsdramatik fördern und feiern wollen, ignorieren weitgehend die Komödie. Der Trend geht ungebrochen zu Projekten, Installationen und Textflächen, die mit ihren formalen Originalitätsansprüchen zwar immer weniger ein uneingeweihtes Publikum erreichen und inzwischen auch die letzten interessierten Feuilletonisten abgehängt haben, aber bestens für interne Selbstdarstellungszwecke der Theaterbetriebe und ihrer Dramaturgieabteilungen geeignet sind.

In einem Social-Media-Post nach den Mülheim-Nominierungen fragte der Dramatiker David Gieselmann nach dem Verbleib der Komödien und nachdem seine Kollegin Rebekka Kricheldorf ihm zustimmte, hat die Berliner Zeitung die beiden eingeladen, ihren Unmut zu verbalisieren.

Haben sie sich mit ihren erfolgreichen Komödien im deutschsprachigen Theater etabliert – oder sich doch in eine Ecke manövriert, in der sie von den subventionierten Förderern nicht ernst genommen werden? Nun, die Missachtung härtet jedenfalls ab. Für die Ehrenrettung ihres Genres stürzen sie sich in aller Unvoreingenommenheit in die Suche nach Gründen für die Ignoranz. Hier der Dialog im Wortlaut. (use.)

Gieselmann: Verehrte Frau Kricheldorf, ich habe nachgezählt: Von sämtlichen Nominierungen und Gastspielen bei den drei wichtigen Festivals für neue Stücke – also Heidelberger und Mülheimer Stückemarkt sowie die Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin, den Stückemarkt des Theatertreffens braucht man nicht mehr mitzuzählen – kam ich auf drei Komödien. Von ungefähr 40 Stücken. Gut, das ist keine belastbare Statistik, und vielleicht bin ich auch eine beleidigte Leberwurst. Aber finden Sie das nicht auch frustrierend?

Kricheldorf: Tja, Komödienwüste Deutschland. Verehrter Kollege Gieselmann, ich will den von Ihnen genannten Festivals keine strikte Komikvermeidung unterstellen, waren meine Stücke, die in der Außenwahrnehmung durchaus als Komödien durchgehen, bei einigen schon häufiger eingeladen. Bei den Mülheimer Theatertagen fliege ich allerdings mit inzwischen schon ritualisierter Regelmäßigkeit in der ersten Runde raus, nicht immer, aber oft begleitet von recht harschen Worten. Gegen einzelne Ablehnungen konkreter Texte habe ich nichts, ich will ja nicht immer und von allen geliebt werden, aber oft sind die Argumente, die von der sogenannten Fachjury zu hören sind, nachgerade komödienfeindlich. Bestenfalls werden die Spielregeln der Komödie nicht goutiert, schlimmstenfalls schlicht nicht verstanden. Ich fühle mich manchmal wie ein Schmuddelkind, das aus Versehen in den Tempel der Hochkultur eingeladen wurde und das man schnell wieder loswerden will, bevor es die Gastgeber beim großen Festakt blamiert. Auch wenn man es mir jetzt (siehe oben) als beleidigten Leberwurst-Trotz auslegen wird: Ich bin mit diesem Status nicht ganz unglücklich.

Robert Frank
Rebekka Kricheldorf

In Freiburg geboren, studierte sie Romanistik an der Humboldt-Universität Berlin und Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin. Sie schreibt seit zwanzig Jahren Theaterstücke für verschiedene deutsche Stadttheater.

Im Herbst erscheint im Alexander-Verlag Dem Tod ins Gesicht lachen. Ein Plädoyer für Komik und die Feier des Absurden im Theater, drei Vorträge zur Saarbrücker Poetikdozentur.

Gieselmann
David Gieselmann

1972 in Köln geboren und in Darmstadt aufgewachsen, studierte er von 1994 bis 1998 Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin. Gieselmann hat mehr als 20 Stücke geschrieben, zuletzt „Villa Alfons“ über den Wirecard-Skandal im Auftrag vom Staatstheater Mainz.

David Gieselmann lebt mit Familie in Hamburg.

Gieselmann: Gerade wenn man von der allgemeinen Einschätzung ausgeht, dass eine Krise in der Welt die Chance für die Komödie im Theater ist, könnte man aus der obigen Statistik ableiten: So schlimm kann es um die Gegenwart nicht stehen, wenn nirgendwo Komödien gezeigt werden. Der andere mögliche Schluss: Die Komödie ist in der Krise – oder gar der deutsche Humor überhaupt. Man müsste nur klarstellen: Kann etwas in der Krise sein, das womöglich gar nicht existiert? Ich nehme ihr Stichwort auf: Servicewüste, Pardon Komödienwüste. Oder gilt, was Robin Williams einmal auf die Frage geantwortet hat, warum es in Deutschland so wenig Humor gäbe: Vielleicht weil ihr alle lustigen Leute umgebracht habt?

Kricheldorf: Vielleicht hat er sogar recht. Obwohl ich ja denke, dass das vielbeschworene deutsche Humorproblem noch tiefer in die Geschichte zurückreicht. In dem (übrigens sehr lesenswerten) Buch „Erzählende Affen“ stellen Friedemann Karig und Samira El Quassil die These auf, dass im 18. ins 19. Jahrhundert in Deutschland zwei Milieus den Ton angaben: das Militär und die Akademie. Bester Humus für so schöne Tugenden wie Pflichterfüllung und Gelehrsamkeit, nicht aber unbedingt für Humor und Sinnenfreude. Vielleicht haben wir tatsächlich noch immer mit diesem Erbe zu kämpfen? Nach so manchem Theaterbesuch habe ich stark den Eindruck. Meine Theaterauffassung weicht doch sehr von der herrschenden ab. Ich glaube fest daran, dass ein Theatererlebnis auch lustvoll und irgendwie dreckig sein kann, daran, dass, frei nach Jane Austen, Sinn und Sinnlichkeit sich nicht ausschließen müssen und man auch ein bisschen, pfui, Spaß haben darf – ja, nicht nur die Spielenden, sondern auch das Publikum. Gerne dürften auch während der Vorstellungen Hühnerbeine (aus Seitan) geknabbert werden wie zu Shakespeares Zeiten, aber das gibt das Theater in seiner heutigen Form, als bildungsbürgerliche Anstalt der Moralvermittlung, leider nicht mehr her. Aber es besteht auch Anlass zur Hoffnung. Es zeigen sich neue, komödiantische Talente, die auch breit wahrgenommen und geschätzt werden. Ich sage nur: Nora Abdel-Maksoud!

Gieselmann: Sie ist toll, ja!

Kricheldorf: Eine erfreuliche Ausnahme. Warum, glauben Sie, haben die jüngeren Kolleginnen und Kollegen so selten Lust, sich in diesem Genre zu versuchen? Ist es nur die böse Marktlage oder auch eine grundsätzliche Komik-Skepsis?

Gieselmann: Vermutlich eine Mischung aus beiden – was ich nicht zu sehen bekomme, kann ich auch nicht selbst schreiben wollen. Die Populärkultur, wenn ich das Theater mal ganz flapsig dieser zurechnen kann, hat einen Motor schon in der Nachahmung. Als ich jung war, habe ich in der Baracke irgendwann „Fette Männer im Rock“ gesehen, eine Komödie von Nicky Silver, und dann habe ich gedacht: Wow, sowas will ich auch schreiben. Und dann habe ich das auch versucht. Aber wo sind denn 2022 fette Männer in Röcken, wenn man sie braucht?

Entlarven heißt nicht diskriminieren

Kricheldorf: Hinzu kommt, dass die Anforderungen der Wokeness immer mehr Themengebiete zu Sperrzonen fürs Witzemachen erklären. Man verstehe mich nicht falsch: Ich finde es durchaus wichtig, sich immer die Frage zu stellen, wer sich hier mit wem verbündet, um über wen zu lachen, denn Humor ist nicht zuletzt auch eine Machtfrage. Aber für viele scheint die Unterscheidung zwischen entlarvendem und diskriminierendem Witz so kompliziert zu sein, dass man sicherheitshalber gleich das gesamte Vorhaben „Komik“ in die Tonne tritt.

Gieselmann: Noch etwas: Es gibt in der deutschsprachigen Theaterlandschaft viel zu wenige Regisseurinnen und Regisseure, die bereit sind, sich in den Dienst einer Komödie zu stellen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Komödie gewisse Gesetzmäßigkeiten mit sich bringt, die man bedienen und im handwerklichen Sinne beherrschen muss, und diese Gesetzmäßigkeiten stehen konträr zu dem enormen Druck, dem Regieleute ausgesetzt sind, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Du musst in dieser Regietheaterlandschaft möglichst rasch eine stilistische Signatur haben, eine Marke setzen, die erst einmal gar nichts mit irgendwelchen Arbeitswegen eines Theatertextes zu tun hat, und eben noch viel weniger mit denen einer Komödie. Im Zweifelsfall passen die Regieführenden den Text ihrem gesuchten oder gefundenen Style an. Und diese Styles sind halt leider selten lustig. Oder sehe ich das zu drastisch?

Ein grundsätzliches Wertschätzungsproblem

Kricheldorf: Absolut nicht! Regieliche Profilneurosen, die der Markt befördert, sind Sache der Komödie auf jeden Fall sehr hinderlich. Glücklicherweise durfte ich auch schon Ausnahmen erleben, also Regisseurinnen und Regisseure, die die Komödie durchaus ernst nahmen und dennoch nicht das Gefühl hatten, ihren Stil verleugnen zu müssen. Ich glaube, wir haben es hier außerdem mit einem grundsätzlichen Wertschätzungsproblem, wenn nicht gar einem kompletten Missverständnis zu tun. Der Deutsche verwechselt gern Ernst mit Ernsthaftigkeit und das Lachen mit dem Lächerlichen. Was lustig ist, kann ja wohl nicht relevant sein! Eine Komödie, die ihr Sujet ernst nimmt? Wichtige Anliegen in komischem Gewand? Unterscheidung zwischen Figurenrede und Autorinnenmeinung? Aufklärung durch Komik? Subversives Lachen? Ironie und Übertreibung als Mittel der Verdeutlichung? Wird oft nicht verstanden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass inzwischen die einzige gestattete theatrale Ausdrucksform das Pamphlet ist, oder die Predigt.

Gieselmann: Vor einiger Zeit habe ich ein sehr schönes, neues Wort gelernt: Ambiguitätstoleranz. Die scheint uns abhandengekommen zu sein. Ohne das Ambige, Zweideutige ist für mich Komik allerdings nicht denkbar.

Kricheldorf: Haben Sie noch mehr Wörter, die Sie mir beibringen könnten? Ich liebe schöne neue Wörter!

Lachen ist der Schreck der Erkenntnis

Gieselmann: Vorerst hänge einfach noch was hinten dran: Ambiguitätstoleranzresilienz. (Bitte dreimal laut lesen!) Das ist also die Anpassungsfähigkeit an die Tolerierung der Ambiguität. Haben Sie es? Damit treffen wir den Kern der Komödie. Denn die Komödie konstruiert stetig ebendies, was wir Ambiguität nennen, im Sinne von sehr durchschaubaren Synthese-Modellen im Kleinen: Ich weiß, warum sich die Figur der Komödie für A oder B entscheidet – nämlich für C. Ich verstehe es, und deshalb lache ich. Und hier liegt noch ein Grund für die Komödien-Skepsis im deutschsprachigen Theater: Lachen ist das Erschrecken über Erkanntes – aber das Regieführen, wie es hier derzeit populär ist, möchte möglichst unklare Räume stiften, erkenntnisskeptische Kunsträume.

Kricheldorf: Finden Sie? Ich hab eher den Eindruck, dass die unklaren Räume immer stärker einem großen Sendungsbewusstsein weichen, einem trügerischen Bescheidwissen.

Gieselmann: Schließt sich das aus? Vielleicht müssen wir das Regietheater mit Tarnerkenntnissen unterwandern. Damit die Regie bloß nicht merkt, was es zu verstehen gibt, und alle anderen darüber erschrecken und lachen können. Klingt nach einem klassischen Slapstick.