Berlin - Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der sexuellen Übergriffigkeit haben zur Demission von Klaus Dörr als Intendant der Volksbühne geführt. Damit ist das Thema aber noch lange nicht erledigt, sondern treibt die Theaterwelt um. Leander Haußmann kennt den Betrieb aus über 30 Berufsjahren als Schauspieler, Regisseur und Intendant. Außerdem ist er Vater dreier Töchter. Wir sitzen an einem der ersten Frühlingstage in einem schattigen Hinterhof in Prenzlauer Berg und reden über Probenexzesse, Theatersitten und Missverständnisse, bis uns kalt ist.

Herr Haußmann, Sie haben am Theater Erfahrungen als jemand gesammelt, der Macht hat, und als jemand, der Macht ausgesetzt ist. Hat jemand Ihnen gegenüber seine Macht missbraucht?

Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, mir gegenüber Macht auszuüben oder mich gar zu demütigen. Das ist mir in meinen über 30 Jahren bei Theater und Film nicht zugestoßen. Die konnten mich alle mal. Als Kind, als Lehrling, als Matrose, auch als Schauspielstudent – da gab es Demütigungsversuche, aber die perlten an mir ab. Als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, weiß ich, dass ich mich mit den absurdesten Machtverhältnissen arrangieren kann, ohne gebrochen zu werden.  Und die einzige Macht, die mich das Fürchten lehren konnte, war die Macht der Liebe. Oder besser die Ohnmacht der unerwiderten Liebe. Wenn man jemanden liebt, gibt man die Zügel aus der Hand und unterwirft sich.

Und die Zügel in der Hand zu haben? Macht Ihnen das Spaß?

Ich war nie, weder beruflich noch privat, an Macht interessiert. Ich habe sie nie genossen oder sie benutzt oder gar mich in ihr gesuhlt. Weil ich den Spaß daran auch nie verstanden habe, konnte ich sie vielleicht auch nicht gewinnbringend einsetzen. Das war eine Seite am Intendantensein, die mich abgeschreckt hat: das Übermaß an Befugnissen und die damit zumeist unangenehme Abhängigkeit anderer. Die mich das auch teilweise spüren ließen, durch Misstrauen und Distanz. Hier wir, du da. Wir unten, du oben. Dieses Vorurteil musste ich in Bochum ganz schnell versuchen abzubauen.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Theatermann

Leander Haußmann wurde 1959 in Quedlinburg geboren, studierte Schauspiel in Berlin und spielte in verschiedenen Theatern, unter anderem in Gera bei Frank Castorfs legendärer „Clavigo“-Inszenierung (1986).

In den 90er-Jahren war er als Regisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar tätig. Von 1995 bis 2000 war er der Intendant des Schauspielhauses Bochum. Er inszenierte unter anderem im Berliner Ensemble, im Wiener Burgtheater und zuletzt in der Volksbühne.

Einem breiteren Publikum ist Leander Haußmann auch als Filmregisseur bekannt. Seinen Durchbruch erlebt er mit den Filmen „Sonnenallee“ (2000) und „Herr Lehmann“ (2003). Zuletzt erschien „Das Pubertier“ (2017).

Ist heute weniger erlaubt?

Ich will nichts verklären, aber ich wünsche mir manchmal die Zeit zurück, in der das Theater noch unschuldig war. Als es einzig und allein dafür da war, ein Ensemble zu entwickeln und zu pflegen, sich politisch zu positionieren oder Autoren zu entdecken. Ich war mal ein Teil davon und vermisse das heute. Diese Unschuld müssen wir zurückgewinnen. Rassismus und Sexismus sind jetzt nur so stark in den Vordergrund gerückt, weil wir es zu spät gemerkt haben. Erst dadurch konnte es so groß werden. Wir können doch nicht Ibsen und Tschechow reflektieren und gleichzeitig barbarischer handeln als die Figuren. Klar gehört der Exzess zum Theater. Aber gerade deshalb sind Feinfühligkeit und Selbstreflexion geboten. Das Theater ist eine Angelegenheit von Leuten, die ihre Scham überwinden: Wir machen uns nackt voreinander. Und der Regisseur muss sich auch nackt machen, das ist ein gefährlicher Moment, aber ohne diesen Moment geht es nicht. Und dazu gehören eben Talent und Handwerk.

Wie dürfen wir uns diesen gefährlichen Moment bei Ihnen vorstellen?

Meine Proben sind keine Seelenstochereien, das überlasse ich den Psychotherapeuten. Ich versuche, meine Proben zu pragmatischen und spaßigen Angelegenheiten zu machen. Damit der Zuschauer am Ende die Anstrengung nicht merkt und damit der Schauspieler angstlos und frei probieren kann. Eine solche vertrauensvolle und sichere Atmosphäre zu schaffen, ist paradoxerweise harte Arbeit. Und sie führt dazu, dass manche Schauspieler sich auch Freiheiten nehmen, die mir als Zuschauer vielleicht peinlich werden. Den Schauspieler zu schützen, ist wohl der wichtigste Teil meines Berufs. Gefährliche Momente? Das klingt so verdrießlich und existenziell. Ich will das Leben feiern. Ich tendiere immer mehr zu Salonkomödien mit Menschen in gut sitzenden Anzügen, die kluge und witzige Dinge von sich geben und die wissen, wie man ein Cocktailglas zu halten hat. Ich erschrecke selbst vor diesem Gedanken. Auch im Leben umgebe ich mich lieber mit intelligenten, humorvollen Menschen. Aber heute kann ich nicht mehr ins Theater gehen, ohne dass mir irgendwas am Leben gründlich vermiest wird. Die Bühne ist dunkel, Lachen ist verboten, der Sex ist schlecht und kalt, die Menschen fügen einander Schmerzen zu.

Das klingt ein bisschen abgekühlt. Wie war es denn in Ihren frühen Theaterjahren?

Abgekühlt? Nein. Ich verstehe da nur keinen Spaß. Wenn anderen Gewalt zugefügt wurde im Namen des Theaters, fühle ich mich berufen, das zu klären, und ich ärgere mich, wenn es so rüberkommt, als wäre das normal, als gehörte das praktisch zum Berufsbild. Ich bin im Osten und in der tiefsten Provinz gewesen, dort haben wir geprobt, natürlich gefeiert und uns entsprechend verdammt ernst genommen. Von Parchim aus die Welt retten war die Devise. Wir waren begabt, hübsch und natürlich naiv. Na klar haben wir uns geliebt, im Theater geschlafen, mitunter auch miteinander. Wir waren jung und ohne Macht, also machtlos. Das ist die schönste Zeit.

Gab es damals keine Verletzungen?

Ich bin extrem harmoniesüchtig. Wenn ich jemandem wehgetan habe, dann war das nicht mit Absicht und schon gar nicht mit Genuss. Wer kann das wissen? Beziehungen sind kompliziert. Ich habe nie verstanden, warum es Regisseure gibt, die aus der Unruhe und dem Unfrieden schöpfen. Das ist nicht mein Ding. Schauspieler zum Weinen bringen oder sie so lange zu demütigen, bis ihr Selbstzweifel ins Unermessliche steigt. Jeder Schauspieler will, dass man mit ihm arbeitet, ihn besser macht, und deshalb ist er bereit, sehr viel auszuhalten. Aber auch das ist eine Frage der Verabredung. Jedenfalls hetze ich die Leute nicht aufeinander. Ja, ich schreie. Ich entschuldige mich meistens schon vorher und nachher sowieso. Es kommt über mich. Das ist scheiße, ich weiß. Als Regisseur oder Intendant ist man verpflichtet, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Dinge gleich angesprochen werden können. Der Abstand zwischen Chefetage und Kantine ist zu groß geworden. Ich bin ansprechbar, auf der Probe, wenn ich mich beruhigt habe, und danach. Ich sitze in der Kantine, am Stammtisch, da sitze ich noch lieber als in der Probe, da kann jeder kommen und mit mir reden, ohne dass er mit Konsequenzen zu rechnen hat.

Was machen Sie, wenn Sie eine Schauspielerin begehren, die von Ihnen abhängig ist?

Schauspielerinnen sind nicht abhängiger von mir, als ich es von ihnen bin. Wir teilen uns die Arbeit und sind dabei gleichberechtigt. So will ich das übrigens auch in meinem Privatleben. Leute unter Druck zu setzen, um sie gefügig zu machen, das würde mir gar nicht in den Sinn kommen. Wenn du diese Sachen nicht auseinanderhalten kannst, dann bist du ein Dilettant des Theaters und des Lebens sowieso. 

Von der Machtkonstellation her sind Schauspieler im Theater aber nicht gleichberechtigt, schon weil sie jederzeit kündbar sind.

Dann muss man diese Augenhöhe schaffen. Es sollte am Theater niemandem die Macht gegeben sein, Gunst und Strafe willkürlich, unkontrolliert und nach eigenem Gusto zu verteilen. Der Regisseur braucht keine Macht, er braucht Vertrauen. Um einem Theaterstück in die Seele zu sehen, muss man auch an Grenzen gehen, Theater heißt sich zeigen. Das gehört alles in den geschützten Probenprozess. Wer da hineinguckt, ohne dazuzugehören, könnte die Dinge missverstehen und verwechseln. Das Ganze wäre so, als käme man im Anzug an den Nacktbadestrand. Aber das ist jetzt zu salopp für unser Thema. Die Leute, um die es hier geht, die ihre Macht ausnutzen, um einen Lustgewinn zu erzielen oder gar an Frauen heranzukommen, zerstören das Theater. Diese Leute müssen entfernt werden. Das gilt nicht nur für alte weiße Männer.

Was soll jemand tun, der sich verletzt fühlt?

Der soll das ansprechen. Das sollte eben kein Problem sein in einer Atmosphäre, für die der Regisseur oder der Intendant verantwortlich ist. Und so funktioniert es in der Regel auch. Aber wenn es kein Vertrauen gibt, wenn man die Sachen lieber für sich behält und einem keiner zur Seite steht, dann staut sich das an, und am Ende weiß sich einer nicht mehr zu helfen und geht zur Presse. Dann ist der Drops gelutscht.

Was, wenn jemand spricht, und es wird ihm nicht geglaubt?

Wenn du über Kopfschmerzen klagst, kann ich nicht sagen, das ist nicht so schlimm. Du bist derjenige, der die Schmerzen hat. Und wenn du mir sagst, ich habe dir mit dem Ellbogen vorhin gegen die Schläfe gehauen, dann sage ich doch nicht, du spinnst. Dann halte ich kurz inne, reflektiere mein Verhalten – und gegebenenfalls entschuldige ich mich. Einen Fehler zuzugeben, das kann so entspannend sein! Oft ist die erste Reaktion: Ich war’s nicht. Wie im Kindergarten! Nur dass man da nicht gleich mit dem Anwalt droht. Und dieses: Ich bin in einer anderen Zeit groß geworden … Das ist eine Ausrede! Ja, fuck off, das sind wir alle! Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, Freundlichkeit, Charme und Verantwortungsbewusstsein galt damals auch schon.

Wie kann man einen Konflikt austragen, wenn der eine alle Macht hat und den anderen kaltstellen und entlassen kann?

Es gibt dafür kein funktionierendes System, es reicht kein Büro, wo „Gleichstellungsbeauftragte“ an der Tür steht. In der DDR gab es eine Konfliktkommission. Ich will das nicht hochhalten, weil die natürlich mehrheitlich rotlackiert waren und ich sehr unangenehme Erinnerungen mit denen verbinde. Aber diese Kommission hat erst einmal versucht, die Sachen innerhalb des Theaters zu klären. Und dann gab es den Künstlerisch-ökonomischen Rat, der KÖR bestand aus Schauspielern, mit denen über die nächste Besetzung gesprochen werden musste.

War das ein Mitbestimmungsgremium?

Vielleicht hatte der KÖR nicht das Recht auf Mitbestimmung, aber auf Mitsprache. Verhindern konnte er nichts, aber er konnte das Augenmerk des Regisseurs auf Schauspieler lenken. Ich weiß nicht, gibt es eine Erhebung über Machtmissbrauch in den DDR-Theatern? Schon durch die Kontrolle der Partei und dadurch, dass die Schauspieler fest angestellt waren und nicht einfach gekündigt werden konnten, lag die Macht nicht allein beim Intendanten. Die Nachteile liegen auf der Hand, aber Machtmissbrauch war unter diesen Bedingungen vielleicht gar nicht so einfach.

Wie kann man heute die Macht von Intendanten kontrollieren?

Ich fände eine rotierende Konfliktkommission gut. Und ich würde diese jährlich kündbaren Verträge als sittenwidrig einstufen, es sei denn, der Schauspieler will sich nicht länger binden. Unter drei Jahren sollten Schauspieler nicht fest an einem Theater arbeiten. Ich wäre als Intendant froh, wenn es Strukturen gäbe, die mich kontrollierbar machen. Vielleicht sollte der Schauspieler verpflichtet sein, immer einen Zeugen dabeizuhaben. Kein Intendantengespräch mehr unter vier Augen, sondern unter sechs oder acht. Das sollte so Usus sein, von vornherein, dass sich der Intendant nicht hinterfragt fühlen muss. Wie gesagt, Sicherheit, Vertrauen und entsprechende Strukturen, die das ermöglichen. Es geht um Angstfreiheit. Die daraus resultierende Freiheit, die uns zu großen Ergebnissen führt, nur darum darf es hier gehen. Regisseur ist man nicht von Gottes Gnaden. Einer für alle, alle für einen, das wäre mein Ideal seit frühester Jugend.

Ist es Zeit für einen Generationswechsel?

Viele Dinge würden sich von selbst lösen, wenn man junge Leute auf die Leitungsposten setzen würde. In Berlin zum Beispiel ist ein Generationswechsel längst fällig. Damit schließe ich mich leider aus. Obwohl es mir natürlich in den Fingern juckt, schon allein des monatlichen Gehalts wegen. Aber vielleicht können dann die jungen Intendanten ihre Dankbarkeit dahingehend zeigen, indem sie mich das jährliche Weihnachtsmärchen inszenieren lassen. Diese Aufgabe würde mich wirklich glücklich machen.