Die Schauspielerin Mareile Blendl war Mitglied im Berliner Ensemble und spielte unter der Intendanz von Claus Peymann. Sie reagiert mit einem Brief auf ein Interview, das die Theaterlegende der Berliner Zeitung vor ein paar Tagen gab und bei dem es unter anderem auch um die Liebe geht. Die Liebe zum Theater und zu den Schauspielern. Eine Liebe, die sich nicht nur in Eintracht und Harmonie zeigt, sondern auch in Konflikten und im Ringen um die Kunst. Deshalb werde mitunter auch gebrüllt, aber die Schauspieler, so Peymann, „die lieben mich auch, trotz oder wegen meiner Brüllerei“. Dieser Satz war es, der Mareile Blendl dazu brachte, einen Wutbrief zu schreiben, den sie zuerst auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte. Weil Claus Peymann in dieser Zeitung zu Wort kam, soll auch diese Antwort hier mit wenigen Kürzungen veröffentlicht werden. (use.)

„Sehr geehrter Claus Peymann, nehmen Sie das zurück!

In ihrem Interview, dass Sie der Berliner Zeitung gegeben haben, unterstellen Sie ‚Ihren Schauspielern‘, zu denen auch ich einmal gehörte, dass wir Sie lieben, gerade weil Sie uns angebrüllt haben. Bitte! Nehmen Sie das zurück. Ich habe Sie nie geliebt. Ich kenne auch keine Kolleginnen oder Kollegen, die das tun. Niemand wird gerne angebrüllt. Es ist kein künstlerischer Vorgang. Es ist Missbrauch. Von Macht. Ich werde jetzt einmal zurückbrüllen (...)

Mit gesenktem Haupt habe ich das Berliner Ensemble verlassen. Ihr kleines Königreich. Mitten in Berlin. Wir waren Ihnen ausgeliefert. Ihrer Gnade. Oder Ungnade: ‚Was spielst du denn da?! Arschloch!‘ Keine ungewöhnliche Anrede. Sie konnten es sich leisten. Denn der Schauspieler, mit dem Sie so gesprochen haben, der war ja unfähig Ihre Visionen umzusetzen. Unbegabt! Und selber schuld, dass man ihn beschimpft. (...)

Der Unbegabte waren Sie! Es ist, wie Sie selber sagen, die Aufgabe eines Regisseurs, von ‚unten‘ aus dem Parkett, zu spiegeln, ob das, was sich auf der Bühne abspielt, funktioniert. Eine verantwortungsvolle Aufgabe! Es erfordert viel Talent, Menschen zum Strahlen zu bringen, sie dabei zu unterstützen, das Beste aus sich herauszuholen. Sie haben uns nicht einmal gesehen. Sie waren mit sich selbst beschäftigt. (...)

Zum Teufel mit der Liebe!

Erinnern Sie sich an die Inszenierung von Handkes ‚Untertagblues‘? Ein Misanthrop fährt Bahn und beschimpft seine Mitfahrer, die ihn, Kunstgriff, nicht hören können. Eine Weiterentwicklung der ‚Publikumsbeschimpfung‘. Die Ensemblebeschimpfung. Wir, nahezu das komplette Ensemble, waren verdammt, die beschimpften Fahrgäste darzustellen. Stumm saßen wir da, übten wochenlang (...). Tief aus der Mottenkiste gegriffene Klischees.

Jede verdammte Bahnfahrt war hundertmal so aufregend wie unser Stück. Warum das so war? Lässt sich einfach erklären: Statt Bahn zu fahren, ließen Sie sich chauffieren. Was sich in der Berliner S-Bahn ereignet, war Ihnen völlig wurscht. Sie wussten nicht mal, was ein ‚Motz‘-Verkäufer ist. Eine einzige Fahrt haben Sie, auf Anraten, gewagt. Ihr Chauffeur hat Ihnen das Ticket gekauft, Sie im Grunewald in den Zug gesetzt, ist mit dem Auto vorgerast, um seinen unberechenbaren Chef am Zielbahnhof wieder einzusammeln (...)

Sie waren damit beschäftigt, uns Ihre Vorstellung aufzuzwingen. Die Spielverabredung ‚Bahnfahrer beschimpft Fahrgäste‘ wurde zu: Intendant beschimpft Ensemble (...). Dahinter steht eine folkloristische Idee von Theater: der hochbegabte Künstler, der Menschenmasse formt. Das brüllende Genie. Wir Spieler sollten dankbar sein! Für die Form, in die wir gepresst wurden. Lieben sollen wir Sie, zum Dank.

Nein danke! Brülle ich. Ausgerechnet Liebe! Das geht zu weit. Zum Teufel mit der Liebe! Die Liebe ist die Emotion, die Missbrauch möglich macht. Sie ist unsere größte Stärke und kann gleichzeitig die größte Schwäche sein. Dass Sie ausgerechnet die Liebe beschwören, Herr Peymann, ist so absurd wie genial! Sie wissen, wo Sie uns treffen können, nicht? Missbrauch funktioniert nur da, wo Liebe ist. Und genau das ist das Problem. Wir können ja nicht auf sie verzichten! Ein Leben ohne Liebe gibt es nicht. Was aber könnte die Lösung sein? Der Gegenpart zur Liebe ist der Hass. Rache. Kein guter Weg.

Herr Peymann! Treten Sie mit mir in den Ring!

Herr Peymann! Auch wenn Sie diese Wendung jetzt überraschen wird: (...) Kämpfen wir! Umeinander. Mann, Frau, divers! Sehr berühmter Intendant mit eher wenig berühmter Schauspielerin. (...) Um es besser zu machen, müssen wir uns dem, was war, stellen. Das, was sich am BE hinter den Kulissen abgespielt hat, war nicht gut. Ich habe es als demütigend empfunden. Als psychische Gewalt. Warum war das möglich? Wer ist schuld? Das System? Herr Peymann ganz allein? (Wollen wir ihm diese Macht auch noch zugestehen?) Oder wir alle, die da mitgemacht haben?! (Auch ich!)

Kommen Sie, Herr Peymann! Treten Sie mit mir in den Ring! (...)“

Den ganzen Brief können Sie auf der Homepage von Mareile Blendl lesen: www.mareileblendl.com